
Badenbergs Doktorarbeit: Was die Vorwürfe belegen
Quellen (8)
- Stefan Weber / plagiatsgutachten.complagiatsgutachten.com
- LTO - Legal Tribune Onlinelto.de
- Tagesspiegeltagesspiegel.de
- ZDF Heutezdfheute.de
- Beck Aktuellbeck-aktuell.de
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
- T-Online Berlinberlin.t-online.de
- Berliner Zeitungberliner-zeitung.de
Sie hatte ihre Dissertation 2023 als nach den Grundsätzen guter wissenschaftlicher Praxis angefertigt bezeichnet. Jetzt hat Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) die Universität Köln um eine unabhängige Überprüfung ihrer Doktorarbeit gebeten, nachdem der österreichische Plagiatsforscher Stefan Weber am 19. August 2026 eine Analyse veröffentlicht hatte, die 83 mögliche Plagiatsstellen benennt. Vier Wochen vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 ist die Affäre damit auch eine Prüfung für CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers.
Die Vorwürfe
Badenbergs Dissertation trägt den Titel Das Recht des Kindes auf Kenntnis der eigenen Abstammung unter Berücksichtigung der Problematik der anonymen Geburt und wurde 2005 an der Universität Köln eingereicht. Weber, der in der Vergangenheit öffentlich zu Plagiatsvorwürfen gegen Politikerinnen und Politiker verschiedener Parteien kommentierte und an Analysen mitwirkte, darunter in den Fällen Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Annette Schavan (CDU), identifizierte Übereinstimmungen mit Texten aus drei älteren Rechtswissenschaftswerken: einer Dissertation von Sethe aus dem Jahr 1995, einer von Helms aus dem Jahr 1999 sowie einem Aufsatz von Schmidt-Didczuhn aus dem Jahr 1989. Außerdem sollen Webquellen ohne Quellenangabe eingeflossen sein.
Besonders auffällig: Laut Webers Analyse reichten die Übernahmen vom Dankeswort bis zum Klappentext der Publikation. Den schwerwiegendsten Fall sieht Weber darin, dass Badenberg in einem übernommenen Textabschnitt lediglich die Wendung meines Erachtens einfügte, ohne den Rest als Zitat kenntlich zu machen.
Was unabhängige Experten sagen
Der Journalist und Plagiatsexperte Jochen Zenthöfer hat Webers Analyse unabhängig bewertet und kommt zu einem differenzierten Ergebnis. Er hält von den 83 Vorwürfen 40 für nicht stichhaltig und weitere 11 für unklar. Gleichwohl bewertet er 32 Fälle als wahrscheinliche Plagiate, die einer universitären Prüfung standhalten dürften. Das ist mehr als ein Drittel der ursprünglichen Vorwürfe.
Badenberg hat unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe die Universität Köln um eine unabhängige und umfassende Prüfung gebeten.
Was die CDU sagt und was dahintersteckt
CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers, der Berliner Finanzsenator und Bürgermeister, stellte sich demonstrativ hinter Badenberg. Er lobte sie als hervorragende Justizsenatorin und begrüßte ihre Entscheidung, die Überprüfung selbst zu beantragen. In CDU-Kreisen kursiert die Vermutung, die AfD könnte ein Interesse daran haben, Badenberg zu schaden: Die Senatorin war als Abteilungsleiterin für Rechtsextremismus und -terrorismus maßgeblich an der Einstufung der AfD als rechtsextremistischen Verdachtsfall beteiligt (2021), bevor sie 2022 Vizepräsidentin des BfV und 2023 Justizsenatorin wurde.
Diese Theorie lässt sich nicht belegen. Weber hat in seiner Laufbahn Plagiate bei Politikern verschiedener Parteien aufgedeckt. Kritiker sehen darin weniger einen belegbaren Befund als eine CDU-Strategie, die Affäre politisch umzudeuten, ohne inhaltlich auf die Plagiatsfragen eingehen zu müssen.
Der Giffey-Effekt
Die Affäre erinnert unweigerlich an Franziska Giffey (SPD). Die Freie Universität Berlin stufte Giffeys Doktorarbeit 2021 als Plagiat ein und entzog ihr den Doktortitel. Giffey war damals Bundesfamilienministerin, trat noch vor dem offiziellen FU-Urteil zurück und wurde trotzdem Regierende Bürgermeisterin von Berlin. 2023 verlor sie die Wiederwahl gegen Kai Wegner (CDU).
Die Parallele macht die Affäre für die SPD politisch heikel. Plagiatsvorwürfe laut kommentieren ist schwierig, wenn die eigene frühere Spitzenpolitikerin genau diesen Weg hinter sich hat. Das könnte erklären, warum die Reaktion der parlamentarischen Opposition bisher verhalten geblieben ist.
Uni Köln, vier Wochen, keine Frist
Die Universität Köln hat keine öffentliche Frist genannt, bis wann sie ein Ergebnis vorlegen will. Hochschulprüfungsverfahren dauern typischerweise Monate, manchmal Jahre. Kommentatoren in der Berliner Zeitung warnen, Badenberg solle die Affäre nicht quälend in die Länge ziehen. Bis zum Wahltag am 20. September 2026 wird kein offizielles Prüfergebnis vorliegen.
Badenberg ist keine Randfigur der Berliner Politik. Die 51-jährige, im Iran geborene Senatorin baute beim Bundesamt für Verfassungsschutz die Cyberabwehr auf, leitete die Abteilung Rechtsextremismus und -terrorismus und wurde 2022 als erste Frau überhaupt zur Vizepräsidentin der Behörde. Ob ihre Karriere durch die Plagiatsaffäre leidet, wird davon abhängen, wie Berliner Wählerinnen und Wähler handwerkliche Fehler in einer zwanzig Jahre alten Doktorarbeit gewichten, gemessen an dem, was Badenberg seitdem geleistet hat. Das Urteil liegt bei ihnen, nicht bei der Universität Köln.
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