Brasiliens Atlantikwald: Wenigste Abholzung seit 1985
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Brasiliens Atlantikwald: Wenigste Abholzung seit 1985

Brasiliens Atlantikwald meldet für 2025 einen historischen Tiefstand bei der Entwaldung: 8.658 Hektar, erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen 1985 unter der Marke von 10.000 Hektar. Das ist ein Rückgang von 40 Prozent gegenüber 2024.

17. Juni 2026, 8:41 Uhr 758 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wer auf einer Karte nach dem Atlantikwald sucht, findet ihn kaum noch: Von den ursprünglich 1,5 Millionen Quadratkilometern entlang der brasilianischen Küste sind heute mehr als 85 Prozent verschwunden. Und trotzdem ist die Messung für 2025 bemerkenswert. Zum ersten Mal seit 40 Jahren liegt die jährliche Abholzungsrate unter 10.000 Hektar. Ein Beleg, dass gezielte Schutzpolitik selbst in einem der am stärksten fragmentierten Ökosysteme der Welt wirken kann.

Was den Atlantikwald so bedeutend macht

Der Atlantikwald, auf Portugiesisch Mata Atlântica, erstreckte sich ursprünglich über rund 1,5 Millionen Quadratkilometer entlang der brasilianischen Atlantikküste. Jahrhundertelange Abholzung für Zuckerrohr, Kaffee, Viehzucht und Urbanisierung haben mehr als 85 Prozent dieser Fläche vernichtet. Je nach Messmethode sind noch 12 bis 27 Prozent der ursprünglichen Bedeckung erhalten; das ältere Satellitensystem erfasst nur größere zusammenhängende Flächen, modernere Systeme auch Kleinstparzellen auf Privatland.

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Trotz dieses Verlusts ist der Atlantikwald kein Randphänomen. In seinem Einzugsbereich leben rund 72 Prozent der brasilianischen Bevölkerung, darunter São Paulo, Rio de Janeiro und weitere Großstädte. Laut WWF erwirtschaftet die Region 70 Prozent des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts. 60 Prozent der Brasilianer beziehen ihr Trinkwasser aus Quellen, die der Atlantikwald speist. Genau deshalb ist der Wert von 8.658 Hektar so bemerkenswert: Dieser Wald schützt die wirtschaftliche und Wasserversorgungsinfrastruktur des bevölkerungsreichsten Teils des Landes.

Wie der Rückgang der Entwaldung zustande kam

Die Daten stammen von SOS Mata Atlântica, einer brasilianischen Umweltorganisation, die seit 1985 satellitengestützt die Waldfläche kartiert. Ihr Bericht, veröffentlicht im Frühjahr 2026, verzeichnet den Rückgang von 14.366 Hektar im Jahr 2024 auf 8.658 Hektar in 2025.

Auf nationaler Ebene sanken die Abholzungsraten in Brasilien 2025 insgesamt um 20,6 Prozent, wie die brasilianische Presseagentur Agência Brasil berichtete. Im Amazonas und im Cerrado ist diese Entwicklung der Amtszeit von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva zuzuschreiben, der Umweltschutzbehörden wieder stärkte und internationale Klimafinanzierung anzog. Im Atlantikwald spielt zusätzlich das Bundesgesetz von 2006 (Lei da Mata Atlântica) eine Rolle, das verbleibende Waldbestände unter strengen Schutz stellt und für Eingriffe behördliche Genehmigungen verlangt.

Ein zweites Monitoringsystem mit neuerer Satellitentechnologie meldet für denselben Zeitraum höhere Zahlen: 38.385 Hektar Waldverlust, ein Rückgang von 28 Prozent. Der Unterschied liegt in der Methodik: Das neuere System erfasst auch kleinste Parzellen auf Privatland, die das ältere System nicht sieht. Beide zeigen denselben Trend, messen ihn aber unterschiedlich.

Was trotz des Rekords warnt

Der Rekordwert verdeckt strukturelle Probleme. Eine im Fachjournal Nature Sustainability veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2025 zeigt, dass der Atlantikwald trotz gesetzlichem Schutz weiterhin erhebliche Mengen an maturen, alten Waldbeständen verliert. Diese alten Wälder sind für Biodiversität und Kohlenstoffspeicherung entscheidend, werden aber durch Kleinparzellen-Abholzung auf Privatland und legale Ausnahmeregelungen weiter dezimiert.

Politisch gibt es Gegenwind. Ende 2025 hob das brasilianische Parlament in Brasília bestimmte Umweltvetorechte auf und erleichterte Genehmigungsverfahren für Großprojekte. Suely Araújo, Umweltrechtsexpertin beim Observatório do Clima, warnte daraufhin öffentlich, das sei eine strukturelle Schwächung der Schutzmechanismen, selbst wenn die Messzahlen für 2025 ermutigend aussehen. Der Agrarlobbyist-Block im brasilianischen Kongress ist stärker als in früheren Legislaturperioden und hat wiederholt versucht, das Atlantikwaldgesetz aufzuweichen.

Parallelen: Wälder, die sich erholt haben

Der Rückgang der Entwaldungsrate ist bedeutsam, aber die eigentliche Erholung beginnt erst, wenn mehr Wald nachwächst als verloren geht.

Costa Rica ist das bekannteste Beispiel für eine gelungene Waldwende. 1985 war die Waldbedeckung auf 21 Prozent der Landesfläche geschrumpft, durch Entwaldung für Rinderweiden und Landwirtschaft. Dann führte das Land ein Zahlungssystem für Ökosystemleistungen (Pagos por Servicios Ambientales) ein, das Grundbesitzer direkt dafür entlohnt, ihren Wald zu erhalten oder aufzuforsten. 2024 liegt die Waldbedeckung Costa Ricas wieder bei über 60 Prozent, ein Anstieg um fast 40 Prozentpunkte in vier Jahrzehnten.

Im Atlantikwald gibt es ähnliche Ansätze: Das Atlantic Forest Restoration Pact (AFRP) vereint über 300 Organisationen und hat bis 2020 bereits eine Million Hektar wiederhergestellt; das langfristige Ziel sind 15 Millionen Hektar bis 2050. Die Wissenschaftler der Fundação SOS Mata Atlântica schätzen, dass erst ab etwa 30 Prozent Gesamtbedeckung ökologische Prozesse wie Bestäubung, Samenausbreitung und Wasserregulierung wieder stabil werden. Derzeit liegt die Bedeckung je nach Methodik bei 12 bis 27 Prozent.

Bis das Wiederherstellungsziel erreichbar wird

Bis Ende 2026 muss Brasilien seinen aktualisierten nationalen Klimaplan (Nationally Determined Contribution, NDC) unter dem Pariser Abkommen einreichen. Ob der Atlantikwald darin als prioritäres Schutzgebiet verankert wird, entscheidet mit, ob der Rekord von 2025 ein Wendepunkt oder eine Ausnahme ist.

Der niedrigste Entwaldungswert seit 40 Jahren ist ein echtes Signal: Die Kombination aus Strafverfolgung, Fernerkundung und gesetzlichem Schutz zeigt Wirkung. Ob daraus ein dauerhafter Trend wird, hängt von politischen Entscheidungen ab, die 2026 fallen und von der Frage, ob Brasiliens Kongress den eingeschlagenen Weg bekräftigt oder zurückdreht.

Quellen (7)

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