VW-Hauptversammlung: Blume gesteht Scheitern des Geschäftsmodells
Wirtschaft

VW-Hauptversammlung: Blume gesteht Scheitern des Geschäftsmodells

Volkswagen-Chef Oliver Blume räumte auf der Hauptversammlung am 18. Juni öffentlich ein, dass das jahrzehntelang erfolgreiche Geschäftsmodell des Konzerns nicht mehr funktioniert. 28.000 Beschäftigte haben dem Austritt bereits verbindlich zugestimmt, doch was nach dem laufenden Sparpaket für die verbleibenden Mitarbeiter folgt, ist offen.

19. Juni 2026, 20:36 Uhr 962 Wörter · 5 Min. Lesezeit

VW hat 2025 nur noch 2,8 Prozent Betriebsmarge erwirtschaftet, den niedrigsten Wert seit zehn Jahren. Auf der Hauptversammlung am 18. Juni sagte Chef Oliver Blume das, was seine Vorgänger nie ausgesprochen hatten: Das Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr. 28.000 Beschäftigte haben dem freiwilligen Austritt bereits verbindlich zugestimmt, doch was nach dem laufenden Sparpaket für die 360.000 verbleibenden Konzernbeschäftigten folgt, ließ Blume offen.

Zehn Jahre Warnsignale, ein klares Wort

Blume sagte am 18. Juni wörtlich: "Unser Geschäftsmodell, das jahrzehntelang erfolgreich war, funktioniert heute nicht mehr. Wir müssen es weiterentwickeln." Diese Formulierung unterscheidet sich qualitativ von allem, was Volkswagen-Vorstandschefs bisher öffentlich sagten. Transformation war angekündigt worden, aber der Satz "funktioniert nicht mehr" hatte bisher keiner ausgesprochen.

Die Zahlen machen das Ausmaß deutlich. Das Betriebsergebnis des Konzerns fiel 2025 um 53 Prozent auf 8,9 Milliarden Euro gegenüber 19,1 Milliarden im Vorjahr. Es war der niedrigste Wert seit 2016. Die Betriebsmarge sank auf 2,8 Prozent, nachdem sie 2024 noch bei 5,9 Prozent gelegen hatte. Zum Vergleich: Als Volkswagen 2015 den Dieselgate-Skandal verarbeitete, war die Marge ähnlich niedrig. Der Unterschied: Damals war es eine singuläre Krise. Heute ist es das Resultat struktureller Verschiebungen auf drei Märkten gleichzeitig.

Diese Verschiebungen verstärkten sich 2025 gegenseitig. Der Chinamarkt, einst Quelle von fast 40 Prozent des Konzernabsatzes, bricht unter dem Wettbewerbsdruck lokaler Elektrofahrzeughersteller wie BYD und SAIC ein. Trump-Zölle verteuern den Zugang zum nordamerikanischen Markt und treffen insbesondere die Modelle, die VW profitabel aus deutschen Werken exportiert. Und die Elektromobilitätstransformation erfordert Investitionskapital, das ein Konzern mit 2,8-Prozent-Marge kaum aufbringen kann, ohne die Bilanz zu strapazieren.

Was vereinbart ist und was noch aussteht

Die Hauptversammlung brachte erstmals verbindliche Zahlen auf den Tisch. Von konzernweit 50.000 geplanten Stellenstreichungen bis 2030 liegt VW nach eigenen Angaben im Plan. Bei der Kernmarke Volkswagen allein sollen 35.000 Stellen wegfallen. 28.000 Beschäftigte haben dem freiwilligen Austritt bereits zugestimmt, durch Abfindungen, Altersteilzeit und vorzeitigen Ruhestand. Allein in deutschen Werken werden bis Ende 2026 rund 19.000 Stellen wegfallen.

Blume vermeldete ein erstes operatives Ergebnis: Die Fabrikkosten an deutschen VW-Standorten sanken 2025 um mehr als 20 Prozent. Das ist das messbare Ergebnis der monatelangen Auseinandersetzung mit IG Metall und Gesamtbetriebsrat im Herbst 2024, die zeitweise in Warnstreiks mündete. Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo hatte den Kurs als zu weitreichend kritisiert und auf die Bedeutung der Werke für ihre Regionen hingewiesen. Das erzielte Ergebnis: Betriebsvereinbarungen, die betriebsbedingte Kündigungen im laufenden Paket ausschließen, aber keine dauerhafte Beschäftigungsgarantie enthalten.

