WM 2026: Löw vermisst DFB-Führungsspieler
"Joshua Kimmich allein wird nicht reichen oder Manuel Neuer. Wir brauchen schon noch ein paar mehr." So lautet das Urteil von Joachim Löw, dem Mann, der Deutschland 2014 zum Weltmeister machte. In der TikTok-Live-Show "Kroos & Kroos: Die WM unter der Lupe" bemängelte der 66-Jährige, dem aktuellen DFB-Team fehle die Stabilität, die es für einen Titelgewinn brauche. "Persönlichkeiten, wie wir sie 2014 hatten." Heute Abend um 22 Uhr MESZ trifft Deutschland im BMO Field in Toronto auf die Elfenbeinküste.
Was Löw genau bemängelt
Löws Kritik klingt zunächst pauschal, steckt aber in einem konkreten Problem: Turnierfußball wird in Momenten gewonnen, in denen technische Überlegenheit nicht mehr reicht. Elfmeterschießen, verlängerte Spielzeiten, 0:1-Rückstände in der 80. Minute. In solchen Momenten, so Löws These, braucht es Spieler, die Verantwortung übernehmen, die anderen sagen, was jetzt zu tun ist und die bereit sind, das Risiko zu tragen.
Löw lässt offen, welche Spieler er konkret meint. Joshua Kimmich gilt als Kapitän und unbestrittener Leader. Manuel Neuer als erfahrenster Spieler im Kader. Darüber hinaus seien Antonio Rüdiger und Jonathan Tah zunehmend in Führungsrollen gewachsen, auch Nico Schlotterbeck und Deniz Undav gelten als meinungsfreudig. ZDF-Redakteure, die den Löw-Auftritt analysierten, verweisen darauf, dass die DFB-Elf faktisch mehrere potenzielle Führungsspieler hat. Löws Diagnose richtet sich eher auf die Frage, ob diese Spieler auch in Drucksituationen liefern.
Das Referenzjahr 2014
Löws Referenzpunkt ist der Weltmeistertitel in Brasilien. Das Team besaß damals eine ungewöhnliche Dichte an charakterstarken Spielern: Philipp Lahm als Kapitän und taktisch intelligentester Außenverteidiger seiner Generation, Bastian Schweinsteiger als körperlich dominierende Mittelfeldkraft, Thomas Müller als entscheidungsfreudigster Stürmer, Miroslav Klose als Rekordtorjäger der WM-Geschichte. Diese Spieler waren nicht Anführer, weil sie laut waren, sondern weil sie in entscheidenden Spielmomenten die richtigen Entscheidungen trafen.
Das ist auch der Widerspruch in Löws Kritik: Er selbst gehörte zu den Bundestrainern, die klare Hierarchien im Team eher auflösten. Er ließ Torsten Frings und Michael Ballack fallen, beides ausgewiesene Führungsspieler. Sein Ideal war der kollektive Aufstieg, flache Strukturen, Teamgeist statt Einzelpersönlichkeit. Dass er jetzt das Gegenteil einfordert, sagt weniger über Nagelsmann aus als über das, was Löw aus 2014 und dem Scheitern danach gelernt hat.
Die Schweiz als Warnung: Zu viel Führung schadet auch
Wenige Kilometer entfernt von Deutschlands WM-Vorbereitungsquartier kocht ein anderer Führungsstreit. Granit Xhaka, Kapitän der Schweizer Nationalmannschaft, sorgt nach dem enttäuschenden 1:1 gegen Katar für Unruhe im Schweizer Camp. Laut Medienberichten verbreite sich im Team ein zunehmend toxisches Klima. Xhaka habe nach der Partie die eigenen Teamkollegen öffentlich zurechtgewiesen, was für erhebliches Unbehagen gesorgt habe. Leadership-Experten, die Situation gegenüber "20 Minuten" einordneten, betonten: Öffentliche Kritik nach oben ist in einer Unternehmenskultur unvorstellbar und in einem Sportteam nur dann wirksam, wenn die ganze Gruppe dahintersteht.
Der Xhaka-Fall zeigt die andere Seite von Löws Argument. Ein Führungsspieler ist nicht automatisch ein Gewinn. Wer zu dominant führt, wer Kritik nach innen trägt statt nach außen lässt, wer mehr nach Selbstdarstellung sucht als nach kollektiver Lösung, kann ein Team genauso destabilisieren wie das Fehlen von Persönlichkeit. Nagelsmann hat Kimmich bewusst als Kapitän installiert, ohne eine steile Hierarchie dahinter aufzubauen.
Heute Abend in Toronto: Der Test kommt
Die Elfenbeinküste ist amtierender Afrikameister 2024. Sie ist kompakter als Curaçao, defensiv schwieriger zu bespielen und mit Yan Diomande einem gefährlichen Stürmer ausgestattet. Das 7:1 gegen Curaçao war technisch eindrucksvoll, sagte aber wenig über die Drucksituation.
Ob Deutschland heute Abend einen Rückstand dreht, eine ausgeglichene Phase übersteht oder nach einer roten Karte reagiert: genau solche Szenarien sind es, auf die Löws Kritik zielt. Nagelsmann verweist darauf, dass Führungsspieler nicht durch Hierarchie entstehen, sondern durch das Vertrauen des Teams in entscheidenden Momenten. Kimmich, Rüdiger und Tah haben dieses Vertrauen bisher aufgebaut. Ob es reicht, zeigt sich spätestens, wenn der erste harte Test kommt. Heute Abend könnte dieser Test sein.
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