Rente mit 67 ist für Pflege und Bau eine Illusion
Wirtschaft

Rente mit 67 ist für Pflege und Bau eine Illusion

Sieben von zehn Sanitärhandwerkern und Pflegekräften glauben nicht, ihren Job bis zur gesetzlichen Rente zu schaffen. Der DGB-Index Gute Arbeit belegt mit 28.000 Befragten: Die Annahme, alle Beschäftigten könnten bis 67 arbeiten, ist für ganze Berufszweige schlicht falsch.

7. Juli 2026, 11:02 Uhr 755 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Sieben von zehn Klempnern und Heizungsbauern glauben nicht, ihren Beruf bis zur gesetzlichen Rente ausüben zu können. In der Krankenpflege sind es 71 Prozent, in der Altenpflege 67 Prozent, im Hochbau 66 Prozent. Das ergibt der neue DGB-Index Gute Arbeit, für den knapp 28.000 Beschäftigte zwischen 2022 und 2026 befragt wurden. Zur selben Zeit empfiehlt die Alterssicherungskommission der Bundesregierung, das Renteneintrittsalter von 67 auf bis zu 67,5 Jahre anzuheben.

Was die Befragung misst

Der DGB-Index Gute Arbeit ist eine der größten regelmäßigen Beschäftigtenbefragungen in Deutschland. Für die aktuelle Auswertung wurden zwischen 2022 und 2026 knapp 28.000 abhängig Beschäftigte zu ihren Arbeitsbedingungen, Belastungen und Zukunftserwartungen befragt. Das Ergebnis: 40 Prozent der Befragten rechnen nicht damit, ihre derzeitige Tätigkeit ohne Einschränkungen bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter ausüben zu können. Lediglich 53 Prozent glauben, das durchhalten zu können.

Besonders alarmierend ist ein weiterer Befund: Jeder vierte Beschäftigte in Deutschland rechnet damit, vor dem Rentenbeginn arbeitsunfähig zu werden. Das bedeutet in der Praxis entweder Erwerbsminderungsrente mit dauerhaften Abzügen oder den Versuch, trotz gesundheitlicher Einschränkungen weiterzuarbeiten.

Sanitär, Pflege, Bau: Wo die Rente unerreichbar scheint

Die Unterschiede zwischen Berufsgruppen sind erheblich. Im Klempnerhandwerk, im Heizungshandwerk und in Sanitärberufen glauben 72 Prozent der Beschäftigten nicht, den Berufsalltag bis zur Rente durchhalten zu können. In der Krankenpflege sind es 71 Prozent, in der Altenpflege 67 Prozent, im Hochbau 66 Prozent und unter Erzieherinnen und Erziehern 57 Prozent. Damit liegt selbst in der am wenigsten betroffenen dieser Gruppen mehr als die Hälfte unterhalb der Zumutbarkeitsschwelle, die der Gesetzgeber mit der Rente mit 67 voraussetzt.

Als Hauptursachen nennen die Beschäftigten Zeitdruck, Lärm, körperliche Belastung, lange Arbeitszeiten und eingeschränkte Entscheidungsfreiheit. In vielen der betroffenen Berufsgruppen treffen mehrere dieser Faktoren gleichzeitig zu: Wer in der Pflege Nachtschichten übernimmt, ist körperlichem Verschleiß, permanentem Zeitdruck durch Personalmangel und psychischer Belastung durch den Umgang mit schwer kranken Menschen ausgesetzt. Wer auf dem Bau arbeitet, trägt körperliche Schäden oft ab Mitte 50.

Die Zahlen stellen eine Grundannahme der deutschen Rentenpolitik infrage: dass alle Beschäftigten in der Lage sind, tatsächlich bis 67 zu arbeiten.

Der politische Widerspruch

Die Alterssicherungskommission, die Bundesregierung berät, hat Ende Juni 2026 empfohlen, das Regelrentenalter ab dem Geburtsjahrgang 1965 schrittweise von 67 auf bis zu 67,5 Jahre anzuheben. Gleichzeitig solle die Rente für besonders langjährig Versicherte nach 45 Beitragsjahren abgeschafft werden. Die Kommission argumentiert mit der demografischen Entwicklung und der Finanzierbarkeit der Rentenversicherung.

Die CDU/CSU und SPD-Koalition hatte im Koalitionsvertrag eine weitere Anhebung des Rentenalters ausdrücklich ausgeschlossen. Die Empfehlungen der Kommission werden im Herbst im Bundestag beraten. Ob die Koalitionsmehrheit an ihrer Position festhält, ist offen.

In dieselbe Richtung wirkt das Reformpaket, das die Koalition am 1. Juli 2026 verabschiedet hat. Es schafft die Telefonkrankmeldung ab dem ersten Krankheitstag ab. Beschäftigte müssen nun wieder in Person zum Arzt, selbst wenn sie kaum auf den Beinen stehen können. Gleichzeitig wurden befristete Arbeitsverhältnisse von 24 auf bis zu 48 Monate verlängert. Für Gewerkschaften sind das zwei Signale: Die Politik sieht Beschäftigte primär als Arbeitskräftereserve, nicht als Menschen mit begrenzter physischer Belastbarkeit.

Was Fahimi fordert und was Abzüge kosten

DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi fordert statt höherer Altersgrenzen „würdige Übergänge in die Rente und gesündere Arbeitsbedingungen“. Sie kritisierte, niemand könne wollen, „dass sich ganze Generationen krank in die Rente schleppen und dann Abzüge einfach hinnehmen müssen“.

Die Abzüge, die Fahimi anspricht, sind substanziell: Wer vier Jahre vor dem gesetzlichen Rentenalter in den Ruhestand tritt, verliert 0,3 Prozent Rente pro Monat, das ergibt dauerhaft 14,4 Prozent weniger auf alle zukünftigen Zahlungen. Bei einer Monatsrente von 1.200 Euro bedeutet das ein lebenslanges Minus von rund 173 Euro im Monat. Für Niedriglohnbeschäftigte in der Pflege oder im Bau ist das häufig existenziell.

Die Arbeitgeberseite sieht die Lage anders. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) verweist auf die demografische Entwicklung: Ohne Anpassung des Renteneintrittsalters steige der Beitragssatz der Rentenversicherung deutlich an, was Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit belaste. Eine Lösung, die sowohl auf Arbeitsbedingungen als auch auf Tragfähigkeit der Rentenversicherung eingeht, haben bisher weder Koalition noch Arbeitgeber vorgelegt.

Vor der Rentenentscheidung im Herbst

Die Bundesregierung muss sich bis Herbst 2026 zur Rentenkommission positionieren, wenn erste Eckpunkte eines Rentenreformgesetzes vorgelegt werden sollen. Die DGB-Daten schaffen dabei eine politisch schwer ignorierbare Grundlage: Wer das Rentenalter auf 67,5 Jahre anheben will, muss erklären, wie 71 Prozent der Pflegekräfte und 72 Prozent der Handwerksbeschäftigten dieses Alter im aktiven Beruf erreichen sollen. Fahimi hat angekündigt, dass der DGB die Kommissionsempfehlung im parlamentarischen Verfahren aktiv bekämpfen wird.

Quellen (10)

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