Hunde erlaubt, Kinder nicht: Barcelonas Wohnungskrise
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Hunde erlaubt, Kinder nicht: Barcelonas Wohnungskrise

In Barcelona konkurrieren 42 Bewerber um jede Mietwohnung. Wer Kinder hat, einen arabisch klingenden Namen trägt oder auf Sozialhilfe angewiesen ist, verliert dabei besonders häufig. Die Stadtverwaltung hat das Ausmaß der Diskriminierung mit einem eigenen Experiment belegt.

Quellen (11)
  1. taz: Wohnungskrise in Barcelonataz.de
  2. The Olive Press: Barcelona rental markettheolivepress.es
  3. Barcelona Metropolis: Ungleichheiten im Wohnungsmarktbarcelona.cat
  4. Tagesspiegel: Barcelona schafft Ferienwohnungen abtagesspiegel.de
  5. WirtschaftsWoche: Barcelona verbietet Ferienwohnungenwiwo.de
  6. Engel & Völkers: Mietpreise Barcelona 2026engelvoelkers.com
  7. Spanish Property Insight: Politik und Mietmarktspanishpropertyinsight.com
  8. Euronews: Spaniens Wohnungskrise verschärft sicheuronews.com
  9. ETIAS: Proteste gegen Airbnb in Spanienetias.com
  10. Consorci Habitatge: Neue Mietkostenzuschüsse 2026consorcihabitatge.barcelona
  11. YIP Institute: Barcelonas Wohnungskriseyipinstitute.org
6. August 2026, 19:02 Uhr820 Wörter · 5 Min. Lesezeit

In den Mietanzeigen steht es manchmal offen: Haustiere willkommen, Kinder unerwünscht. Luisa Plazas, Mutter zweier kleiner Töchter und seit zehn Jahren in Barcelona, sucht seit Monaten und findet nichts Bezahlbares. Sie ist damit kein Einzelfall. In der katalanischen Metropole treffen 70 Prozent gestiegene Mietpreise und kaum gestiegene Löhne auf einen Markt, der Familien, Migrantinnen und Geringverdiener systematisch in die Verliererposition drängt.

Wie ein Markt zur Selektionsmaschine wird

Wer in Barcelona eine Wohnung sucht, konkurriert nicht gegen zwei oder drei andere Interessenten, sondern gegen Dutzende. Im zweiten Quartal 2026 kamen auf jede spanische Mietanzeige im Schnitt 42 Kontakte, 18 Prozent mehr als im Vorjahr. In Barcelona liegen die Zahlen nochmals höher. Das hat eine direkte Folge: Vermieter können unter Bewerbern wählen und tun es auch nach Kriterien, die mit dem Mietrecht wenig zu tun haben.

Die Barceloner Stadtverwaltung hat das Ausmaß mit einem eigenen Experiment dokumentiert. Sie schickte fiktive Wohnungsbewerbungen mit Namen katalonisch-spanischer Herkunft und mit arabisch klingenden Namen los. Ergebnis: 56,6 Prozent der Bewerbungen mit spanischem oder katalanischem Hintergrund erhielten eine positive Antwort. Bei arabischen Namen waren es 37,8 Prozent, eine Lücke von fast 19 Prozentpunkten. Die katalanische Gleichbehandlungsbehörde verhängte 2026 erstmals eine Strafe gegen eine Immobilienagentur wegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt.

Ein weiterer Mechanismus ist der Elfmonatsvertrag. Reguläre Mietverhältnisse unterliegen in Katalonien seit 2023 einer Mietpreisbremse, Kurzzeitmietverträge nicht. Indem Vermieter Mietverträge auf maximal elf Monate befristen, umgehen sie die Regulierung und können die Wohnung nach Ablauf zu höheren Preisen neu vermieten. Juristen bezeichnen das als rechtliche Grauzone, die Behörden als bewusste Umgehungspraxis.

