Berlin CSD: Todesfahrt, Täter aus islamistischer Szene
Als rund eine Million Menschen beim Berliner Christopher Street Day das größte Pride-Fest der Stadtgeschichte feierten, fuhr am Samstagabend gegen 22 Uhr ein weißer Kleinbus in die Menschenmenge am Ahornsteig im Tiergarten. Eine Frau starb trotz Wiederbelebungsversuchen noch vor Ort, 16 weitere Personen wurden verletzt. Der mutmaßliche Fahrer Abdul B. war im Mai 2026 aus einer Berliner Jugendstrafanstalt entlassen worden, weniger als acht Wochen vor der Tat.
Der Anschlag auf dem Ahornsteig
Der weiße Kleinbus fuhr nach Polizeiangaben auf dem Ahornsteig parallel zur Lennéstraße in mehrere Personen hinein und kam erst an einem Baum zum Stehen. Der Fahrer flüchtete unmittelbar danach zu Fuß. Die 16 Verletzten verteilen sich auf drei Schweregrade: Drei Menschen befinden sich in lebensgefährlichem Zustand, acht wurden schwer verletzt, fünf erlitten leichte Verletzungen. Rund 150 Feuerwehrkräfte waren im Einsatz. In einem Betreuungszelt wurden weitere 30 Personen behandelt, die körperlich unversehrt, aber traumatisiert waren.
Ob an der Unfallstelle auch Stichverletzungen entstanden und ob diese auf denselben Täter zurückgehen, war Sonntagfrüh noch Gegenstand der Ermittlungen. Die Berliner Polizei brach die Abschlusskundgebung unmittelbar nach dem Vorfall ab und leitete die Evakuierung ein. Auch der für Sonntag geplante Frühstücksmarkt in Kreuzberg wurde gestrichen.
Der Berliner CSD 2026 war in mehrfacher Hinsicht ein Rekordereignis: Erstmals lief er über zwei Tage, acht Bühnen boten das größte Programm in der Geschichte des Vereins und rund eine Million Teilnehmende hatten sich bis kurz nach 22 Uhr an diesem Tag ohne nennenswerte Zwischenfälle versammelt.
Wer ist Abdul B.?
Als mutmaßlichen Täter identifizierte die Polizei Abdul B., 21 Jahre alt. Der Mann ist den Berliner Behörden bekannt und wird der islamistischen Szene der Stadt zugerechnet. Im Mai 2026 war er aus der Jugendstrafanstalt entlassen worden.
In der Nacht zu Sonntag durchsuchte ein Sondereinsatzkommando eine Wohnung in der Bissingzeile an der Grenze zwischen Tiergarten und Schöneberg. Der Gesuchte wurde dort nicht angetroffen. Die Polizei kündigte für Sonntagfrüh die Veröffentlichung eines Fahndungsfotos an. Ungeklärt blieb zunächst, ob Abdul B. das Fahrzeug selbst gefahren oder lediglich angemietet hatte. Ein Hubschrauber war in der Nacht im Einsatz, ein öffentliches Portal für Zeugenfotos und -videos wurde eingerichtet.
Offen ist, unter welchen Bedingungen er im Mai entlassen worden war. Bei Personen mit extremistischem Hintergrund kann nach deutschem Recht Führungsaufsicht angeordnet werden, die regelmäßige Meldepflicht und Kontaktverbote umfasst. Ob eine solche Aufsicht vorlag und wie engmaschig sie war, wollte die Polizei Sonntagfrüh nicht bestätigen.
Das Sicherheitskonzept und seine Grenzen
Der Berliner CSD galt als eine der am stärksten gesicherten Großveranstaltungen der Stadt. Mehr als 200 Betonpoller und mobile Absperrungen sicherten das Gelände, dazu kamen Awareness-Teams in orangefarbenen Westen sowie stationäre und mobile Polizeieinheiten. Trotz dieses Aufwands drang ein Fahrzeug in die Menschenmenge.
