
CSD Berlin: Machete war die eigentliche Tatwaffe
Quellen (8)
- Berliner Zeitungberliner-zeitung.de
- Tagesspiegel (Charité Stichverletzungen)tagesspiegel.de
- Tagesspiegel (Tatwaffe Fragen)tagesspiegel.de
- Wikipedia (Anschlag CSD 2026)de.wikipedia.org
- Tagesspiegel (Poller Tiergarten)tagesspiegel.de
- t-online (Charité Update)berlin.t-online.de
- ZDF heute (CSD Liveticker)zdfheute.de
- Berlin Magazineberlinmagazine.de
Neunzehn Tage nach dem Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day stehen Betonpoller im Tiergarten, Gesetze über Fußfesseln für bekannte Islamisten sind angekündigt und die gesamte politische Reaktion dreht sich um das Fahrzeug. Was die Charité über die acht Patientinnen und Patienten festhielt, die sie nach dem Abend des 25. Juli behandelte, passt nicht zu diesem Bild: Ihre Verletzungen stammten vor allem von einer Stichwaffe. Die Machete, mit der Abdul Ballout nach dem Aufprall des Kleinbusses auf Menschen einschlug, liegt noch immer irgendwo im Berliner Stadtgebiet.
Die Erzählung: eine Todesfahrt wie in Nizza und Breitscheidplatz
Ballout, 21, fuhr am 25. Juli gegen 22 Uhr mit einem weißen Citroën Spacetourer in Besucherinnen und Besucher des Christopher Street Day im Großen Tiergarten. Eine 65-jährige Polin aus Warschau, die mit ihrer Tochter zum CSD gereist war, starb noch am Tatort. 31 Menschen wurden verletzt, drei davon lebensgefährlich, sieben schwer und 24 leicht.
Die Bilder vom Tatort zeigten den weißen Kleinbus, die aufgerissenen Absperrungen, die anrückenden Blaulichter. Die Berichte der ersten Stunden konzentrierten sich auf das Fahrzeug. Das ist verständlich: Fahrzeuganschläge wie Nizza 2016 mit 86 Toten, Stockholm 2017 und der Berliner Weihnachtsmarkt sind visuelle Referenzrahmen, die sofort verfügbar waren. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach von einem islamistischen Terroranschlag. Die Debatte über Fahrzeugsperren begann noch in der Tatnacht.
Was die Charité dokumentierte
Acht Verletzte wurden in der Charité behandelt. Vier konnten noch am Sonntagnachmittag entlassen werden; vier lagen zunächst auf der Intensivstation. Was die Charité in ihrer Kommunikation festhielt: Die Patientinnen und Patienten hätten vor allem Stichverletzungen erlitten. Bundesinnenminister Dobrindt hatte bereits in den Stunden nach dem Anschlag bestätigt, dass Ballout nach dem Verlassen des Fahrzeugs mit einer Machete auf Passantinnen und Passanten eingeschlagen hatte. Fahrzeug und Machete waren nicht alternativ, sondern aufeinanderfolgend: der Kleinbus als erster Angriff, die Machete als zweiter.
Ermittlerinnen und Ermittler der Generalbundesanwaltschaft, die den Fall wegen Verdachts eines islamistisch motivierten Anschlags übernommen hat, erklärten, wie viele Opfer Stichverletzungen erlitten hätten, sei nicht abschließend zu beziffern. Das ist auch ein Hinweis auf die forensischen Schwierigkeiten, die noch Wochen nach dem Anschlag bestehen.
Die fehlende Machete
Ballout wurde am 26. Juli bei einem Polizeieinsatz in einer Kleingartenanlage in Spandau erschossen, nachdem er mit einer Stichwaffe auf Beamte zugelaufen war. Das Messer, das er bei sich trug, ist nach Erkenntnissen der Ermittler nicht die Machete, die er beim CSD-Anschlag eingesetzt hatte. Bis Anfang August hatten zwei Sucheinsätze im Tiergarten die Tatwaffe nicht aufgefunden.
Das wirft offene Fragen auf: Hat Ballout die Machete vor seiner Flucht entsorgt? Liegt sie noch irgendwo im Tiergarten? Hat jemand geholfen, sie wegzuschaffen? Die Generalbundesanwaltschaft ermittelt weiter, auch zu möglichen Unterstützern. Ein IS-Bekennervideo auf Ballouts Handy, das er kurz vor dem Anschlag aufgenommen hatte, galt früh als Beleg für islamistische Tatmotivation. Ob Verbindungen zu weiteren Personen bestanden, ist Teil der laufenden Untersuchung.
Poller für das falsche Szenario
Die institutionelle Reaktion war präzise auf das Fahrzeugelement ausgerichtet. Die Berliner Polizei stellte schwere Metallpoller im Tiergarten auf, um Fahrzeugzufahrten zu sperren. CDU-Fraktionschef Thorsten Frei kündigte Gesetzesverschärfungen für August an, darunter Fußfesseln und erweiterte Überwachung für bekannte Islamisten. Dobrindts Reformagenda richtete sich gegen die Überwachungslücke bei aus der Haft entlassenen Gefährdern: Ballout war beim Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum als Gefährder der höchsten Kategorie Rot eingestuft gewesen und trotzdem nur kurz observiert worden.
Das sind sinnvolle Schritte zur Schließung von Sicherheitslücken. Sie befassen sich aber nicht mit dem, was die Charité-Patientinnen und -Patienten tatsächlich erlitten haben. Poller schützen gegen Fahrzeuge, die in Menschenmengen fahren. Gegen jemanden, der aus einem Fahrzeug aussteigt und mit einer Machete weiterläuft, helfen sie nicht. Das macht die Maßnahmen nicht falsch, aber unvollständig.
Was im Innenausschuss im September fehlen wird
Der Bundestags-Innenausschuss wird nach dem Ende der parlamentarischen Sommerpause im September die Sicherheitsbehörden zum Anschlag befragen. Auf der Agenda stehen die Überwachungslücken bei aus der Haft entlassenen Gefährdern und die geplanten Gesetzesverschärfungen. Was bislang nicht explizit auf der Agenda steht: eine Auseinandersetzung damit, warum die Verletzungen der Charité-Patientinnen und -Patienten vor allem auf Stichwaffen zurückgehen, während die gesamte politische Reaktion auf Fahrzeuge ausgerichtet ist.
Und warum die Machete, mit der diese Verletzungen zugefügt wurden, nach zwei Sucheinsätzen im Tiergarten immer noch fehlt. Die Tatwaffe ist verschwunden. Die Antwort darauf steht noch aus.
Kommentare