Bloomberg berichtete am 18. Juni, dass Aktionäre Blume auf der Hauptversammlung insbesondere zu zwei Themen befragten: dem China-Geschäft und der Absicherung gegen weitere US-Zölle. Die formale Abstimmung fiel eindeutig aus, mit 97,46 Prozent Zustimmung beim Deckungsvergleich. Die Dividende für 2025 wurde auf 5,20 Euro je Stammaktie festgesetzt. Der formale Beifall verbirgt konkrete Erwartungen an Tempo und Ergebnisse.

Das 160-Milliarden-Paradox

Was Blumes Situation strukturell schwierig macht, ist die erzwungene Gleichzeitigkeit von Sparen und Investieren. VW plant zwischen 2026 und 2030 Investitionen von 160 Milliarden Euro in Elektromobilität, Softwareplattformen und neue Produktionsprozesse. Woher das Kapital kommen soll, wenn die Marge bei 2,8 Prozent liegt, bleibt eine offene Rechnung.

Wettbewerber wie Toyota oder Mercedes-Benz hatten früher entweder auf Hybridtechnologie gesetzt, die höhere Margen bei geringerem Investitionsaufwand erlaubt oder sich auf das Hochpreissegment konzentriert. Volkswagen ist das größte europäische Volumenunternehmen geblieben und muss jetzt beides gleichzeitig beweisen: Kostendisziplin und Transformationsfähigkeit bei Stückzahlen, die strukturell unter Druck stehen. Für die 290.000 Beschäftigten allein in Deutschland, bei VW, Audi und Porsche zusammen, bedeutet das: Der Konzern muss wachsen in einem schrumpfenden Marktumfeld.

VW hat für 2026 eine Betriebsmarge zwischen 4 und 5,5 Prozent als Zielkorridor ausgegeben. Das wäre ein erheblicher Sprung gegenüber 2025, setzt aber voraus, dass sich weder der Chinaabsatz weiter verschlechtert noch neue Zollrunden exportierte Modelle belasten. Beides ist derzeit nicht gesichert.

Chinas Absatzzahlen entscheiden über Blumes Spielraum bis 2027

Blumes Vertrag läuft bis Ende 2030, verlängert vom Aufsichtsrat im Oktober 2025, als er auch seine Doppelrolle als Porsche-CEO aufgab. Aber die nächste entscheidende Messlatte liegt früher. Im Herbst 2026 wird VW die Halbjahreszahlen 2026 vorlegen und die werden zeigen, ob die Fabrikeinsparungen den Erlösrückgang aus China kompensieren können, während gleichzeitig die erste Investitionswelle für neue Plattformen anläuft, die noch keine Umsätze generiert.

Für die Beschäftigten ist diese Rechnung keine abstrakte Finanzfrage. Die bestehenden Betriebsvereinbarungen sichern den Status quo bis 2030. Was danach kommt, ist offen. Blume selbst hat auf der Hauptversammlung angedeutet, im Sommer gemeinsam mit dem Aufsichtsrat weitere substanzielle Entscheidungen zu treffen. Welche das sind, hat er nicht gesagt. Die Hauptversammlung hat Transparenz über das Ausmaß des Problems gebracht, aber keinen Plan für den zweiten Akt.

Update 20. Juni, 15:07 Uhr: Eine detailliertere Bilanzanalyse zeigt die Haupttreiber des Ergebniseinbruchs. Das Konzernergebnis nach Steuern sank 2025 um 44 Prozent von 12,4 auf 6,9 Milliarden Euro. Allein die Strategie-Neuausrichtung bei der Sportwagentochter Porsche belastete die Konzernbilanz mit rund 5 Milliarden Euro; die US-Zölle schlugen mit weiteren 3 Milliarden zu Buche. Ohne diese Sondereffekte hätte die operative Marge bei 5,5 Prozent gelegen statt bei den gemeldeten 2,8 Prozent. Gleichzeitig zeigt der deutsche Elektroautomarkt ein kontraintuitives Bild: Sechs der zehn meistzugelassenen Elektroautos in Deutschland gehören zum VW-Konzern. Der Skoda Elroq führt die Zulassungsstatistik Januar bis Mai 2026 mit 16.823 Neuzulassungen an, gefolgt vom VW ID.3 mit 14.726 und dem Tesla Model Y mit 13.678. VW verliert also nicht den Absatz in Deutschland, sondern die Marge: Chinesische Anbieter drücken die Preiskorridore nach unten, sodass höhere Stückzahlen nicht mehr automatisch höhere Erträge erzeugen.

Quellen (14)

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