Deutschlands WM-Auftakt: Neuer spielt in Houston
Am 5. Juli 2024 hielt Neuer im EM-Viertelfinale gegen Spanien, Deutschland verlor 1:2 nach Verlängerung, er verabschiedete sich danach öffentlich aus dem DFB-Team. Noch im Februar 2026 sagte er, eine Rückkehr sei kein Thema. Heute Abend um 19 Uhr MESZ steht er in Houston im Tor. Bundestrainer Julian Nagelsmann bestätigte die Entscheidung gestern auf der Pressekonferenz.
709 Tage Pause und der Rücktritt vom Rücktritt
Nach 15 Jahren als Nummer eins des DFB-Teams erklärte Neuer seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft wenige Wochen nach dem EM-Aus. Er schrieb, er sei überzeugt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für diesen Schritt sei. Im Winter und Frühjahr 2026 häuften sich Anfragen an den Bayern-Torwart, ob er sich eine Rückkehr vorstellen könne. Noch im Februar sagte Neuer einer Bild-Anfrage, das sei kein Thema.
Dann kamen die Champions-League-Spiele gegen Real Madrid. Neuer zeigte Leistungen, die selbst skeptische Beobachter überzeugten: Paraden im Rückspiel in Madrid, bei denen er mehrere hochklassige Chancen entschärfte. Nagelsmann überarbeitete seine Planungen. Oliver Baumann, der bei den Vorbereitungsspielen gegen Finnland (4:0) und die USA (2:1) im Tor gestanden hatte und lange als die sicherere Wahl galt, verlor seinen Platz. Nagelsmann nannte die Situation nach dem Bekanntwerden der Entscheidung "maximalen Druck" für beide: für Neuer, der nach 709 Tagen direkt in ein WM-Spiel einsteigt und für ihn selbst, der diese Wette auf seinen zurückgekehrten Torwart eingeht.
Heute ist Neuers fünfte Weltmeisterschaft. Er ist 40 Jahre alt. Kein anderer aktiver Spieler der deutschen Nationalmannschaft hat in seiner Karriere mehr WM-Spiele bestritten.
Curaçao: 156.000 Menschen und ein WM-Debüt
Die Karibikinseln südlich von Venezuela haben 156.000 Einwohner und eine Fläche von 444 Quadratkilometern. Curaçao ist damit die kleinste Nation in der Geschichte der Fußballweltmeisterschaft, kleiner als Island, das 2018 mit rund 350.000 Einwohnern nach Russland fuhr. Als eigenständiger Staat existiert Curaçao erst seit 2010, als die Niederländischen Antillen aufgelöst wurden.
In der CONCACAF-Qualifikation für die WM 2026 gewann Curaçao die Gruppe B und sicherte sich damit die direkte Teilnahme. Das entscheidende Resultat war ein 0:0 in Kingston gegen Jamaika am letzten Spieltag, das für den Gruppensieg reichte. Die Bilanz der Testspiele davor liest sich wie eine Ankündigung des Schwierigkeitsgrades: 0:2 gegen China, 1:5 gegen Australien, 1:4 gegen Schottland. Trainer Dick Advocaat, der Niederlande-Veteran, betonte auf der Pressekonferenz, sein Team wolle nur das eigene Maximum abrufen. Damit formuliert Curaçao realistischere Ziele als die meisten anderen WM-Teilnehmer in der Geschichte.
Was Curaçao mitbringt: Spieler mit europäischen Doppelpässen, mehrere davon in der niederländischen Eredivisie aktiv und eine Qualifikationsleistung, die niemand erwartet hatte. Für die FIFA ist dieses Debüt auch ein Werbeargument für das neue 48-Teams-Format, das kleineren Nationen überhaupt erst den Weg geöffnet hat.
