Hitzehoch Hartmut zwingt die Bahn zu einer Premiere
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Hitzehoch Hartmut zwingt die Bahn zu einer Premiere

Erstmals in ihrer Geschichte erlaubt die Deutsche Bahn kostenlose Ticket-Stornierungen wegen Hitze. Die Kulanz gilt für alle Fernverkehrstickets vom 25. bis 30. Juni 2026, auch für Super-Sparpreise. Was steckt dahinter?

25. Juni 2026, 14:39 Uhr 768 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Das Hitzehoch Hartmut bringt etwas hervor, das es in über 150 Jahren Eisenbahngeschichte noch nicht gegeben hat: Erstmals dürfen Reisende ihre Fernverkehrstickets wegen Hitze kostenlos stornieren. Auf den ersten Blick ist das eine Kulanzgeste. Was dahintersteckt, zeigt, wie verletzbar das deutsche Schienennetz bei Extremwetter inzwischen ist.

Was die Sonderkulanz konkret bedeutet

Die Deutsche Bahn hat am 25. Juni die Regelung bekannt gegeben: Alle Tickets für ICE und IC für Reisetage zwischen dem 25. und dem 30. Juni 2026 können kostenlos storniert werden. Die einzige Bedingung: Das Ticket muss bis einschließlich 23. Juni 2026 gebucht worden sein. Die Regelung gilt ausdrücklich auch für Super-Sparpreis-Tickets, die normalerweise nicht erstattungsfähig sind. Regionalverkehr und Nahverkehr sind von der Kulanz ausgenommen.

Die Stornierung läuft über den Bereich "Meine Reisen" auf bahn.de oder in der DB Navigator App. Wer ein analoges Ticket hat, kann es an einer DB-Verkaufsstelle zurückgeben. Teilstornierungen sind nicht möglich: Wer ein Ticket mit Hin- und Rückfahrt gebucht hat, storniert immer beide Strecken zusammen.

Die Entscheidung fiel nicht ohne Vorgeschichte. Zwei Tage vor Bekanntgabe des Hitze-Stornos hatte ein Ausfall des veralteten Zugfunksystems GSM-R den deutschen Bahnverkehr bundesweit für rund zwei Stunden lahmgelegt. Das Netz bewältigt gerade einen doppelten Stress: technische Altersprobleme und zunehmende Klimabelastung gleichzeitig.

Wie Hitze Schienen, Oberleitungen und Züge sabotiert

Die Bahn gibt die Kulanz nicht aus Großzügigkeit. Das Schienennetz kommt bei Temperaturen über 35 Grad unter Druck, buchstäblich. Stahlschienen dehnen sich bei Wärme aus. Unter direkter Sonneneinstrahlung erreichen sie Temperaturen zwischen 60 und 70 Grad Celsius, obwohl die Lufttemperatur "nur" 38 bis 40 Grad beträgt. In durchgehend verschweißten Gleisen entstehen dabei hohe Druckspannungen. Überschreiten diese Spannungen einen Schwellenwert, können sich Gleise wellenförmig verbiegen, sogenannte Gleisverwerfungen, die im schlimmsten Fall zur Entgleisung führen. Die DB überwacht gefährdete Strecken bei Hitze intensiv und verhängt bei Bedarf Geschwindigkeitsbegrenzungen oder sperrt Abschnitte vorübergehend.

Fahrleitungen dehnen sich aus und hängen bei Extremhitze durch. Schäden am Fahrdraht oder am Stromabnehmer können zur Streckensperrung führen. Hinzu kommt: Moderne Züge reduzieren bei kritischen Komponententemperaturen automatisch ihre Leistung. Transformatoren, Gleichrichter und Fahrmotoren erzeugen erhebliche Abwärme, die sich bei hohen Außentemperaturen schlechter abführen lässt. Das Ergebnis für Passagiere sind verlängerte Fahrtzeiten. Böschungsbrände entlang des Streckennetzes gehören zu den häufigsten hitzebedingten Ursachen für kurzfristige Streckensperrungen im Sommer.

Was die Bahn gegen Dauerhitze unternimmt

Die Deutsche Bahn hat nach eigenen Angaben ein Programm zum "Thermomanagement" ihrer Infrastruktur aufgelegt. Dazu gehören Kühlsysteme für Weichen, Beschichtungen für Schienen, die Sonnenwärme besser reflektieren und die Bepflanzung von Böschungen zur natürlichen Kühlung. Das Unternehmen hat außerdem verstärkte Inspektionsroutinen für Hitzeperioden eingeführt.

Trotzdem ist das Netz noch weit davon entfernt, reguläre 40-Grad-Sommer verlässlich zu bewältigen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hatte für den 28. Juni bis zu 41 Grad in Südwestdeutschland erwartet und das mögliche Fallen des bisherigen bundesweiten Junirekords von 39,6 Grad angekündigt. Das Hitzehoch Hartmut ist der zweite Extremsommer in Folge. Klimawissenschaftler gehen davon aus, dass solche Perioden in Deutschland bis 2050 deutlich häufiger auftreten.

Experten aus dem Ingenieurswesen warnen seit Jahren, dass Extremhitze für die Schieneninfrastruktur das größte unkontrollierte Risiko darstellt, weil sie anders als Stürme oder Schnee das gesamte Netz gleichzeitig betrifft und nicht lokal begrenzt bleibt. Der Netzausbau und die Modernisierung der Fahrzeugtechnik laufen, aber langsam: Viele Schienen, Brücken und Oberleitungsanlagen stammen noch aus den 1970er und 1980er Jahren und wurden für die Klimaverhältnisse jener Jahrzehnte ausgelegt.

Nach dem 30. Juni: Zwei offene Fragen

Die Sonderkulanz läuft am 30. Juni ab. Danach gelten wieder die normalen Stornierungsbedingungen. Ob der Sommer 2026 weitere ähnliche Maßnahmen erzwingt, ist offen. Der DWD hat für Juli und August weitere Hitzephasen als wahrscheinlich eingestuft.

Die eigentliche Frage, auf die Bahn bisher keine öffentliche Antwort gegeben hat, ist eine strukturelle: Ab welchem Regelmäßigkeitsgrad wird aus dem Ausnahme-Storno eine dauerhafte Tarifanpassung? Und wer bezahlt, wenn Klimaextreme aus Ausnahmen zur Normalität werden? Die Kosten eines Hitze-Stornos trägt bisher die DB. Wenn Hitzewellen von Ausnahmen zu erwartbaren Sommerereignissen werden, ist die Frage der Kostenverteilung zwischen Bahnunternehmen, Steuerzahlern und Ticketkäufern nicht mehr akademisch.

Quellen (8)

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