
Hamas tötet 108 Palästinenser: Amnesty belegt Hinrichtungen
Quellen (8)
- Amnesty International Deutschlandamnesty.de
- Amnesty International (vollständiger Bericht)amnesty.de
- Amnesty International (englisch)amnesty.org
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
- Tagesanzeigertagesanzeiger.ch
- Jüdische Allgemeinejuedische-allgemeine.de
- watson.chwatson.ch
- Amnesty International Österreichamnesty.at
Während die Verhandlungen über Gazas politische Zukunft laufen, sterben im Gazastreifen Menschen ohne Gerichtsverfahren. Amnesty International hat am 21. August Belege für zehn Hinrichtungen und eine unrechtmäßige Tötung vorgelegt, allesamt begangen von Hamas-nahen Kräften seit der Waffenruhe zwischen Israel und Hamas vom Oktober 2025. Die UN-Mission in Gaza dokumentierte im gleichen Zeitraum 249 Fälle außergerichtlicher Hinrichtungen und schwerer Gewalt mit mindestens 108 Todesfällen, an denen in mindestens 60 Fällen Hamas-affiliierte Kräfte beteiligt waren. Für keine dieser Tötungen wurde bisher jemand strafrechtlich verfolgt.
Acht erschossen, weil sie sich gestellt hatten
Der Fall der Familie Dughmush steht exemplarisch für das Vorgehen, das Amnesty dokumentierte. Am 10. Oktober 2025 umstellten Hamas-Kräfte das Wohnviertel der Familie in Al-Sabra, dem westlichen Teil von Gaza. Der Vorwurf: Die Familie habe ein Feldlazarett geplündert und zur Lagerung von Waffen genutzt. Nach einer Woche Belagerung stellten sich mehrere Familienmitglieder nach der Zusicherung, ein faires Verfahren zu erhalten.
Zwei Stunden nach ihrer Übergabe wurden acht Männer der Familie Dughmush am 13. Oktober 2025 öffentlich in der Al-Thalathini-Straße erschossen. Ein Video, das Amnesty International verifizierte und das auf Plattformen im Umfeld der Hamas verbreitet wurde, zeigt acht Männer mit verbundenen Augen und gefesselten Händen, teils nur notdürftig bekleidet und mit Anzeichen vorangegangener Verletzungen. Mindestens vier weitere Familienmitglieder kamen in den vorangegangenen Kämpfen ums Leben, ebenso ein Hamas-Mitglied.
Am selben Tag starb Hisham al-Saftawi, ein 57-jähriger Bewohner des Flüchtlingslagers Al-Bureij, nachdem maskierte Männer ihn erschossen hatten. Er hatte einem Hamas-Vorladungsbescheid nicht Folge geleistet. Am 21. September 2025 wurden drei Männer von der sogenannten „Joint Operations Room for the Resistance“ öffentlich hingerichtet.
Das Muster: Straflosigkeit als Instrument
Die Hinrichtungen folgen einem Muster, das Amnesty als systematisch einordnet. Der häufigste Vorwurf lautet Kollaboration mit Israel, also die Weitergabe von Aufenthaltsorten hochrangiger Hamas-Mitglieder an israelische Streitkräfte. Am 1. Juli 2026 ließ die Widerstandssicherheit einen Mann in Gaza öffentlich hinrichten und verbreitete seine Daten anschließend per Telegram. Die Al-Qassam-Brigaden kündigten zeitgleich an, einen weiteren „Informanten“ innerhalb weniger Tage zu töten.
Bereits vor der Waffenruhe dokumentierte Amnesty International den Fall der Hilfsarbeiterin Islam Hijazi: Sie wurde im September 2024 in Khan Younis getötet, nach Hamas-Angaben in einem „Feuergefecht“. Die Todesumstände deuten auf 90 Schüsse hin. Bis heute gibt es keine unabhängige Untersuchung.
Erika Guevara-Rosas, Senior Director for Research, Advocacy, Policy and Campaigns bei Amnesty International, erklärte: Die Hamas müsse alle außergerichtlichen Hinrichtungen sofort beenden und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Gleichzeitig fordert Amnesty unabhängige Ermittlungen und die Wiederherstellung rechtsstaatlicher Strukturen in Gaza.
Hamas: Interne Ermittlungen, keine Anklagen
Dr. Mousa Abu Marzouk, Leiter der internationalen Abteilung der Hamas, teilte gegenüber Amnesty mit, es seien vorläufige interne Untersuchungen eingeleitet worden. Belastbare Ergebnisse oder Anklagen liegen nicht vor. Für die Organisation ist das kein Zufall: In Gaza existiert nach Jahren Krieg keine unabhängige Justiz mehr. Die Hamas kontrolliert sowohl den Sicherheitsapparat als auch die Gerichte in dem Gebiet, das sie verwaltet. Ohne externe Ermittlungsinstanz bleibt Strafverfolgung strukturell ausgeschlossen.
Das ergibt eine paradoxe Lage: Die Waffenruhe, die im Oktober 2025 ausgehandelt wurde und eine Deeskalation bringen sollte, markiert zugleich den Beginn einer neuen Welle interner Gewalt. Amnesty dokumentiert zehn Fälle allein in den ersten Wochen nach der Waffenruhe. Die UN-Zahlen legen nahe, dass das nur ein kleiner Ausschnitt des tatsächlichen Ausmaßes ist.
Keine Ermittlung hat bisher zu Anklagen geführt
Die Straflosigkeit hat eine politische Dimension, die über Gaza hinausgeht. Gespräche über eine Nachkriegsordnung für den Gazastreifen setzen zumindest funktionale rechtsstaatliche Strukturen voraus, wenn sie langfristig tragen sollen. Solange Hamas-affiliierte Kräfte Menschen öffentlich hinrichten können, ohne rechtliche Konsequenzen zu fürchten, bleibt die Frage, welche Ordnung nach dem Krieg entstehen soll, unbeantwortet.
Amnesty fordert konkret: ein sofortiges Ende aller außergerichtlichen Hinrichtungen, unparteiische Ermittlungen zu allen dokumentierten Fällen, Strafverfolgung der Verantwortlichen und Zugang für internationale Ermittler. Mindestens 108 Menschen starben laut UN-Dokumentation seit August 2024 durch außergerichtliche Gewalt in Gaza. Wer für diese Tötungen verantwortlich ist, steht in keinem Fall vor Gericht.
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