Nvidia: Rekordumsatz und trotzdem sinkende Aktie
Wirtschaft

Nvidia: Rekordumsatz und trotzdem sinkende Aktie

Nvidia meldete 81,6 Milliarden Dollar Umsatz im ersten Quartal 2027, 85 Prozent mehr als im Vorjahr. Trotzdem fiel die Aktie nach Veröffentlichung der Zahlen zum vierten Mal in Folge.

21. Mai 2026, 11:05 Uhr 748 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Als Nvidia am Mittwoch die Quartalszahlen vorlegte, erzielte das Unternehmen den höchsten Quartalsgewinn seiner Geschichte: 58,3 Milliarden Dollar Nettogewinn, 211 Prozent mehr als im Vorjahr. Und die Aktie fiel trotzdem. Nicht weil die Zahlen enttäuschten, sondern weil die Erwartungen der Wall Street die eigene Unternehmensplanung mittlerweile übersteigen.

Von der GPU-Firma zur KI-Infrastruktur

Nvidia erzielte laut Quartalsbericht an die US-Börsenaufsicht SEC im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 (Februar bis April 2026) einen Gesamtumsatz von 81,6 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Anstieg von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr und liegt 2,4 Milliarden Dollar über dem Analystenkonsens von 79,2 Milliarden Dollar. 75,2 Milliarden Dollar, das sind 92 Prozent des Gesamtumsatzes, entfielen auf das Datenzentrumsgeschäft. Nvidia ist in der Praxis kein Grafikprozessorhersteller für Spieler mehr als Kerngeschäft: Das Unternehmen ist der weltgrößte Lieferant für KI-Recheninfrastruktur.

CEO Jensen Huang erklärte dazu, die KI-Infrastruktur durchlebe die "largest infrastructure expansion in human history" und das Tempo beschleunige sich weiter. Hintergrund ist der Übergang zu Reasoning-Modellen, die pro Anfrage erheblich mehr Rechenleistung verbrauchen als ältere Sprachmodelle, sowie das Aufkommen autonomer KI-Agenten. Huang bezifferte den zusätzlichen Rechenbedarf allein durch diese Entwicklungen auf das Hundertfache gegenüber einem Jahr zuvor.

Ein erhebliches Risiko zeichnete sich dabei scharf ab: China. Im April 2025 hatte die US-Regierung den Verkauf von Nvidias H20-Chips nach China untersagt. Nvidia musste dafür laut SEC-Einreichung 4,5 Milliarden Dollar Lagerabschreibungen verbuchen. Im Ausblick für das zweite Quartal setzt das Unternehmen keinen einzigen Dollar Rechenzentrumserlös aus China an, erstmals zwei Quartale in Folge. Eine neue Genehmigung des US-Handelsministeriums zum Verkauf von H200-Chips an Alibaba, Tencent und ByteDance liegt zwar vor, fließt aber nicht in die Basisplanung ein.

Warum die Aktie trotzdem fällt

Für das zweite Quartal stellt Nvidia 91 Milliarden Dollar in Aussicht, deutlich über dem Konsens von 87,4 Milliarden Dollar. Trotzdem fiel die Aktie nach Bekanntgabe der Zahlen. Daniel Newman vom Marktforschungsinstitut Futurum Group brachte das Problem auf den Punkt: Die Wall Street habe die eigenen Schätzungen über Nvidias eigene Guidance hinaus erhöht, das sei im laufenden Zyklus erstmals der Fall. Wenn Analysten die offizielle Unternehmenserwartung schon übertreffen müssen, um zufrieden zu sein, kann selbst ein Umsatzrekord zur relativen Enttäuschung werden.

Hinzu kommt die allgemeine Bewertungssituation. Der Philadelphia Semiconductor Index, der Nvidias Kursgewicht stark widerspiegelt, hatte in den sechs Wochen vor Bekanntgabe der Quartalszahlen um mehr als 50 Prozent zugelegt. Marktbeobachter zogen Parallelen zur Dotcom-Blase. Benzinga beschrieb ein strukturelles Muster, das sich bei Nvidia viermal in Folge gezeigt hat: Das Unternehmen schlägt die Schätzungen und die Aktie fällt trotzdem, weil Anleger, die auf das Ereignis spekuliert hatten, nach Veröffentlichung verkaufen.

Was 211 Prozent Gewinnwachstum bedeuten

Nvidia erzielte eine Bruttomarge von 74,9 Prozent, gegenüber 60,5 Prozent im Vorjahresquartal. Der Nettogewinn lag bei 58,3 Milliarden Dollar. Von jedem eingenommenen Dollar verbleiben Nvidia 75 Cent als Rohertrag nach Herstellungskosten. Zum Vergleich: Der gesamte deutsche Bundeshaushalt umfasst rund 480 Milliarden Euro pro Jahr. Nvidia verdient in einem Quartal gut ein Zehntel davon als Reingewinn.

Parallel erhöhte das Unternehmen die Quartalsdividende von einem Cent auf 25 Cent je Aktie, eine Verfünfundzwanzigfachung. Zusätzlich genehmigt der Vorstand einen weiteren Aktienrückkauf im Volumen von 80 Milliarden Dollar. Allein im ersten Quartal schüttete Nvidia etwa 20 Milliarden Dollar an Aktionäre aus. Das Verhalten eines Konzerns, der Kapital zurückgibt wie ein reifes Unternehmen, während er wächst wie ein Startup.

Dieses Geld kommt aus den Budgets von Microsoft, Google, Amazon und Meta, die Nvidias Chips zu Milliardensummen kaufen, um KI-Dienste zu betreiben. Die Kosten fließen in die Preise der Dienste, die Millionen Nutzer täglich verwenden. Nvidias Stärke beruht dabei auch auf einem strukturellen Vorteil: Die Softwareplattform CUDA, auf der das Training und der Betrieb von KI-Modellen aufbauen, ist proprietär und läuft nur auf Nvidia-Hardware. Ein Wechsel zu AMD- oder Intel-Alternativen würde jahrelange Software-Anpassungen erfordern. In der Branche gilt Nvidia deshalb als Monopolist für professionelle KI-Beschleuniger mit entsprechendem Preissetzungsspielraum.

Vera Rubin und die China-Wildcard im zweiten Quartal

Die nächste Produktgeneration steht in den Startlöchern. Die Vera-Rubin-Plattform soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 verfügbar werden und die dreifache Rechenleistung der aktuellen Grace-Blackwell-Systeme bieten. Für Rechenzentren, die KI-Modelle trainieren und betreiben, wäre das ein erheblicher Kapazitätssprung, der gleichzeitig Druck auf die Entscheidung auslöst, ob man jetzt noch Grace-Blackwell-Hardware kauft oder wartet.

Der wichtigste offene Faktor bleibt China. Falls die erteilte Genehmigung zum Verkauf von H200-Chips an Alibaba, Tencent und ByteDance in konkrete Kaufaufträge mündet, hat Nvidia im zweiten Quartal erhebliches Aufwärtspotenzial gegenüber der eigenen Prognose von 91 Milliarden Dollar. Nvidia behandelt China bewusst als mögliche Überraschung, nicht als Planungsgrundlage. Wer Nvidia-Aktien hält, wettet damit auch auf den Ausgang der amerikanisch-chinesischen Handelspolitik.

Quellen (6)

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