Rekordsaison: Banken überraschen, Europa hängt am Öl
Die Berichtssaison für das zweite Quartal 2026 beginnt mit einem Paukenschlag aus New York. JPMorgan Chase meldete am Dienstag einen Quartalsgewinn von 7,70 Dollar je Aktie, 47 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und 38 Prozent mehr als Analysten erwartet hatten. Das Nettoergebnis belief sich auf 16,9 Milliarden Dollar, der Umsatz auf 58,0 Milliarden Dollar. Goldman Sachs übertraf dieses Ergebnis noch: Die Investmentbank erzielte mit 20,98 Dollar je Aktie ein Rekordergebnis und steigerte den Umsatz um 39 Prozent auf 20,34 Milliarden Dollar. Europa folgt mit einer Welle guter Quartalsberichte in den nächsten Wochen. Das Fundament ist fragiler als die Zahlen vermuten lassen.
Was die Quartalssaison antreibt
Die Q2-Berichtssaison ist der wichtigste Gradmesser für den Zustand der Weltwirtschaft: In einem Zeitraum von vier bis sechs Wochen legen die meisten börsennotierten Großunternehmen ihre Zahlen für die Monate April bis Juni vor. Bloomberg Intelligence prognostiziert für die Unternehmen im MSCI-Europe-Index ein aggregiertes Gewinnwachstum von 11,5 Prozent im zweiten Quartal 2026, den höchsten Wert seit dem ersten Quartal 2023. Analysten der Deutschen Bank gehen für den breiteren STOXX 600 sogar von 14 Prozent Wachstum aus, verglichen mit dem Konsenswert von 12 Prozent. JPMorgan-Stratege Mislav Matejka sieht die Entwicklung vorsichtiger: Er rechnet für den Euroraum mit einem medianen EPS-Wachstum von neun Prozent, was noch immer deutlich über dem langfristigen Schnitt läge.
Der DAX hielt sich am Dienstag knapp über der psychologisch wichtigen 25.000-Punkte-Marke und schloss bei 25.147 Punkten. Ein weiterer Faktor des Tages: Die US-Inflationsdaten für Juni 2026 überraschten positiv. Die Jahresrate fiel auf 3,5 Prozent, nach 4,2 Prozent im Mai, deutlich unter den Analystenprojektionen von 3,8 Prozent. Auf Monatsbasis war die Preisentwicklung sogar negativ: minus 0,4 Prozent. Das ist der stärkste monatliche Rückgang seit April 2020, als die Corona-Lockdowns den Ölpreis auf ein historisches Tief drückten.
JPMorgan, Goldman und der Geopolitikbonus
Die außergewöhnlichen Bankergebnisse aus den USA haben einen gemeinsamen Nenner: geopolitische Volatilität schlägt sich in Handelsumsätzen nieder. In Zeiten, in denen Anleiherenditen, Währungen und Rohstoffpreise täglich stark schwanken, verdienen Handelsabteilungen an jedem Spread. Goldman Sachs' Bereich Global Banking and Markets, der wichtigste der Bank, erzielte Rekordumsätze von 15,52 Milliarden Dollar, ein Anstieg von 53 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. CEO David Solomon sprach von Ergebnissen, die „die Stärke unseres globalen Franchise” widerspiegelten.
Dazu kommt das Zinsumfeld. Die US-Notenbank hat ihren Leitzins seit Frühjahr 2026 nicht mehr erhöht, aber das Niveau bleibt weit über den Nullzinsjahren, was Banken auf breiter Basis höhere Nettozinsmargen beschert. JPMorgans Nettozinsertrag lag im zweiten Quartal bei 23,7 Milliarden Dollar. Das bereinigte EPS von 6,14 Dollar (ohne Sonderposten) übertraf den Konsens von 5,59 Dollar noch deutlich; mit Sonderposten kletterte die Kennzahl auf 7,70 Dollar. Die Kapitalquote CET1 liegt bei 14,1 Prozent, was die Bank für Aktienrückkäufe und Dividenden gut positioniert.
Europas 84-Prozent-Problem
In Europa wiederholt sich das gleiche Muster, aber konzentrierter auf eine einzige Branche. Analysten der Deutschen Bank haben errechnet, dass der Energiesektor allein rund 50 Prozent des gesamten Gewinnwachstums im STOXX 600 im zweiten Quartal ausmacht. Denn Brent-Rohöl kostete zwischen April und Juni im Durchschnitt rund 97 Dollar je Barrel, 45 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, getrieben vom Iran-US-Konflikt und der Hormusblockade. Bloomberg Intelligence schätzt das Gewinnplus europäischer Energiekonzerne und Ölproduzenten für Q2 auf 84 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Ohne Energie sähe die europäische Berichtssaison sehr anders aus. Deutsche Bank schätzt das Gewinnwachstum des STOXX 600 exklusive Energiewerte auf rund drei Prozent, ein Wert, der kaum über dem Bereich der statistischen Schwankungsbreite liegt. Shell meldete bereits, seine Gasergebnisse im Handel seien im zweiten Quartal „deutlich höher” als im ersten; Repsol verbuchte die höchsten Raffineriermargen seit 2023. Das sind Profite aus einem Konflikt, nicht aus gesteigerter Produktivität oder Marktdurchdringung. Für Verbraucher hat der Energieboom eine direkte Kehrseite: Höhere Energiepreise belasten Kaufkraft und Produktionskosten in allen anderen Branchen. Im Automobilsektor hatten Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW bereits für das erste Quartal 2026 gemeinsam 23 Prozent weniger Gewinn gemeldet als ein Jahr zuvor; das zweite Quartal dürfte kaum besser ausfallen.
Guidance für das zweite Halbjahr entscheidet die Richtung
DAX-Konzerne beginnen erst in Kalenderwoche 28 mit der Berichterstattung, etwa drei Wochen nach den US-Großbanken. Entscheidend wird nicht der Rückblick auf das zweite Quartal sein, sondern die Guidance für das zweite Halbjahr. Zwei Variablen belasten das Bild.
Erstens die Geopolitik. Der Energieboom des zweiten Quartals war ein Sondereffekt: Brent notiert am Dienstag bei 85,37 Dollar je Barrel, weit unter dem Quartalsdurchschnitt von 97 Dollar. Wie lange die Hormusblockade anhält und wie stark die Eskalation im Iran-Konflikt weitergeht, bestimmt den Ölpreis für die zweite Jahreshälfte und damit direkt das Gewinnbild des Energiesektors, auf dem ein Großteil des europäischen Wachstumsniveaus ruht. Kehren die Preise auf das Vorkrisenniveau zurück, wird der 84-Prozent-Gewinnzuwachs der Energiekonzerne in der zweiten Jahreshälfte kaum zu wiederholen sein.
Zweitens die Geldpolitik. Die überraschend schwachen US-Inflationsdaten vom Dienstag ließen die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinserhöhung im September von über 75 Prozent auf 63 Prozent fallen. Zinssenkungen statt weiterer Erhöhungen würden europäische Märkte strukturell stützen: niedrigere Finanzierungskosten für Industrie und Konsum, ein stärkerer Euro und eine höhere Risikobereitschaft bei Kapitalanlagen. Die Guidance-Saison, die jetzt beginnt, wird zeigen, ob Konzernchefs diese Entspannung bereits einpreisen oder ob die geopolitische Ungewissheit alle Prognosen unter Vorbehalt stellt.
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