Wie Tourismus den Druck verschärft hat

Barcelona zieht jährlich Millionen von Besuchern an, die Stadt hat aber nur 1,6 Millionen Einwohner. Die Plattformökonomie hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht: 10.101 Ferienwohnungen waren offiziell in der Stadt lizenziert, dazu eine unbekannte Zahl nicht genehmigter Angebote. Wohnungen, die Touristen mieten, fehlen Einwohnern. Der Effekt ist messbar: In den vergangenen zehn Jahren stiegen die Mieten in Barcelona um fast 70 Prozent, die Kaufpreise für Immobilien um rund 38 Prozent. Die Löhne legten im selben Zeitraum um 17 Prozent zu.

Im Frühjahr 2025 demonstrierten in Barcelona zehntausende Menschen gegen Gentrifizierung und Wohnungsnot. Mehr als 4.000 Organisationen schlossen sich zusammen, darunter Lehrerverbände, Feuerwehren und feministische Gruppen. Symbolisch wurde der Fall des Lehrers Josep Torrent, 49, der nach mehr als 20 Jahren in seiner Wohnung zwangsgeräumt werden sollte. Nach den Protesten wurde die Räumung vorläufig ausgesetzt.

Wen es am härtesten trifft

Migrantische Familien stehen vor einer Doppelbelastung. Sie konkurrieren in einem überhitzten Markt und sind gleichzeitig nachgewiesener Diskriminierung ausgesetzt. Luisa Plazas schilderte der taz ihre Erfahrungen: Vermieter verlangen Gehaltsnachweise über das Dreifache der Monatsmiete sowie Kaution, Maklergebühren und Bürgschaften. Das günstigste verfügbare Einzimmerangebot in Barcelona liegt bei 1.050 Euro ohne Nebenkosten. Bei dieser Grenze müsste jemand rund 3.150 Euro netto monatlich verdienen, um überhaupt in Betracht zu kommen. Das übersteigt das Gehalt vieler Pflegekräfte und Grundschullehrkräfte.

Familien mit Kindern berichten, manche Anzeigen enthielten explizit den Hinweis, Hunde seien willkommen, Kinder nicht. Rechtlich ist die Ablehnung wegen Kindern verboten. In der Praxis ist sie kaum nachweisbar, sofern Vermieter keine schriftliche Begründung liefern.

Was die Stadt dagegen tut

Bürgermeister Jaume Collboni (PSC) hat drei Maßnahmen eingeleitet. Bis November 2028 werden alle 10.101 lizenzierten Ferienwohnungen in Barcelona abgeschafft. Das Verfassungsgericht bestätigte diesen Plan im März 2025. Damit sollen tausende Wohnungen auf den regulären Mietmarkt zurückkehren.

Seit 2023 gilt in Katalonien in sogenannten angespannten Wohnungsmärkten eine Mietpreisbremse. In den regulierten Stadtteilen Barcelonas führte sie laut Stadtangaben zu einem durchschnittlichen Preisrückgang von acht Prozent. Für Menschen auf der Suche bleibt der Markt wegen der Elfmonatsverträge jedoch zu großen Teilen bremsenresistent.

Außerdem hat die Stadt die Tourismusabgabe auf bis zu 12,50 Euro pro Nacht verdoppelt. Die Einnahmen sollen in bezahlbares Wohnen fließen. Zudem erhalten seit 2026 Einpersonenhaushalte und Alleinerziehende über 55 Jahren mit Ausschlussrisiko Mietkostenzuschüsse von bis zu 400 Euro monatlich.

Was bis November 2028 entschieden werden muss

Das Ferienwohnungsverbot könnte mehr als 10.000 Einheiten auf den Markt zurückbringen. Ob diese Wohnungen zu Mieten angeboten werden, die Normalverdienern zugänglich sind oder ob Eigentümer sie verkaufen oder in andere Formen kurzzeitiger Vermietung überführen, ist eine offene Frage. Katalanische Behörden prüfen derzeit, ob auch Plattformvermittler für nicht lizenzierte Angebote haftbar gemacht werden können.

Die EU-Verordnung zur Kurzzeitvermietung, die mehr Transparenz vorschreibt, trat im Mai 2024 in Kraft und gilt auch für Spanien. Die Durchsetzung liegt bei den Mitgliedstaaten. Für Luisa Plazas und die Hunderttausenden in ähnlicher Lage ist das alles zu abstrakt und zu langsam. Ihre Wohnung braucht sie jetzt.

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