Babyboomer in Rente: Die 4,3-Millionen-Lücke
Wirtschaft

Babyboomer in Rente: Die 4,3-Millionen-Lücke

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat seine Prognose massiv verschärft: Bis 2036 fehlen Deutschland 4,3 Millionen Arbeitskräfte, rund 43 Prozent mehr als noch vor zwei Jahren geschätzt. Alle drei Gegenmaßnahmen, die das IW empfiehlt, scheitern politisch.

16. Juni 2026, 14:41 Uhr 790 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Jedes Jahr gehen rund 1,3 Millionen Babyboomer in Rente. Nur rund 800.000 Jüngere rücken nach. Das ergibt einen Nettoverlust von 500.000 Arbeitskräften pro Jahr. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat diese Rechnung jetzt bis 2036 durchgeführt und kommt auf eine Gesamtlücke von 4,3 Millionen Personen: ein Drittel mehr als noch vor zwei Jahren und groß genug, um Pflegeversorgung, Rentensystem und Wirtschaftswachstum gleichzeitig unter Druck zu setzen.

Was das IW berechnet hat

Der IW-Kurzbericht Nr. 39, am 15. Juni 2026 veröffentlicht, stellt das Erwerbspersonenpotenzial in den Mittelpunkt. Autor Philipp Deschermeier hat hochgerechnet: Derzeit sind rund 55 Millionen Menschen in Deutschland potenziell erwerbstätig. Bis 2036 sinkt diese Zahl dem IW zufolge um 6,9 Prozent auf 51,2 Millionen, bis 2045 sogar auf 50,4 Millionen.

Zum Vergleich: Noch 2024 hatte das IW die erwartete Arbeitskräftelücke auf knapp 3 Millionen geschätzt. Die neue Zahl liegt 1,3 Millionen höher. IW-Experte Holger Schäfer fasst den Kernbefund knapp zusammen: „Deutschland steht nicht vor dem demografischen Wandel, sondern befindet sich bereits mittendrin.“

Hinter der Zahl steckt eine schlichte Arithmetik. Bis 2036 werden alle rund 20 Millionen Babyboomer der Jahrgänge 1954 bis 1969 das Rentenalter erreicht haben. Jährlich verlässt diese Kohorte mit rund 1,3 Millionen Personen den Arbeitsmarkt. Ihnen folgen pro Jahr nur rund 800.000 nachrückende Jüngere. Der Jahressaldo lautet: minus 500.000 Arbeitskräfte.

Drei Ursachen, die sich gegenseitig verstärken

Dass die Prognose jetzt pessimistischer ausfällt als noch vor zwei Jahren, liegt laut IW an drei sich überlagernden Entwicklungen.

Erstens schrumpft die Bevölkerung früher als erwartet. Im Jahr 2025 sank sie in Deutschland erstmals seit vielen Jahren um rund 100.000 Personen, weil die Sterberate die Geburtenrate überstieg. Bis 2045 rechnet das IW mit einem Bevölkerungsrückgang auf 81,1 Millionen, gegenüber heute knapp 84 Millionen.

Zweitens hat die Bundesregierung ihre Migrationspolitik im Verlauf des vergangenen Jahres deutlich restriktiver gestaltet. Schäfer nennt die „Migrationswende der Bundesregierung“ als wesentlichen Faktor: Durch verschärfte Grenzkontrollen und veränderte Einwanderungsregeln kommen deutlich weniger Menschen nach Deutschland als noch Mitte der 2020er Jahre erwartet worden war.

