Berlins CDU liegt bei 17 Prozent: Evers übernimmt Wegners Erbe
Knapp zwei Monate vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September führt eine Partei die Umfragen an, die vor Jahren noch um den Einzug ins Bundesparlament bangen musste: die Linke mit 20 Prozent. Die CDU, bis vor wenigen Wochen noch Regierungspartei unter Kai Wegner, liegt bei 17. Für Stefan Evers, den neuen CDU-Spitzenkandidaten, beginnt der Wahlkampf mit einer strukturellen Hypothek, die nicht er verursacht hat, aber er beerbt.
Tennis statt Krisenstab: Wie Wegner stürzte
Auslöser war der Berliner Stromausfall vom 3. Januar 2026. Wegner behauptete zunächst in öffentlichen Äußerungen, er sei die gesamte Zeit über in seinem Büro eingeschlossen gewesen und habe die Krise von dort koordiniert. Tatsächlich verbrachte er die frühen Stunden des Ausfalls damit, gemeinsam mit seiner Partnerin Katharina Günther-Wünsch, Berlins Bildungssenatorin, Tennis zu spielen.
Die Senatskanzlei musste einräumen, dass Wegner erst ab 8:08 Uhr telefonisch mit der Bundesregierung in Kontakt stand und nicht früher als behauptet. Die Berliner Junge Union forderte öffentlich seinen Rücktritt als Spitzenkandidat, Teile der CDU-Fraktion schlossen sich an. Wegner zog auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz die Konsequenz mit dem Satz: „Berlin ist wichtiger als eine Person.“ Als Regierender Bürgermeister bleibt er bis zur Wahl eines neuen Senats geschäftsführend im Amt.
Der Imageschaden war erheblich: Nicht der Stromausfall selbst hat Wegner politisch erledigt, sondern die anschließend widerlegten Aussagen über sein eigenes Verhalten in der Krise. Unter Berliner Wählerinnen und Wählern ist nach Infratest-dimap-Daten nur noch jeder sechste mit der Arbeit des schwarz-roten Senats zufrieden.
Wer Stefan Evers ist und was er politisch verkörpert
Stefan Evers (46) stammt aus Herdecke in Nordrhein-Westfalen, lebt seit 1999 in Berlin und hat Rechtswissenschaften an der Universität Potsdam studiert. Seit 2011 sitzt er im Berliner Abgeordnetenhaus. Von 2016 bis 2023 war er Generalsekretär der Berliner CDU. Seit April 2023 ist er Bürgermeister und Senator für Finanzen im Senat Wegner, seit April 2026 zusätzlich Senator für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der CDU-Landesvorstand wählte ihn einstimmig als neuen Spitzenkandidaten; er übernahm gleichzeitig kommissarisch den CDU-Landesvorsitz.
Evers gilt als parteiintern loyaler Organisator und Koalitionsmanager, weniger als polarisierender Leitfigur. Als Finanzsenator hat er Berlins Haushalt durch die Phase steigender Zinskosten und sinkender Bundesabgaben navigiert, ohne spektakuläre Kürzungen vorzunehmen, aber auch ohne strukturelle Investitionsoffensiven. Kritiker aus der Opposition werfen ihm vor, die chronischen Berliner Probleme in Wohnungsbau und Infrastruktur verwaltet statt gelöst zu haben. Ob Evers als Figur einen Neustart glaubhaft machen kann oder nur ein Gesicht tauscht, ohne das Programm zu erneuern, wird der zentrale Wahlkampfstreit werden.
Fünf Parteien innerhalb von sieben Prozentpunkten
Infratest dimap befragte Ende Juni 2026 rund 1.165 Berliner Wahlberechtigte. Das Ergebnis zeigt eine Stadtpolitik ohne Gravitationszentrum: die Linke bei 20, die Grünen bei 19, die AfD bei 18, die CDU bei 17 und die SPD bei 13 Prozent. Die amtierende schwarz-rote Koalition käme zusammen auf 30 Prozent, also deutlich unter der Mehrheitsschwelle. Auch die FDP und das BSW liegen bei je 3 Prozent unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde.
Als Spitzenkandidaten treten neben Evers an: Steffen Krach für die SPD, der bisherige Fraktionsvorsitzende Werner Graf für die Grünen, Elif Eralp für die Linke und Kristin Brinker für die AfD. Für Eralp würde ein linkes Bündnis aus SPD, Grünen und Linke bedeuten, dass die Linke erstmals den Regierenden Bürgermeister stellt. Dieses Bündnis käme nach aktueller Umfrage auf rund 52 Prozent und hätte damit eine arbeitsfähige Mehrheit.
Eine CDU-Beteiligung an der nächsten Regierung wäre nur in einer Dreierkoalition möglich. Als Partner kämen SPD und Grüne oder SPD und Linke infrage. Beide Varianten setzen voraus, dass die SPD mit 13 Prozent als Scharnier dienen will und kann.
Zehn Wochen für einen Neuanfang ohne Blaupause
Zehn Wochen Wahlkampf bleiben. Für Evers ist die strategische Ausgangslage schwierig: Er übernimmt das Spitzenamt in einer Partei, die von der Regierungsverantwortung abgestraft wird, ohne selbst für die konkreten Fehler verantwortlich zu sein. Sein Vorteil gegenüber Wegner ist politische Unverbrauchtheit in der öffentlichen Wahrnehmung. Sein Nachteil ist das Fehlen einer Geschichte, die Berliner Wählerinnen und Wähler kennen und mobilisiert.
Als wichtigste Themen nennen Berliner Wählerinnen und Wähler den Wohnungsmangel und die Mieten an erster Stelle sowie die Verkehrsinfrastruktur an zweiter Stelle. Der Stromausfall hat eine dritte Sorge hinzugefügt: die Verlässlichkeit städtischer Infrastruktur insgesamt. Auf all diesen Feldern liegt Evers in der Bringschuld: Er war Finanzsenator und trägt Mitverantwortung für das, was in dieser Legislatur gebaut, geplant oder unterlassen wurde.
Der 20. September wird zeigen, ob der Personalwechsel bei der CDU ausreicht, um Wählerstimmen zurückzugewinnen oder ob Berlin erstmals einen Regierenden Bürgermeister der Linken wählt.
Kommentare