Ukraine trifft Rosneft: Rjasan brennt
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Ukraine trifft Rosneft: Rjasan brennt

Nach dem russischen Großangriff auf Kiew mit 24 Toten, darunter drei Kindern, hat die Ukraine in der Nacht auf Freitag Rosnefts Raffinerie in Rjasan in Brand gesetzt. Die primäre Destillationsanlage des Werks steht still, drei bis vier Menschen starben, Russland meldete 355 abgefangene ukrainische Drohnen.

15. Mai 2026, 10:39 Uhr 801 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Der Krieg hat eine eigene Arithmetik der Vergeltung. Nach dem russischen Großangriff auf Kiew mit 24 Toten, darunter drei Kindern, schickte die Ukraine in der Nacht auf Freitag Drohnen tief nach Russland. Rosnefts Raffinerie in Rjasan, 200 Kilometer südöstlich von Moskau, brennt seit dem frühen Freitagmorgen. Die primäre Destillationsanlage des Werks steht still. Es ist nach Angaben des ukrainischen Generalstabs der dritte Treffer auf diese Anlage im Jahr 2026.

Die Nacht des 15. Mai

Gegen Mitternacht begann die Ukraine einen koordinierten Großangriff auf mehrere russische Regionen. Das russische Verteidigungsministerium erklärte am Freitagmorgen, die Luftabwehr habe 355 unbemannte Flugobjekte abgefangen und zerstört. Nicht alle kamen durch die Abwehr. Die Rosneft-Raffinerie in Rjasan wurde von mehreren Drohnen getroffen und geriet in Brand. Videoaufnahmen in sozialen Netzwerken zeigten gewaltige Flammen über dem Industriegelände. Rjasans Gouverneur Pawel Malkov meldete drei Tote und zwölf Verletzte, darunter Kinder. The Moscow Times berichtete unter Berufung auf lokale Behörden von vier Toten. Hochhäuser wurden durch Trümmer abgefangener Drohnen beschädigt. Die Betreibertochter erklärte, die primäre Destillationsanlage habe den Betrieb eingestellt. Reuters bestätigte den Produktionsstopp. Zusätzlich zur Raffinerie griff die Ukraine nach ukrainischen Militärberichten den Militärflugplatz Jejsk an der russischen Schwarzmeerküste an.

Der Gegenangriff war nicht spontan. Wolodymyr Selenskyj hatte nach dem russischen Großangriff auf Kiew erklärt, das Militär solle mögliche Formate für eine Antwort vorbereiten. Bei jenem Angriff hatte Russland nach ukrainischen Angaben mehr als 675 Drohnen und 56 Raketen eingesetzt. 24 Menschen starben in Kiew, darunter drei Kinder. Eines der Opfer war zwölf Jahre alt. Mehr als 100 weitere wurden verletzt. Selenskyj bezeichnete den Angriff als bewusstes Massaker an Zivilisten und erneuerte seinen Appell an westliche Verbündete, die Luftabwehrlieferungen zu beschleunigen.

Rosnefts größte Raffinerie dreimal getroffen

Die Raffinerie in Rjasan gehört zu den leistungsfähigsten Anlagen im Rosneft-Konzern, dem mit Abstand größten russischen Ölunternehmen. Sie verarbeitet nach Unternehmensangaben rund 17 Millionen Tonnen Rohöl jährlich, das entspricht etwa fünf Prozent der russischen Gesamtkapazität. Der ukrainische Generalstab bezeichnete die Anlage als legitimes militärisches Ziel: Sie versorge russische Streitkräfte mit Treibstoff für Panzer, Flugzeuge und Logistikfahrzeuge. Es ist nach eigenen Angaben der dritte Angriff auf diese spezifische Anlage im laufenden Jahr 2026.

Die Rjasan-Raffinerie liegt 200 Kilometer südöstlich von Moskau, weit im russischen Hinterland. Noch vor zwei Jahren galt diese Region als unangreifbar. Sie steht in einer Reihe von Tiefschlägen, mit denen die Ukraine seit Jahresbeginn systematisch russische Energieinfrastruktur in großer Entfernung trifft. Im April wurde die Rosneft-Raffinerie in Tuapse an der Schwarzmeerküste dreimal innerhalb von zwölf Tagen getroffen. Am 12. Mai zerstörten ukrainische Drohnen Teile eines Gaskomplexes in der Region Orenburg, mehr als 1.500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.

