China knackt die Millionengrenze bei grünem Wasserstoff
Im März 2026 hat China einen Meilenstein bei grünem Wasserstoff erreicht: Die installierte und im Bau befindliche Jahreskapazität überschreitet erstmals eine Million Tonnen. Davon sind 250.000 Tonnen bereits in Betrieb, mehr als doppelt so viel wie Ende 2024. China produziert noch immer über 80 Prozent seines gesamten Wasserstoffs aus Kohle. Aber die Richtung der Investitionen hat sich gedreht.
Was grüner Wasserstoff ist und warum er so schwer zu erzeugen ist
Wasserstoff entsteht nicht von selbst. Er muss produziert werden und die Methode entscheidet über seine Klimabilanz. Grauer Wasserstoff wird durch Dampfreformierung von Erdgas oder durch Vergasung von Kohle gewonnen und setzt bei der Herstellung erhebliche Mengen CO2 frei. Grüner Wasserstoff dagegen entsteht per Elektrolyse aus Wasser, angetrieben ausschließlich durch erneuerbaren Strom. Das ist chemisch einfach, wirtschaftlich bisher aber schwierig: Grüner Wasserstoff kostet global zwischen 7,45 und 8,34 US-Dollar pro Kilogramm; grauer Wasserstoff liegt bei 1,37 bis 4,37 Dollar.

Der entscheidende Kostentreiber sind die Elektrolyseure, die Anlagen also, die Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff spalten. China hat ihre Herstellungskosten in den vergangenen Jahren systematisch gesenkt: Chinesische Hersteller bieten Elektrolyseure heute für 200 bis 400 US-Dollar pro Kilowatt an, einem Bruchteil der westlichen Preise. Diese Kostensenkung ist der Kern des chinesischen Vorsprungs.
Warum China das Tempo gerade jetzt erhöht
Die installierten Projekte konzentrieren sich auf drei Regionen. Im Nordosten, vor allem in der Provinz Jilin, laufen bereits 45,7 Prozent der gesamten operativen Elektrolysekapazität des Landes. In Songyuan, Jilin, nahm im Dezember 2025 China Energy Engineering Corporation (CEEC) die weltweit größte integrierte Anlage für grünen Wasserstoff, grünes Ammoniak und grünes Methanol in Betrieb: 800 Megawatt Wind- und Solarstrom produzieren dort jährlich 45.000 Tonnen Wasserstoff, der zu 200.000 Tonnen Ammoniak und 20.000 Tonnen Methanol weiterverarbeitet wird. Die Investition in Phase I betrug rund eine Milliarde US-Dollar.
In der Inneren Mongolei betreibt China Longyuan Power ein 600-Megawatt-Projekt mit Wind- und Solarantrieb. Sinopec plant eine 400 Kilometer lange Pipeline von der Inneren Mongolei nach Peking, durch die künftig 100.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr fließen sollen. Das sind keine Pilotprojekte. Im April 2026 erklärte ein Vizedirektor der Nationalen Energieadministration, China habe die Demonstrationsphase bei grünem Wasserstoff hinter sich gelassen und sei in die großskalige Entwicklung eingetreten.
Was das für Klima und globalen Markt bedeutet
Die Zahlen müssen in Relation gesetzt werden. China produziert jährlich mehr als 36 Millionen Tonnen Wasserstoff, davon über 80 Prozent aus Kohle. Die 1,1 Millionen Tonnen Elektrolysekapazität entsprechen damit gut drei Prozent des Gesamtmarktes. Eine vollständige Dekarbonisierung der chinesischen Wasserstoffwirtschaft liegt in weiter Ferne.
Was sich dennoch ändert: Grüner Wasserstoff wird in China für Stahlerzeugung, Ammoniakproduktion und Hafentransport eingesetzt, also genau für jene Industrien, in denen direkte Elektrifizierung technisch schwierig ist. Das Institut Montaigne, das Chinas Wasserstoffpolitik im internationalen Vergleich analysiert hat, beschreibt China als strategischen Akteur, der grünen Wasserstoff nicht aus Überzeugung, sondern aus Industriepolitik heraus aufbaut. Für das Klima ist das Ergebnis dennoch positiv.

Für den globalen Markt ist relevant, dass Chinas Elektrolyseurhersteller die Preise nach unten treiben. Deutschland hat 9 Milliarden Euro für Elektrolyseure und Pipelineinfrastruktur reserviert. Laut IEA Global Hydrogen Review 2026 hat sich die weltweit installierte Elektrolysekapazität im Jahr 2025 auf über 4 Gigawatt verdoppelt, maßgeblich durch chinesische Großprojekte.
Im Vergleich: Wie schnell Energietechnologien skalieren können
Die nächste Parallele zu Chinas Elektrolyseausbau ist die Geschichte von Solarmodulen. Im Jahr 1976 kostete ein Watt Solarkapazität rund 100 US-Dollar; nach Daten von Lazard liegt der Preis heute unter 0,30 Dollar. Der Preisverfall folgte einer Lernkurve: Mit jeder Verdoppelung der produzierten Menge sanken die Kosten um rund 20 bis 25 Prozent. China hat diesen Effekt durch Massenproduktion beschleunigt. Dasselbe Muster zeigt sich jetzt bei Elektrolyseuren.
Das nüchterne Gegenbeispiel liefert Europa. Deutschland, das Vorreiter werden wollte, liegt bei installierter Kapazität weit hinter China. Das liegt nicht allein an fehlendem Geld, sondern an langen Genehmigungsverfahren, hohen Kapitalkosten und fehlenden staatlichen Großabnehmern. Die IEA dokumentiert, dass globale Produktionsziele für grünen Wasserstoff bis 2030 immer noch weit über dem liegen, was tatsächlich gebaut wird. In China ist das Verhältnis umgekehrt: Der Ausbau läuft schneller als internationale Prognosen vorausgesagt hatten.
Bei diesem Tempo: Kostenparität mit grauem Wasserstoff bis 2030
Wenn die rund 900.000 Tonnen in fortgeschrittener Konstruktion planmäßig in Betrieb gehen, dürfte Chinas operative Kapazität für grünen Wasserstoff bis Ende 2027 die Millionengrenze überschreiten. Die IEA prognostiziert, dass grüner Wasserstoff in Regionen mit günstigem erneuerbaren Strom bis 2030 unter zwei US-Dollar pro Kilogramm fallen kann, also preislich wettbewerbsfähig mit grauem Wasserstoff wird. China wäre das erste Land, das diese Schwelle im industriellen Maßstab erreicht.
Was das für den Klimaschutz bedeutet: Wenn grüner Wasserstoff in China grauen Wasserstoff in Stahl- und Ammoniakfabriken verdrängt, sind das Emissionsreduzierungen, die durch direkte Elektrifizierung allein nicht zu erzielen wären. Die Frage ist nicht ob, sondern wie schnell das passiert.
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