
Dollar Stores machen krank: Was steckt dahinter?
Quellen (10)
- BMC Public Health: Beyond proximity (Bruellman et al.)link.springer.com
- UCR News: Hidden health cost of dollar store groceriesnews.ucr.edu
- News-Medical: Dollar store food quality and health outcomesnews-medical.net
- PubMed: Beyond proximitypubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- Newsweek: Dollar store groceries hidden health risknewsweek.com
- Study Finds: Dollar Store Groceries Linked To Worse Healthstudyfinds.com
- DFG-Projekt: Versorgungslücken oder Food Deserts in Deutschlandgepris.dfg.de
- ResearchGate: Supermarket and discounter accessibility in rural Germany (Neumeier/Kokorsch)researchgate.net
- Market Business News: Dollar-store access linked to poorer community healthmarketbusinessnews.com
- Springer: Food Deserts in ländlich geprägten Regionen Schleswig-Holsteinlink.springer.com
34.021 Dollar Stores wurden in der gesamten kontinentalen USA kartiert und sie stehen besonders häufig in einkommensschwachen Stadtteilen. Wer im Einzugsgebiet dieser Geschäfte lebt, erkrankt häufiger an Fettleibigkeit, Diabetes und Bluthochdruck, zeigt eine neue Studie der University of California Riverside, erschienen im Juni 2026 in BMC Public Health. Entscheidend ist nicht der niedrige Preis, sondern das, was in diesen Läden fast nie im Regal steht: frisches Gemüse und Obst.
Was die Forscher gemessen haben
Das Team um Erstautor Ryan Bruellman kartierte für die Studie mehr als 64.000 Lebensmittelgeschäfte in der gesamten kontinentalen USA: 30.920 herkömmliche Supermärkte und 34.021 Dollar-Store-Filialen, der Ketten Dollar General, Dollar Tree, Family Dollar und 99 Cent Store. Mithilfe von Fahrzeitdaten berechneten sie, wie viele Läden beider Kategorien innerhalb von zehn Fahrminuten von 19.607 Bevölkerungsbezirken erreichbar waren, repräsentativ für mehr als 76 Millionen Menschen in über 50 Großmetropolen.
Das Ergebnis: Wer in einem Bezirk mit besonders vielen Dollar Stores lebt, zeigt höhere Raten von Fettleibigkeit, Bluthochdruck, erhöhtem Cholesterin und Typ-2-Diabetes. Dieser Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn die Forscher das lokale Einkommensniveau und die Arbeitslosenquote berücksichtigten. Nähe zu herkömmlichen Supermärkten war umgekehrt mit messbar besseren Gesundheitswerten verbunden.
Nicht der Preis, die Qualität ist das Problem
Der intuitive Einwand liegt nah: Dollar Stores stehen in armen Stadtteilen und Armut macht krank. Aber genau diesen Einwand räumt die Studie aus. Die Korrelation zwischen Dollar-Store-Dichte und schlechten Gesundheitswerten blieb stabil, nachdem Einkommensdaten und Beschäftigungsquoten herausgerechnet wurden.
Als Erklärung bietet sich das Sortiment an, belegt ist der Zusammenhang aber nicht als Ursache: Dollar Stores führen fast ausschließlich haltbare, hochverarbeitete Produkte. Frisches Gemüse, Obst oder Milchprodukte fehlen in den meisten Filialen weitgehend. Für Menschen, die im Radius von zehn Fahrminuten keinen herkömmlichen Supermarkt erreichen, sind diese Geschäfte oft die einzige Option überhaupt.
Bruellman und seine Co-Autorinnen Ilana Bennett von der University of California Riverside sowie Jessica Finlay und Chandra Reynolds von der University of Colorado Boulder empfehlen: Dollar Stores sollen Partnerschaften mit lokalen Landwirten eingehen, um ihr Frischwarensortiment zu erweitern. Außerdem schlagen sie vor, Wochenmärkte und Lebensmittelbanken näher an Dollar-Store-Standorte zu verlagern, da sie heute oft weiter entfernt von Dollar-Store-Standorten liegen.
Deutschland: Andere Läden, ähnliche Fragen
Deutsche Discounter wie Aldi, Lidl oder Penny sind keine Dollar Stores. Sie führen frisches Gemüse, Molkereiprodukte und Fleisch, rotieren ihr Sortiment regelmäßig und sind keine Anbieter von ausschließlich haltbarer Industrieware. Die in der US-Studie beschriebene Sortimentsarmut ist kein Merkmal des deutschen Discountmodells. Die Studie lässt sich deshalb nicht direkt auf Aldi und Lidl übertragen.
