Deutschlands Forschungsparadox: Rekord, sechster Platz
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Deutschlands Forschungsparadox: Rekord, sechster Platz

Das Bundeskabinett verabschiedete den Bundesbericht Forschung und Innovation 2026: Deutschland gab 2024 einen Rekord von 137,1 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus. Trotzdem warnt die Expertenkommission vor nachlassender Dynamik gegenüber Israel, Südkorea und den USA.

9. Juni 2026, 15:05 Uhr 697 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wer beim Gipfel für Forschung und Innovation am 25. Juni 2026 in Berlin sitzt, muss sich auf ein unbequemes Argument einstellen: Trotz Rekordausgaben verliert Deutschland im internationalen Wettbewerb an Innovationsdynamik. Das belegt der Bundesbericht Forschung und Innovation 2026, den das Bundeskabinett in dieser Woche verabschiedet hat. Israel gibt mehr als fünf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Forschung aus, Deutschland 3,17 Prozent. Neuer Rekord, aber nicht Spitze.

Drei Prozent gut, aber nicht Spitze

Die 3,17 Prozent liegen klar über dem OECD-Durchschnitt von 2,72 Prozent und dem EU-Schnitt von 2,13 Prozent. In absoluten Zahlen gab Deutschland 2024 insgesamt 137,1 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus, 3,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Rund 840.000 Menschen arbeiten hierzulande in Forschung und Entwicklung. Mit 1.956 Publikationen pro Million Einwohner bleibt Deutschland in der Wissenschaftsproduktion an vorderer Stelle.

Das Problem liegt bei den Vergleichswerten: Israel wendet seit Jahren über fünf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Forschung auf, Südkorea etwa fünf Prozent. Beide Länder steigern ihre relativen Ausgaben schneller als Deutschland, das seit Mitte der 2010er-Jahre um die Marke von drei Prozent pendelt. Die Bundesregierung hat das Ziel, die Quote bis 2030 auf 3,5 Prozent zu erhöhen.

Sechs Technologien, drei Schwachstellen

Der strategische Kern des Berichts ist die Hightech-Agenda Deutschland (HTAD), die das Bundeskabinett im Juli 2025 beschlossen hat. Bundesforschungsministerin Dorothee Bär vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) konzentriert die Förderung auf sechs Schlüsseltechnologien: Künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusionsenergie mit klimaneutraler Energieerzeugung sowie Technologien für klimaneutrale Mobilität. Im Mai 2026 starteten die zugehörigen Roadmaps gemeinsam mit Wirtschaft, Wissenschaft und Ländern.

Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) unter ihrer Vorsitzenden Prof. Dr. Irene Bertschek vom ZEW Mannheim lobte die Fokussierung in ihrem Jahresgutachten als „starkes Signal“ und benennt gleichzeitig drei Schwachstellen. Erstens: Bei Künstlicher Intelligenz und Mikroelektronik liegt das eigentliche Defizit nicht in der Forschungsleistung, sondern in der Fähigkeit, Innovationen zu entwickeln und anzuwenden. Deutschland publiziert viel über KI, baut aber kaum eigene Basismodelle. Zweitens: Die HTAD klammert Produktionstechnologien wie Robotik und Photonik sowie Materialtechnologien aus, die für industrielle Wettbewerbsfähigkeit entscheidend bleiben. Drittens: Im Mittelstand hemmen Bürokratie, Fachkräftemangel und wirtschaftliche Risiken den Transfer von Ideen in Produkte.

Bär hebt die Initiative F.A.S.T. hervor, die Forschungsergebnisse schneller in marktfähige Anwendungen überführen soll. Konkrete Förderzahlen zu diesem Programm hat das Ministerium bislang nicht veröffentlicht.

Forschung ist nicht Innovation

Deutschlands Grundproblem ist strukturell: Das Wissenschaftssystem produziert exzellente Forschung, aber der Weg vom Labor in die Anwendung ist lang. Die USA profitieren von einem dichten Netz aus Risikokapital und Technologietransfer zwischen Universitäten und Startups. Deutschland hat beides in erheblich kleinerem Maßstab. Israel kombiniert militärische Grundlagenforschung mit ziviler Techindustrie und vergleichsweise hohen ausländischen Direktinvestitionen in Forschungszentren.

Für die deutsche Wirtschaft ist das keine abstrakte Debatte. In der Halbleiterbranche fehlt ein europäischer Konkurrent zu TSMC aus Taiwan oder Samsung aus Südkorea. Im KI-Bereich existieren keine europäischen Pendants zu OpenAI, Google DeepMind oder Chinas Baidu. Wer keine eigenen Basismodelle entwickelt, zahlt Lizenzgebühren an US-Konzerne und riskiert strategische Abhängigkeiten, wie die Coronapandemie bei Halbleitern und der Gasmangel nach dem Einmarsch in die Ukraine gezeigt haben.

Die EFI empfiehlt als Mittel gegen die Regulierungszersplitterung ein sogenanntes „28. Regime“ auf EU-Ebene: einen einheitlichen Rechtsrahmen für Techunternehmen, der grenzüberschreitendes Skalieren erleichtert. Ohne gemeinsamen europäischen Binnenmarkt für Technologie bleibt der Standortvorteil gegenüber den USA und China begrenzt.

Gipfel am 25. Juni als nächster Prüfstein

Am 25. Juni 2026 veranstalten der Stifterverband, die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die EFI und die VolkswagenStiftung den Gipfel für Forschung und Innovation im Berliner Allianz Forum. Das Motto: „Mehr wagen. Schneller werden. Wie Deutschland und Europa technologisch vorangehen.“ Auf der Agenda steht, wie Forschungsexzellenz schneller in Innovationen überführt werden kann. Die Teilnahme vor Ort ist auf geladene Gäste beschränkt, der Gipfel wird als Livestream übertragen.

Ob er über Symbolik hinausgeht, hängt davon ab, ob konkrete Maßnahmen für Mittelstand und Technologietransfer vereinbart werden. Das Ziel von 3,5 Prozent bis 2030 zu erreichen bedeutet, die Ausgaben in vier Jahren um weitere 0,3 Prozentpunkte zu steigern. Das entspricht etwa 12 bis 14 Milliarden Euro jährlich zusätzlich gegenüber dem aktuellen Rekordstand.

Quellen (8)

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