Das ist keine neue Erkenntnis. Beim Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz tötete Anis Amri 2016 mit einem Lkw 13 Menschen. In Nizza starben im selben Jahr 86 Besucher beim Bastille-Tag-Anschlag. In Stockholm fuhr 2017 ein Täter mit einem gestohlenen Lkw durch eine Fußgängerzone und tötete fünf Menschen. Fahrzeugangriffe lassen sich mit Absperrungen schwerer verhindern als Angriffe mit sichtbaren Waffen, weil der Täter nicht vorab identifizierbar ist und Sperren nur dort schützen, wo sie stehen.
Der Anschlag auf den Berliner CSD fügt sich in ein weiteres Muster: Im Juni 2022 erschoss Zaniar Matapour in der Nacht des Osloer Pride-Umzugs zwei Menschen vor dem London Pub, einem Schwulenlokal und verletzte 21 weitere. Matapour war dem norwegischen Inlandsgeheimdienst PST als Person aus dem islamistischen Milieu bekannt und stand unter Beobachtung. Die Frage, die damals in Oslo aufkam und nun auch Deutschland beschäftigen wird: Welche Überwachung reicht bei bekannten Extremisten aus dem islamistischen Milieu?
Reaktionen und die politische Frage
Bundeskanzler Friedrich Merz verurteilte die Tat als „abscheuliche Tat". Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner sprach von einem „Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft". Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sicherte der Berliner Polizei die Unterstützung durch Bundesbehörden zu.
Kritik an der Bundesregierung ließ nicht lange auf sich warten: SPD-Innenpolitiker Helge Lindh forderte eine sofortige Überprüfung, ob die bestehenden Nachsorge- und Überwachungsmaßnahmen für aus dem Extremistenmilieu entlassene Personen ausreichend seien. Der Paritätische Wohlfahrtsverband mahnte, bei aller berechtigten Sicherheitsdebatte die Stigmatisierung muslimischer Gemeinschaften zu vermeiden, deren überwältigende Mehrheit mit Anschlägen nichts zu tun habe.
Aus der CSD-Organisation Berlin lagen Sonntagfrüh noch keine offiziellen Stellungnahmen vor. Der Angriff trifft eine Community, die in den vergangenen Jahren trotz zunehmender Sicherheitsdebatte an Sichtbarkeit und Teilnehmendenzahlen gewonnen hat.
Fahndung läuft, Debatte beginnt
Die unmittelbaren Schritte: Berlins Polizei veröffentlicht im Laufe des Sonntags ein Fahndungsfoto. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob ein islamistisch motivierter Anschlag vorliegt. Parallel dazu beginnt die politische Auseinandersetzung darüber, wie die Bundesrepublik mit aus der Haft entlassenen Extremisten umgeht. Abdul B. war zum Zeitpunkt der Tat 21 Jahre alt und hatte damit knapp die Grenze des Jugendstrafrechts überschritten. Ob er nach seiner Entlassung überhaupt noch unter Beobachtung stand, wird eine der ersten Fragen sein, die der Bundestag an die Sicherheitsbehörden richten wird.
Aktualisierungen
Update 26. Juli, 13:00 Uhr: Am Sonntagvormittag intensivierte die Berliner Polizei die Fahndung deutlich: Schwer bewaffnete Spezialkräfte bezogen Stellung an mehreren Berliner Bahnhöfen, darunter dem Anhalter Bahnhof und durchsuchten gesperrte Bereiche im Zwischengeschoss. Das Fahndungsfoto von Abdul B. wurde veröffentlicht. Parallel ermitteln die Behörden Hinweise auf einen möglichen Komplizen, der an der Tat beteiligt gewesen sein könnte. Ob eine zweite Person an der Tatplanung oder -ausführung beteiligt war, bestätigte die Polizei zunächst nicht.
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