Das deutsche Pendant zum amerikanischen Problem sieht anders aus: Es ist kein Qualitätsproblem, sondern ein Zugangsproblem. Rund ein Viertel der Bevölkerung in ländlichen Regionen Deutschlands lebt weiter als einen Kilometer vom nächsten Lebensmittelgeschäft entfernt, zeigen Berechnungen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung sowie Arbeiten der DFG-Forschungsgruppe Versorgungslücken oder Food Deserts in Deutschland. Die Zahl der kleinen Läden unter 400 Quadratmetern Verkaufsfläche ist seit den 1960er-Jahren stark zurückgegangen. Discounter kamen zwar in viele Gemeinden, ziehen sich aus dünn besiedelten Regionen inzwischen aber wieder zurück.
Ulrich Jürgens, Geograf an der Universität Kiel und einer der führenden deutschen Forscher auf diesem Gebiet, beschreibt einen selbstverstärkenden Effekt: Wenn erst ein Laden schließt, verändern Bewohner ihr Einkaufsverhalten, kaufen anderswo und die verbliebenen Geschäfte verlieren Umsatz. Jürgens spricht von mentalen Food Deserts: Teile der Bevölkerung kaufen gewohnheitsmäßig anderswo ein, ohne zu bemerken, dass sie damit den verbliebenen Einzelhandel vor Ort schwächen.
Lebensmittelzugang als politische Aufgabe
Dollar General hat seine Filialzahl in den USA in den letzten zehn Jahren massiv ausgebaut und ist dabei gezielt in Stadtteile und Kleinstädte gezogen, in denen sich herkömmliche Supermärkte zuvor zurückgezogen hatten; Studien zeigen zugleich, dass ihre Präsenz die Eröffnung neuer Supermärkte unwahrscheinlicher macht. Für die verbliebene Bevölkerung wirken diese Läden wie ein Angebot, sind aber im Wesentlichen kein Ersatz für eine vollwertige Lebensmittelversorgung mit Frischware. Die Studie zeigt, dass dieses Muster Folgen hat, die sich in Krankheitsdaten messen lassen.
In strukturschwachen deutschen Gemeinden werden seit 2020 autonome Märkte erprobt. Forschungen zeigen, dass diese autonomen Märkte bisher eher Ergänzungseinkäufe ermöglichen, als vollständige Wocheneinkäufe zu ersetzen. Für die Versorgung mit frischen Lebensmitteln sind sie derzeit kein gleichwertiger Ersatz. Bundeslandwirtschaftsminister haben mobile Verkaufslösungen und staatliche Zuschüsse für Dorfläden diskutiert; umgesetzt sind bisher vor allem Pilotprojekte in einzelnen Bundesländern.
Die US-Studie belegt, was Forscher für öffentliche Gesundheit seit Jahren argumentieren: Das Lebensumfeld entscheidet mit, was auf den Teller kommt. Einkommensschwächere Haushalte haben nicht nur weniger Geld für Lebensmittel, sondern oft auch weniger Möglichkeiten, einen guten Laden zu erreichen. Die Bruellman-Studie macht diesen Zusammenhang in einer der ersten großen Bevölkerungsstudien messbar. Fehlende Frischware in einem Laden ist keine Marginalie: Sie hinterlässt nachweisbare Spuren in der Gesundheit der Menschen, die dort einkaufen. Belegt ist das für amerikanische Dollar Stores; ob es sich auf ein deutsches Dorf ohne Supermarkt übertragen lässt, ist offen.
Aktualisierungen
Korrektur 17. September, 19:40 Uhr: Fünf Angaben berichtigt. Die zitierte GIS-Analyse zur Supermarktversorgung stammt nicht von dem genannten Forscher und den beschriebenen Verhaltenseffekt behandelt er in einer anderen Arbeit; die Zuschreibung entfällt. Die Empfehlung zu Lebensmittelbanken begründet sich mit der Entfernung zu den Dollar-Store-Standorten, nicht mit wohlhabenderen Stadtteilen. Dass das Sortiment die Ursache der gemessenen Gesundheitsunterschiede ist, gibt die Studie nicht her - sie weist einen Zusammenhang nach, keine Ursache. Beim Marktverhalten fehlte, dass Dollar Stores die Eröffnung neuer Supermärkte nachweislich auch verhindern. Und die Übertragung des Befunds auf deutsche Dörfer ist durch keine Quelle gedeckt.
Kommentare