
Digoxin: 25 Prozent weniger Klinik für 10 Cent
Quellen (10)
- Nature Medicine: DECISION Trialnature.com
- ScienceDaily: Digoxin Meta-Analysesciencedaily.com
- ESC Pressemitteilung: Digitalis reduces heart failure eventsescardio.org
- Medical Xpress: Centuries-old medicine benefits heart failuremedicalxpress.com
- Medical Dialogues: 10-cent heart drug cuts hospitalizationsmedicaldialogues.in
- TCTMD: Old Drugs, New Trickstctmd.com
- GeneOnline: Low-Dose Digoxin UMCG Studiesgeneonline.com
- Deutsche Herzstiftung: Herzbericht 2024 Herzschwächeherzstiftung.de
- ACC: COLCOT Trialacc.org
- Ask Dr. Nandi: 10-Cent Heart Drugaskdrnandi.com
Im Mai 2026 legten Kardiologen der Universität Groningen auf dem ESC-Herzinsuffizienzkongress in Barcelona eine Metaanalyse vor: Drei randomisierte Studien mit 9.013 Patienten zeigen, dass Digoxin, ein Wirkstoff, den die Kardiologie seit Jahrzehnten randständig behandelt, Krankenhausaufnahmen wegen Herzversagens um 25 Prozent senkt. Neue Herzmedikamente sind selten und teuer. Digoxin kostet unter zehn Cent pro Tablette.
Herzinsuffizienz: Häufigste Einweisungsdiagnose in Deutschland
Herzinsuffizienz, umgangssprachlich Herzschwäche, bezeichnet den Zustand, in dem das Herz nicht mehr genug Blut durch den Körper pumpen kann. In Deutschland leiden nach Angaben der Deutschen Herzstiftung bis zu vier Millionen Menschen an der Erkrankung. Im Jahr 2023 war Herzinsuffizienz laut Herzstiftung der Anlass für 468.579 stationäre Behandlungen, die häufigste krankheitsbezogene Einweisungsdiagnose in Deutschland.

Die Krankenhausaufnahmen sind dabei nicht nur medizinisch belastend, sondern wirtschaftlich massiv. Jede stationäre Behandlung beeinträchtigt die Lebensqualität der Patienten erheblich und bindet Pflegekapazitäten. Wirksame Therapien, die Einweisungen verhindern, gehören daher zu den wichtigsten Ansatzpunkten der modernen Herzmedizin.
Drei Studien, 9.013 Patienten, ein klarer Befund
Im Mittelpunkt steht die DECISION-Studie, geleitet von den Kardiologen Dirk Jan van Veldhuisen, Kevin Damman und Peter van der Meer am Universitätsklinikum Groningen (UMCG) in den Niederlanden. In dieser doppelblinden, plazebokontrollierten Studie wurden 1.001 Patienten mit symptomatischer chronischer Herzinsuffizienz auf niedrig dosiertes Digoxin oder Plazebo randomisiert, mit einem angestrebten Serumdigoxinspiegel von 0,5 bis 0,9 ng/ml. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer betrug 72 Jahre, 28 Prozent waren Frauen, 29 Prozent hatten Vorhofflimmern. Die Studie wurde in 43 Zentren in den Niederlanden durchgeführt und am 10. Mai 2026 in Nature Medicine veröffentlicht.
In der DECISION-Studie allein zeigte die Digoxingruppe 19 Prozent weniger Ereignisse des zusammengesetzten Endpunkts (kardiovaskulärer Tod oder Verschlechterung der Herzinsuffizienz) als die Plazebogruppe. Dieser Unterschied war für sich genommen statistisch nicht signifikant. Entscheidend wurde die zeitgleich präsentierte Metaanalyse: Sie kombinierte Daten aus DECISION mit zwei früheren randomisierten Studien, DIGIT-HF und der DIG-Studie und umfasste insgesamt 9.013 Patienten.
Das Ergebnis war statistisch eindeutig: Digitalisglykoside reduzierten das Risiko des zusammengesetzten Endpunkts gegenüber Plazebo um 15 Prozent (Hazard Ratio 0,85; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,80 bis 0,90; p kleiner als 0,001). Den Befund treibt vor allem eine 25-prozentige Senkung der Krankenhausaufnahmen wegen Herzversagens an. Auf die Sterblichkeit hatten die Digitalisglykoside keinen Einfluss. Die Ergebnisse wurden im Mai 2026 auf dem ESC-Herzinsuffizienzkongress in Barcelona präsentiert.
