Von 27 auf 607: Wie der Kondor dem Aussterben entkam
Im März 2026 nistete im Territorium des Yurok-Stammes an der Pazifikküste Nordkaliforniens ein Kondorpaar. Es war das erste Mal seit über einem Jahrhundert, dass der Vogel in dieser Region brütete. Dass solche Meldungen heute möglich sind, verdankt sich einem der ausdauerndsten Artenschutzprogramme der Welt: 1987 gab es noch 27 Kalifornische Kondore, alle in Gefangenschaft. Im Februar 2026 zählte der U.S. Fish & Wildlife Service 607 Exemplare, davon 392 in freier Wildbahn. Der Erfolg kommt mit einem Paradox.
Warum der Kondor beinahe verschwand
Der Kalifornische Kondor (Gymnogyps californianus) ist der größte Landvogel Nordamerikas, mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern. Noch im frühen 19. Jahrhundert kreisten die Tiere von Baja California bis British Columbia. Mit der europäischen Besiedlung begann ihr Niedergang: Farmer erschossen Kondore, die sie für eine Gefahr für Vieh hielten. Giftköder, die gegen Kojoten und Pumas ausgelegt wurden, töteten Vögel die davon fraßen. Die tödlichste Bedrohung blieb lange unsichtbar: Bleisplitter, die beim Zerplatzen eines Gewehrgeschosses im Tierkörper entstehen. Kondore fressen ausschließlich Aas und nehmen dabei die Bleifragmente auf. Anfang der 1980er-Jahre gab es noch schätzungsweise 22 freilebende Kondore. Am 19. April 1987 wurde der letzte eingefangen.

Das Zuchtprogramm ohne Vorbild
Der Fish & Wildlife Service startete ein Gefangenschaftszuchtprogramm mit den 27 verbliebenen Tieren, verteilt auf den Los Angeles Zoo, die San Diego Wildlife Alliance, das Oregon Zoo und den Peregrine Fund in Boise, Idaho. Kondore brüten langsam: ein Ei pro Jahr, Jungvögel brauchen mehr als ein Jahr Elternbegleitung. Züchter entwickelten das sogenannte Double-Clutching: Wird das erste Ei dem Nest entnommen und künstlich bebrütet, legt das Weibchen oft ein zweites. So verdoppelte sich die jährliche Nachwuchsrate.
1992 wurden die ersten Vögel wieder ausgewildert. Das Programm verteilt die Tiere heute auf sechs Gebiete: Südkalifornien, die Nordküste Kaliforniens, das Stammesgebiet der Yurok im pazifischen Nordwesten, Utah und Arizona sowie Baja California in Mexiko. Im März 2026 nistete nach Angaben des Fish & Wildlife Service ein Kondorpaar erstmals seit über einem Jahrhundert im Yurok-Territorium, ein Zeichen, dass die Vögel historische Lebensräume zurückgewinnen. Der Stamm trägt das Programm aktiv mit, der Kondor hat für ihn spirituelle Bedeutung. Laut dem Jahresbericht 2025 wurden 16 Küken in freier Wildbahn flügge.
Das Paradox des Schutzerfolgs
Die größte Bedrohung ist dieselbe wie vor 40 Jahren. Von 1992 bis 2025 starben laut Fish & Wildlife Service 161 freilebende Kondore an Bleivergiftung, mehr als durch alle anderen dokumentierten Ursachen zusammen. In der zentralen Küstenpopulation werden nach einer Studie vom März 2026 62 Prozent aller nachgewiesenen Todesfälle auf Blei zurückgeführt, in der südlichen Population 44 Prozent.

Kalifornien führte 2019 als einziger US-Bundesstaat ein vollständiges Verbot von Bleiammunition für sämtliche Jagdarten ein. Die Compliance-Rate liegt nach Angaben des Fish & Wildlife Service bei 98,89 Prozent. Das Verbot wirkt dort, wo es gilt. Doch Kondore fliegen heute weiter als je zuvor in ihrer neuzeitlichen Geschichte: bis nach Nevada, Oregon und Utah, also in Bundesstaaten ohne entsprechende Regelung. Die Blutbleispiegel bei potenziell gefährdeten Tieren haben sich zwischen 2020 und 2025 annähernd verdoppelt. Gerade weil das Zuchtprogramm funktioniert und die Vögel ihr Verbreitungsgebiet ausweiten, geraten sie in Gebiete, die das Schutzgesetz nicht erreicht.
Im Vergleich mit anderen Artenschutzerfolgen
Der Kondor steht in einer Reihe außergewöhnlicher Erholungen. Der Iberische Luchs galt 2002 mit unter 100 Exemplaren als die am stärksten bedrohte Katzenart der Welt. Die Internationale Naturschutzunion IUCN zählte 2024 über 2.000 Tiere in Spanien und Portugal. Der Wisent starb 1925 in freier Wildbahn aus, lebt heute wieder in über 8.000 Exemplaren, vor allem im Bialowieza-Urwald an der polnisch-belarusischen Grenze. Allen drei Erholungen gemeinsam ist ein spezifisches, langjährig finanziertes Programm: DDT-Verbot für den Weißkopfseeadler, Jagdverbote für den Wisent, Bleiverbot für den Kondor, jeweils kombiniert mit aktiver Zucht und Auswilderung.
Mit 607 Tieren ist der Kondor noch deutlich kleiner als diese Populationen. Damit der Bestand dauerhaft ohne permanente Zuchtprogramme wachsen kann, müssen die Sterblichkeitsraten durch Blei in allen Bundesstaaten sinken, in denen die Vögel heute fliegen.
Blei jenseits der Landesgrenzen: die offene Flanke
Das Fish & Wildlife Service arbeitet mit Jagdverbänden in Arizona und Nevada an freiwilligen Vereinbarungen zur bleifreien Munition in bekannten Kondorlebensräumen. Parallel testete der Peregrine Fund 2025 neue Methoden der Blutbleiüberwachung, um gefährdete Tiere frühzeitiger zu identifizieren und zu behandeln. Ob weitere US-Bundesstaaten gesetzliche Verbote einführen, ist politisch offen: Bleiammunition ist in ländlichen Wahlbezirken ein hochsensibles Thema. Für den Kondor entscheidet sich in diesen Bundesstaaten, ob dem Artenschutzprogramm der entscheidende letzte Schritt gelingt.
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