Was die WM-Nacht brachte: Brasilien patzt, Schottland gewinnt
Deutschland ist das letzte der großen Turnierteams, das seine Gruppe eröffnet. Die Nacht zuvor lieferte Ergebnisse, die Annahme erschüttern, die Favoritenrolle sei eine Garantie.
Brasilien, mit Trainer Carlo Ancelotti als Titelkandidat gehandelt, kam in Gruppe C gegen Marokko nicht über ein 1:1 hinaus. Ismael Saibari brachte Marokko in der 21. Minute in Führung, Vinicius Junior glich elf Minuten später aus. Mehr gelang den Brasilianern nicht. Schottland dagegen gewann sein erstes WM-Spiel seit 1990: John McGinn traf in der 28. Minute zum 1:0 gegen Haiti, Schottland steht nach dem ersten Spieltag an der Spitze von Gruppe C. Das 1:1 der Schweiz gegen Katar, bei dem Katar in der 94. Minute durch Kapitän Boualem Khoukhi ausglich, zeigt das gleiche Muster: Ergebnisse, die keine Mannschaft glücklich aus dem Stadion gehen ließen.
Deutschland hat diese Erinnerungen fest im Gedächtnis. 2018 schied die DFB-Elf in der Vorrunde aus, 2022 erneut. Zweimal hintereinander in der Gruppenphase gescheitert zu sein ist eine Bürde, die Nagelsmann nicht wegdiskutieren kann.
Elfenbeinküste am 20. Juni als härterer Test
Im neuen WM-Format mit 48 Teams und zwölf Gruppen rücken der Erste und Zweite jeder Gruppe direkt ins Sechzehntelfinale, dazu kommen die acht besten Tabellendritten. Die Mathematik ist vergleichsweise großzügig gegenüber Favoriten. Trotzdem: Heute Abend ist das erste Spiel, die erste Bewährungsprobe für Nagelsmann als WM-Trainer.
Auf Curaçao folgen Elfenbeinküste am 20. Juni in Toronto und Ecuador am 25. Juni in New York. Elfenbeinküste, Afrikameister von 2024, gilt als der eigentliche Prüfstein dieser Gruppe E. Die Entscheidung über den Gruppensieg wird wahrscheinlich in Toronto fallen, nicht heute in Houston. Aber der erste Eindruck zählt und Deutschland hat in den vergangenen acht Jahren regelmäßig schlechte erste Eindrücke hinterlassen. Neuer steht heute zum ersten Mal seit seiner Rückkehr vom Rücktritt im Tor. Das ist die Geschichte des Abends und erst das Ergebnis wird zeigen, ob sie eine gute ist.
Aktualisierungen
Update 14. Juni, 22:30 Uhr: Deutschland gewann sein WM-Auftaktspiel gegen Curaçao mit 7:1 (3:1) und feierte damit den ersten deutschen WM-Auftaktsieg seit dem Titel 2014. Felix Nmecha traf nach sechs Minuten per Doppelpass mit Florian Wirtz; Nico Schlotterbeck, Kai Havertz (zweimal), Jamal Musiala, Nathaniel Brown und Einwechselspieler Deniz Undav komplettierten das Ergebnis. Manuel Neuer, 40 Jahre alt, bestritt bei seinem 125. Länderspiel eine weitgehend beschäftigungslose Partie als ältester Spieler je im DFB-Tor bei einem WM-Spiel. Er sagte danach: „Ich freue mich, als ob dies meine erste WM ist." Den geschichtlichen Moment des Abends hielt Livano Comenencia für Curaçao fest: Sein Treffer in der 21. Minute zum zwischenzeitlichen 1:1 war das erste WM-Tor in der Geschichte der Karibikinsel. Einziger Wermutstropfen war die Chancenverwertung von Leroy Sané, der trotz mehrerer klarer Möglichkeiten ohne Tor blieb. Am 20. Juni, 22:00 Uhr MESZ, trifft Deutschland in Toronto auf Afrikameister Elfenbeinküste.
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