Lungenkrebsscreening startet: Kassenleistung ab April
Seit dem 1. April 2026 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland die Kosten für das Lungenkrebsscreening per Niedrigdosis-CT. Die Untersuchung richtet sich an Hochrisikogruppen mit langjährigem Tabakkonsum. Was wie ein bürokratischer Regelungswechsel klingt, könnte jährlich Hunderte Todesfälle verhindern, wenn genug Betroffene das Angebot wahrnehmen. Lungenkrebs ist in Deutschland die häufigste krebsbedingte Todesursache bei Männern und hat 2024 erstmals auch bei Frauen Brustkrebs von Platz eins verdrängt. Die meisten Fälle werden bisher im fortgeschrittenen Stadium erkannt.
Was die Niedrigdosis-CT erkennt
Das Screening richtet sich nach den Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) an Personen zwischen 50 und 75 Jahren, die aktuell rauchen oder in den letzten zehn Jahren aufgehört haben und eine Rauchintensität von mindestens 20 Packungsjahren aufweisen. Ein Packungsjahr entspricht einer Schachtel täglich über ein Jahr. Die Untersuchung kann einmal jährlich in Anspruch genommen werden und ist für die gesetzlich Versicherten kostenfrei. Der G-BA hat die Vergütung für den Erstbefund auf 95,04 Euro festgelegt, für das spezialisierte Zweitvotum an einem zertifizierten Lungenkrebszentrum auf 49,56 Euro.

Die Niedrigdosis-CT unterscheidet sich von einer diagnostischen CT durch eine deutlich geringere Strahlendosis. Das Gerät erstellt Schnittbilder des Brustkorbs und zeigt Lungenknoten, die ohne Symptome nicht zu spüren wären. Auffällige Befunde werden nach dem Lung-RADS-Schema eingestuft. Nicht jeder verdächtige Knoten bedeutet Krebs: Laut G-BA-Daten aus frühen Programmmonaten erhalten etwa 220 von 1.000 Untersuchten einen auffälligen Befund, die meisten davon harmloser Natur. Damit ist eine hohe Rate an Folgeuntersuchungen eingeplant.
Warum Lungenkrebs so spät erkannt wird
Ohne Screening wird Lungenkrebs selten früh erkannt. Nach Angaben der Gelben Liste werden derzeit nur etwa 15 Prozent aller Fälle in einem frühen Stadium entdeckt, in dem Heilungschancen vergleichsweise gut sind. Der Grund ist das Fehlen früher Symptome. Husten, Kurzatmigkeit und Schmerzen treten meistens erst auf, wenn der Tumor bereits größer ist oder gestreut hat. Im Stadium IV beträgt die Fünfjahres-Überlebensrate noch unter zehn Prozent, im Stadium I liegt sie bei 70 bis 90 Prozent.
Diese Lücke zwischen Potenzial und Realität motivierte das Screening: Wer einen Tumor im Stadium I findet, kann ihn häufig kurativ operieren. Wer im Stadium IV diagnostiziert wird, kämpft um Lebenszeit, nicht um Heilung. Jeder früh erkannte Fall ist damit nicht nur eine Statistik, sondern ein potenziell gerettetes Leben.
Was die NELSON-Studie zeigt
Die wissenschaftliche Grundlage liefert vor allem die niederländisch-belgische NELSON-Studie, die bisher umfangreichste randomisierte Studie zu CT-Screening auf Lungenkrebs. Ihre zentralen Ergebnisse: 70,8 Prozent der im Screening entdeckten Karzinome wurden im Stadium I gefunden, verglichen mit 13,5 Prozent in der Kontrollgruppe ohne Screening. Die Detektionsrate je Runde lag zwischen 0,8 und 1,1 Prozent der Gescreenten. Das bedeutet: Bei 1.000 Untersuchten finden sich pro Runde neun bis elf Karzinome, der Großteil davon früh und gut behandelbar.

Kritiker des Screenings verweisen jedoch auf ein reales Problem: Überdiagnose. Gemeint sind Tumoren, die zwar im Scan sichtbar sind, aber biologisch so langsam wachsen, dass sie im Leben des Betroffenen nie zu Symptomen geführt hätten. Die Behandlung solcher Befunde bedeutet Aufwand und Risiko ohne Nutzen. Schätzungen zufolge betrifft das in CT-Screening-Studien bis zu zehn bis 20 Prozent der gefundenen Karzinome. Hinzu kommt die psychische Belastung durch falsch-positive Befunde, die mehrmonatige Nachbeobachtung erfordern, bis Entwarnung gegeben werden kann. Das neue deutsche Programm setzt auf mehrstufige Abklärung und spezialisierte Zentren, um diese Nebenwirkungen zu begrenzen.
Im Vergleich: Andere Länder begannen früher
Deutschland gehört zu den späteren Startern unter den entwickelten Ländern. Die USA führten nach dem Abschluss der großen NLST-Studie (National Lung Screening Trial) 2013 ein bundesweites Programm ein, das 2021 auf mehr Hochrisikogruppen ausgeweitet wurde. Großbritannien betreibt seit 2019 ein NHS Lung Health Check-Programm, das in bestimmten Regionen aktiv Hochrisikopersonen einlädt. Die Niederlande und Belgien, Heimatländer der NELSON-Studie, diskutieren eine flächendeckende Einführung seit Jahren.
Dass Deutschland erst 2026 startet, hat mehrere Gründe. Der G-BA bewertete die Evidenz über mehrere Jahre und die Implementierung erforderte aufwendige Zertifizierungsanforderungen für Lungenkrebszentren, die Zweitvoten übernehmen. Beim RöKo-Kongress 2026 in Leipzig betonten Radiologen, dass das Programm sechs Wochen nach dem Start noch nicht flächendeckend verfügbar sei. Viele zertifizierte Zentren werden erst im Jahresverlauf 2026 ihre Kapazitäten aufgebaut haben.
Wenn alle Qualifizierten kämen
Mehrere Millionen Personen in Deutschland erfüllen die Kriterien des Programms. Wie viele es in Anspruch nehmen werden, ist offen. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) betonte zum Programmstart, dass die tatsächliche Wirkung von der Teilnahmerate abhängt. Wenn Hausarztpraxen aktiv auf berechtigte Patientinnen und Patienten zugehen, könnten deutlich mehr erreicht werden als in einem reinen Komm-Modell, bei dem Betroffene selbst die Initiative ergreifen müssen.
Das Programm ist ein echter Fortschritt, der sich nach Jahren zäher Nutzenbewertung jetzt in der Realität beweisen muss. Zertifizierte Zentren, Hausarzt-Beratung und eine niedrige Hemmschwelle bei der Anmeldung werden entscheiden, ob die Versprechen der NELSON-Studie für Deutschland eingelöst werden.
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