Drittens wirkt ein Imageproblem, das sich in Zahlen kaum fassen lässt, aber in der Realität messbar ist: Wirtschaftliche Schwäche und wachsende Arbeitsmarktprobleme machen Deutschland als Zielland für internationale Fachkräfte weniger attraktiv. Wer drei Jahre in Folge unter seinem wirtschaftlichen Potenzial bleibt, verliert im Wettbewerb um gut ausgebildete Arbeitnehmer aus Drittstaaten gegenüber stabileren Volkswirtschaften.

ver.di setzt hier einen anderen Akzent. Die Gewerkschaft weist darauf hin, dass in Deutschland aktuell 2,5 Millionen Menschen ohne Arbeit sind, darunter 900.000 Langzeitarbeitslose. Diese Menschen stehen dem Arbeitsmarkt formal zur Verfügung, können ihn aber nicht vollständig nutzen. Die Gewerkschaft diagnostiziert einen Teufelskreis: schlechte Arbeitsbedingungen treiben Beschäftigte aus Berufen heraus, die Lücke wächst, die verbleibenden Kräfte werden noch stärker belastet. Als Beleg dafür, dass dieser Kreislauf längst läuft, verweist ver.di auf Pflegepersonal: Nur noch 23 Prozent der Pflegekräfte glauben, ihren Beruf bis zur Rente ausüben zu können. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat in eigenen Befragungen ermittelt, dass bereits heute 46 Prozent der Beschäftigten in Deutschland erheblichen Personalmangel in ihrer Abteilung wahrnehmen.

Was das für Sozialstaat und Wirtschaft bedeutet

Der Fachkräftemangel ist kein reines Wirtschaftsproblem. Er ist eine Frage der sozialen Infrastruktur. Jede fehlende Pflegerin belastet die verbleibenden; jede unbesetzte Stelle im Bildungssystem vergrößert Klassen und verlängert Unterrichtsausfälle; jede vakante Ingenieursstelle bremst Investitionsprojekte. Die Branchen mit dem größten Engpass sind keine Luxussektoren, sondern systemrelevante: Gesundheit, Pflege, Bau, IT, Bildung.

Für den Sozialstaat hat das eine direkte Rechenwirkung. Weniger Erwerbstätige bedeuten weniger Beitragseinnahmen in Rentenversicherung, Krankenversicherung und Pflegeversicherung, während gleichzeitig mehr Menschen Leistungen beziehen. Das Bundesarbeitsministerium hat diese strukturelle Spannung bisher ohne konkrete Reformvorschläge gelassen. Die gesetzliche Rentenversicherung geht in ihren Projektionen davon aus, dass das Beitragsniveau bis 2039 haltbar bleibt, unter Annahmen, die das IW jetzt als zu optimistisch einstuft.

Was das IW fordert und warum die Koalition zögert

Das Institut nennt drei Hebel: Mehr Menschen müssten länger arbeiten, qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland müssten leichter einwandern können und Steuern sowie Sozialbeiträge müssten sinken, damit sich Mehrarbeit und ein Wechsel von Teilzeit in Vollzeit finanziell lohnen.

Alle drei Hebel stoßen innenpolitisch auf Widerstand. Die Anhebung des Rentenalters über 67 hinaus haben SPD und CDU/CSU im Koalitionsvertrag ausdrücklich ausgeschlossen. Die Migrationswende, die das IW als zentralen Verschärfungsgrund benennt, ist kein Versehen, sondern Programm der Regierung. Steuerentlastungen sind zwar im Koalitionsvertrag angedacht, konkrete Beschlüsse stehen aber noch aus und sind haushaltspolitisch strittig.

Bleibt das ungenutzte Potenzial im Inland: Das IW schätzt besonders bei ausländischen Frauen in Deutschland Reserven, weil Sprachhürden und fehlende Qualifizierungsangebote sie vom Arbeitsmarkt fernhalten. ver.di sieht zusätzlich die Möglichkeit, Teilzeitkräfte in Vollzeit zu bringen, wenn die Arbeitsbedingungen sich verbessern. Beide Maßnahmen kosten Zeit, die Deutschland nach der IW-Rechnung nicht hat: 500.000 Arbeitskräfte weniger, jedes Jahr, ab sofort.

Quellen (8)

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