KI: Exportsperre und Kooperationsruf am G7-Gipfel
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KI: Exportsperre und Kooperationsruf am G7-Gipfel

Während Anthropic-CEO Dario Amodei beim G7-Gipfel in Évian für internationale KI-Kooperation warb, hatte die Trump-Regierung Tage zuvor Anthropics leistungsfähigste Modelle für alle Ausländer gesperrt. Das Paradox zeigt, wie unentschieden US-KI-Politik zwischen Dominanz und Zusammenarbeit pendelt.

18. Juni 2026, 2:42 Uhr 757 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Am 12. Juni ordnete das US-Handelsministerium an, dass Anthropics leistungsfähigste KI-Modelle für alle Ausländer gesperrt werden, einschließlich Anthropics eigener Mitarbeiter mit ausländischem Pass. Fünf Tage später saß Anthropic-CEO Dario Amodei beim G7-Gipfel in Évian neben den Staatschefs der sieben größten Demokratien und forderte internationale Kooperation in der KI-Entwicklung. Der Widerspruch zwischen dem, was die US-Regierung tut und dem, was ihre eigene KI-Industrie verlangt, war selten so sichtbar.

Fable 5 und Mythos 5: Wie die Sperre entstand

Das US-Handelsministerium erließ am 12. Juni eine Exportkontrollverfügung, die Anthropic zwang, zwei seiner neusten Modelle, Fable 5 und Mythos 5, für alle Nichtamerikaner zu sperren. Als Begründung nannte die Regierung einen Verdacht: Eine mutmaßlich China-nahe Gruppe habe auf die Modelle zugegriffen, zudem bestehe ein mögliches Sicherheitsproblem durch ein enges Jailbreak-Szenario.

Anthropic widersprach der Einschätzung öffentlich. Das Unternehmen erklärte, die Regierung habe nur „verbale Hinweise auf ein mögliches, enges und nicht universelles Jailbreak\" geliefert, das keinen Rückruf eines Produkts rechtfertige, das von Hunderten Millionen Menschen genutzt werde. Weil Anthropic seine Nutzerbasis nicht zuverlässig nach Nationalität filtern konnte, war das praktische Ergebnis eine weltweite Abschaltung beider Modelle, für alle Kunden.

Unmittelbar betroffen waren nicht nur internationale Nutzer, sondern auch Anthropic-Mitarbeiter mit H-1B-Visa sowie Forscher und Bildungsinstitutionen in EU-Staaten, die zu den engsten Verbündeten der USA zählen. Die EU-Kommission warnte umgehend, US-Exportkontrollen dürften „nicht diskriminierend\" wirken. Das Kommentar richtete sich implizit an die Frage, ob Washingtons Vertrauenspartner in Europa dauerhaft vom Zugang zu amerikanischer KI-Spitzentechnologie ausgeschlossen werden sollen.

Was Amodei, Altman und Hassabis in Évian forderten

Am letzten Tag des G7-Gipfels in Évian-les-Bains kamen neben Amodei auch OpenAI-Chef Sam Altman und Google-DeepMind-CEO Demis Hassabis zum Mittagessen mit den Regierungschefs zusammen. Alle drei forderten eine stärkere Rolle demokratischer Institutionen in der KI-Governance.

Altman formulierte am deutlichsten: Er rief nach einem „internationalen Forum für Diskussion, das global akzeptierte Teststandards festlegt, unabhängige Analyse von Fähigkeiten und Risiken bietet und als Plattform für die Kooperation unter Nationen dient\". Die Verantwortung für die Sicherheit der KI dürfe nicht bei den Unternehmen liegen, die mächtigsten Systeme bauen, sagte er.

Amodei und Hassabis gingen in eine konkretere Richtung. Sie warben für eine US-geführte KI-Koalition, die strukturierten Zugang zu Grenzmodellen und Chip-Handel regelt und China ausschließt. Als Kooperationsfelder nannten beide Risiken durch KI in Cyberoperationen, Bioterrorismus und Geheimdienstanwendungen. Kanadas Premierminister Mark Carney erklärte als erster G7-Staatschef, die USA könnten eine solche Koalition anführen.

Was die G7 bereit waren zu beschließen

Aus dem Treffen gingen keine verbindlichen Beschlüsse zur KI-Governance hervor. Der G7-Abschlusskommuniqué erwähnte Künstliche Intelligenz, enthielt aber keinen Zeitplan für ein gemeinsames Governance-Rahmenwerk, keine Zusagen zu einem Kooperationsforum und keine Abstimmung über Exportregeln für KI-Systeme.

Die Situation war für die europäischen G7-Mitglieder besonders pikant: Deutschland, Frankreich, Italien und das Vereinigte Königreich sind als enge US-Verbündete vom Zugang zu Anthropics gesperrten Modellen ausgeschlossen, werden aber gleichzeitig um Beteiligung an einer US-geführten KI-Koalition gebeten. OpenAI-Vertreter Chris Lehane sprach von einem „Zusammenwachsen unter Ländern und Unternehmen\" in Richtung eines gemeinsamen Forums. Konkrete Termine oder institutionelle Formen nannte er nicht.

Warum Washington beides gleichzeitig betreibt

Der scheinbare Widerspruch zwischen Exportsperre und Kooperationsruf folgt einer eigenen Logik. Exportkontrollen auf KI-Modelle sollen verhindern, dass China die Leistungslücke zu US-Systemen schneller schließt als politisch toleriert. Die Idee einer US-geführten KI-Koalition soll denselben Zweck über Bündnispolitik erreichen: Standards setzen, bevor andere es tun. Beides zusammen ergibt eine Strategie technologischer Vorherrschaft, die Verbündete einschließt und Rivalen ausschließt.

Das Problem dieser Strategie liegt in ihrer Umsetzung. Verbündete, die von US-KI-Systemen abgeschnitten werden, entwickeln eigene Alternativen oder wenden sich chinesischen Anbietern zu, was das Gegenteil des strategischen Ziels ist. Anthropic selbst, das von der US-Regierung zur Sperrung gezwungen wurde, sendet seit dem Gipfel dasselbe Signal: Exklusion ohne Kooperation untergräbt die Allianz, nicht China.

Für Anthropic und OpenAI läuft das Lobbying auf eine konkrete Forderung hinaus: Vertrauenswürdige Verbündete sollen wie in anderen Bereichen technologischer Kontrolle über Ausnahmen von den Exportregeln verfügen. Ob die Trump-Regierung das als nächsten Schritt beschließt, ist das offene Ende eines G7-Gipfels, der mehr Fragen gestellt als beantwortet hat.

Quellen (10)

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