Selenskyj bezifferte den Gesamtschaden dieser Kampagne an Russlands Ölindustrie seit Januar 2026 auf mindestens sechs Milliarden Euro. Bloomberg meldete Ende April, Russlands Ölverarbeitungsvolumen sei auf den niedrigsten Stand seit 2009 gefallen, rund zwölf Prozent unter dem Niveau von 2025. Öleinnahmen finanzieren nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds etwa 30 Prozent des russischen Staatshaushalts und damit erhebliche Teile des Militärbudgets.

Vergeltung ohne Ende

Die Lage im Mai 2026 folgt einem Muster, das sich seit Monaten abzeichnet. Russland beschießt ukrainische Städte mit Drohnenschwärmen und Raketensalven, die Ukraine antwortet mit Tiefschlägen auf russische Energie- und Militärinfrastruktur. Keine Seite bricht den anderen. Beide schaffen Fakten, die jeden Verhandlungsrahmen belasten.

Westliche Militäranalysten weisen darauf hin, dass die ukrainische Drohnenstrategie kurzfristige Eskalationsrisiken erzeugt, ohne die Grunddynamik zu verändern. Russland verfügt über die Kapazität, beschädigte Produktionsanlagen über Monate zu ersetzen oder umzuleiten. Die Institute for the Study of War in Washington hält dennoch fest, die Ölkampagne beschränke Russlands Fähigkeit, seine für den Sommer 2026 geplante Offensive im Donbas zu finanzieren und logistisch zu versorgen. Die strategische Wirkung liegt weniger in der unmittelbaren Zerstörung als in der Botschaft: Kein Punkt Russlands liegt außerhalb des Aktionsradius ukrainischer Drohnen.

Selenskyj empfing am Freitag nach ukrainischen Regierungsangaben BND-Präsident Martin Jäger und den deutschen Kanzleramtsminister Thorsten Frei in Kiew. Im Mittelpunkt der Gespräche stand die Beschleunigung der deutschen Luftabwehrzusagen. Deutschland hatte Anfang Mai den gemeinsamen Bau von Hochleistungsluftabwehrsystemen mit ukrainischen Rüstungspartnern angekündigt. Bis zu einem konkreten Schutz über ukrainischen Städten werden jedoch Monate vergehen. Gleichzeitig forderte Selenskyj schärfere westliche Sanktionen, insbesondere Maßnahmen gegen Rosneft und seine internationalen Handelspartner.

Berlins Luftabwehrzusage und Trumps offener Kalender

US-Präsident Donald Trump hatte nach dem Ende der dreitägigen Waffenruhe vom 9. bis 11. Mai angekündigt, es werde neue Gespräche geben. Ein konkretes Datum blieb er schuldig. Die parallelen Gespräche in Abu Dhabi hatten keinen Durchbruch gebracht. Trump managt gleichzeitig den Irankonflikt, die Chinapolitik und die Ukrainekrise. Kapazitäten für eine weitere Vermittlungsrunde mit vollem diplomatischem Gewicht sind begrenzt.

Der Angriff auf Rjasan macht Gespräche nicht einfacher. Moskau wird den Treffer auf die Raffinerie, in deren Umgebung zivile Wohngebäude beschädigt wurden, als Beweis für ukrainische Eskalationsbereitschaft darstellen. Kiew argumentiert, die dreitägige Waffenruhe in der vergangenen Woche habe bewiesen, dass Russland jede Feuerpause taktisch zur Umgruppierung nutze. Der ukrainische Generalstab meldete, Russland habe die Waffenruhe für rund 150 Angriffsaktionen an der Front genutzt, bevor die Kämpfe wieder voll aufflammten. Solange diese Grundlogik anhält, wird jede Nacht neue Drohnen gen Westen oder gen Osten schicken.

Quellen (8)

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