Das Preis-Wirkungs-Verhältnis ist dabei auffällig. Digoxin kostet in der Standarddosierung unter zehn Cent pro Tablette. Wenn niedrig dosiertes Digoxin als Ergänzung zur bestehenden Standardtherapie bei einem erheblichen Anteil der Patienten wirkt, wäre ein messbarer therapeutischer Nutzen mit minimalen Zusatzkosten erreichbar.
Im Vergleich: Wenn alte Wirkstoffe neuen Beleg bekommen
Das Digoxin-Comeback steht nicht allein. In der Kardiologie hat sich in den vergangenen Jahren ein Muster gezeigt: Medikamente, die seit Jahrhunderten oder Jahrzehnten bekannt sind, werden in großen kontrollierten Studien neu bewertet und erweisen sich als wirksamer als erwartet.

Colchicin ist das bekannteste Beispiel. Der Wirkstoff wird seit der Antike aus der Herbstzeitlose gewonnen und war primär als Gichtmittel bekannt. Der COLCOT-Trial 2019, der 4.745 Patienten nach Herzinfarkt einschloss, zeigte: Täglich 0,5 mg Colchicin senkt das Risiko schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse um 23 Prozent. Die US-amerikanische FDA ließ den Wirkstoff 2023 für die kardiovaskuläre Prävention zu.
Ein zweites Beispiel liefern Betablocker. Lange galten sie wegen ihrer negativ-inotropen Wirkung als bei Herzinsuffizienz kontraindiziert. Die Studien MERIT-HF und CIBIS-II (1999) sowie COPERNICUS (2001) zeigten, dass Betablocker bei korrekter Dosierung die Sterblichkeit bei Herzinsuffizienz messbar senken. Heute sind sie fester Bestandteil jeder Leitlinientherapie. Das Prinzip ist dasselbe: Ein bekannter Wirkstoff zeigt in kontrollierten Langzeitstudien Effekte, die klinische Beobachtung allein nicht belegen konnte.
Bevor Digoxin in die Leitlinien kommt
Damit Digoxin offiziell in europäische und internationale Herzinsuffizienzleitlinien aufgenommen wird, müssen aus Sicht der Forschenden drei Bedingungen erfüllt sein.
Erstens braucht es eine präzisere Patientenselektion. Die Metaanalyse zeigt eine klare Wirkung im Mittel der 9.013 Patienten, aber nicht jeder Herzinsuffizienzpatient profitiert gleichermaßen. Serumdigoxinspiegel, Nierenfunktion und Begleitmedikation beeinflussen das Ansprechen stark. Ältere Studien hatten Probleme mit zu hohen Digoxinspiegeln, die Herzrhythmusstörungen auslösten. Niedrig dosiert und sorgfältig überwacht ist das Risikoprofil heute besser kontrollierbar, wie die DECISION-Studie belegt.
Zweitens erwartet die kardiologische Gemeinschaft eine Leitlinienüberprüfung durch die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC). Die aktuellen europäischen Herzinsuffizienzleitlinien stufen Digoxin als Klasse-IIb-Empfehlung ein, was bedeutet: Experten können die Therapie erwägen. Eine Aufwertung auf Klasse IIa, bei der die Therapie erwogen werden sollte, wäre der nächste formale Schritt, den die ESC im Rahmen ihrer nächsten Leitlinienrevision prüfen könnte.
Drittens steht die Frage der Verschreibungspraxis. In Deutschland ist Digoxin seit Jahrzehnten zugelassen. Eine explizite Leitlinienempfehlung würde die Verschreibungsbarrieren für Kardiologen senken und den Zugang für Patienten erleichtern, für die das Kostenargument besonders relevant ist. Für Gesundheitssysteme in Ländern mit begrenzten Ressourcen, in denen neuere Herzinsuffizienztherapien oft nicht erreichbar sind, könnte Digoxin eine tragfähige Ergänzung werden.
Ein Wirkstoff, den William Withering 1785 erstmals systematisch beschrieb, erweist sich 241 Jahre später als aussichtsreicher Kandidat für eine weitere Runde in der Herzmedizin.
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