Mangroven: Erstmals mehr Zuwachs als Verlust weltweit
Good News

Mangroven: Erstmals mehr Zuwachs als Verlust weltweit

Seit mehr als einem Jahrzehnt wachsen Mangrovenwälder weltweit wieder. Zuwächse übersteigen Verluste, der Nettorückgang über 40 Jahre beträgt nur ein Prozent. Eine Studie in Science mit 40 Jahren Satellitendaten belegt die überraschende Erholung.

18. Juni 2026, 8:43 Uhr 793 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Pro Hektar speichern Mangroven bis zu 1.000 Tonnen Kohlenstoff, drei- bis fünfmal mehr als ein gleichgroßer Tropenwald. Jahrzehntelang galt das als bedeutungslos, weil die Bestände schwanden: Garnelenzuchten und Küstenbau fraßen sich besonders in Südostasien in die Wälder. Eine am 4. Juni 2026 in Science veröffentlichte Studie mit 40 Jahren Satellitendaten zeigt jetzt, dass sich dieser Trend seit rund 16 Jahren umgekehrt hat. Der Nettoverlust über den gesamten Beobachtungszeitraum beträgt nur noch ein Prozent.

Was Mangroven sind und warum sie zählen

Mangrovenwälder wachsen im Gezeitenbereich tropischer und subtropischer Küsten, dort wo Süßwasser auf Salzwasser trifft. Ihre eigentümlichen Luftwurzeln ragen aus dem Wasser und stabilisieren Küstenlinien gegen Erosion und Sturmflutwellen. Im Innern dieser Wurzelgeflechte laichen Fische, Garnelen und Krebse: die Wälder sind Kinderstube für einen Großteil der kommerziell wichtigsten Meeresfrüchte der Tropen.

mangroven

Doch ihr wichtigster Beitrag ist der zum globalen Kohlenstoffkreislauf. Pro Hektar speichern Mangroven nach Angaben der Blue Carbon Initiative rund 1.000 Tonnen Kohlenstoff, drei- bis fünfmal mehr als gleichgroße tropische Regenwälder. Der Unterschied liegt im Boden: Während Tropenwälder den Großteil ihres Kohlenstoffs in oberirdischer Biomasse binden, vergraben Mangroven etwa 75 Prozent in den sauerstoffarmen Sedimenten unter ihren Wurzeln, wo er sich über Jahrtausende akkumuliert. Zerstörte Mangroven setzen daher nicht nur aktuell gebundenes CO₂ frei, sondern auch jahrhundertealte Kohlenstoffvorräte.

Genau das machte den Rückgang der vergangenen Jahrzehnte so folgenreich. Aquakulturanlagen für Garnelenzucht, landwirtschaftliche Umwidmung und Küstenentwicklung fraßen sich besonders in Südostasien und Lateinamerika in die Wälder hinein.

Vier Jahrzehnte Verlust, sechzehn Jahre Erholung

Die Studie, deren Erstautor Zhen Zhang als Postdoktorand an der Tulane University School of Science and Engineering tätig ist, nutzte vier Jahrzehnte Landsat-Satellitenaufnahmen des NASA-Earth-Observation-Programms, das bisher umfangreichste Datenfundament für eine solche globale Analyse. Co-Autoren sind unter anderem Thomas Worthington, Leiter des Global Coastal Wetlands Lab an der University of Cambridge und Tulane-Professor Daniel Friess, der das Mangrove Lab an der Universität leitet.

Die Kernbefunde laut Science-Publikation (DOI: 10.1126/science.aec9773): Zwischen den späten 1980er Jahren und 2010 gingen weltweit rund 2.900 Quadratkilometer Mangrovenfläche verloren. Dann kehrte sich der Trend um. Seit rund 16 Jahren, also seit etwa 2010, übersteigen die Zuwächse durch natürliche Regeneration und aktive Wiederherstellungsprojekte die Verluste durch Abholzung. Über den gesamten 40-Jahres-Zeitraum beträgt der Nettorückgang noch etwa ein Prozent der Ausgangsfläche.

Zhang nannte das Ergebnis in der Tulane-Pressemitteilung einen globalen Wendepunkt für Mangroven und verwies auf ihr Potenzial als naturbasierte Lösung für Klimaschutz und Küstensicherung. Daniel Friess ergänzte, Mangroven zeigten jetzt netto ein weltweites Wachstum und die Degradationsrate verlangsame sich.

Im Vergleich: Was andere Ökosysteme zeigen

Das Mangroven-Comeback steht nicht allein. Zwei andere Ökosysteme zeigen, wie politische Maßnahmen Verlusttrends umkehren können und wo die Grenzen liegen.

klimaschutz

Costa Rica ist das deutlichste Beispiel für eine erfolgreiche Trendwende bei Landwäldern. Bis Ende der 1980er Jahre war die Waldbedeckung des Landes durch intensive Abholzung für Viehwirtschaft auf 21 Prozent gesunken. Dann führte die Regierung ein nationales Zahlungsprogramm für Ökosystemleistungen ein, das Grundbesitzer für den Erhalt von Wald entschädigte. Heute liegt die Waldbedeckung wieder bei über 60 Prozent. Über rund 50 Jahre hat sich der Bestand damit verdreifacht. Das Mangroven-Muster folgt einer ähnlichen Logik: Wo politischer Schutz und wirtschaftliche Anreize zusammentreffen, dreht sich der Trend.

Beim Korallenriff zeigt der Vergleich die Grenzen einer solchen Erholung. Globale Korallenriffe haben laut Zwischenbericht des IPCC seit den 1950er Jahren etwa die Hälfte ihrer lebenden Riffstruktur verloren. Erholungsraten liegen weit hinter Verlustraten. Der Unterschied zu Mangroven liegt in der Klimaabhängigkeit: Korallen reagieren direkt auf steigende Meerestemperaturen mit Bleichepisoden, Mangrovenwälder sind temperaturtoleranter und regenerieren sich nach lokalen Störungen deutlich schneller. Das macht sie zum zugänglicheren Wiederherstellungsziel.

Was den Erfolg gefährdet: Küstenentwicklung und Klimaextreme

Die Erholung ist real, aber nicht gesichert. Drei Risiken stehen dem Fortschritt entgegen.

Erstens die Küstenentwicklung. Trotz des positiven Gesamttrends werden lokal weiterhin Mangroven für Aquakultur, Tourismus und Siedlungsbau gerodet. In einigen Regionen Südostasiens und Westafrikas laufen Verluste und Wiederherstellung gleichzeitig ab, mit regional unterschiedlichem Nettoergebnis.

Zweitens Klimaextreme. Die Studie nennt das Beispiel des Mississippi River Delta und Texas, wo Mangrovenwälder sich in den letzten Jahrzehnten nach Norden ausgebreitet hatten, bis ein extremes Frostereignis 2021 die Bestände in Texas hart traf. Mit zunehmender Häufigkeit extremer Wetterereignisse ist die Stabilität neu besiedelter Mangroven-Areale schwerer vorherzusagen.

Drittens fehlt ein global einheitliches Monitoring. Die Landsat-Studie liefert das bisher vollständigste Bild, aber erst jetzt gibt es eine methodisch konsistente Basis. Thomas Worthington von der University of Cambridge empfahl in der Studie, den unmittelbarsten Schutz auf die Beendigung von Abholzung zu konzentrieren: Die effektivste Methode, Mangroven zu schützen, sei die Abholzung zu stoppen. Aktive Wiederherstellung könne diesen Effekt ergänzen, aber nicht ersetzen.

Quellen (8)

Kommentare