ESG-Greenwashing: Wie Rentner die Zeche zahlen
Investigativ

ESG-Greenwashing: Wie Rentner die Zeche zahlen

Hinter dem ESG-Label verbirgt sich ein System aus irreführenden Bewertungen und systematischer Täuschung. Deutsche Rentner zahlen die Zeche für Greenwashing, das Asset Manager wie BlackRock und die Deutsche Bank-Tochter DWS jahrelang betrieben haben.

26. Juni 2026, 6:39 Uhr 1550 Wörter · 8 Min. Lesezeit

Wer in Deutschland eine nachhaltige Altersvorsorge wählt, geht davon aus, dass sein Geld nicht in Ölbohrungen oder Kohlekraftwerken landet. Diese Annahme ist falsch. Das System nutzt vor allem jenen, die es betreiben: den weltweit größten Vermögensverwaltern. Die Deutsche Bank-Tochter DWS zahlte dafür insgesamt rund 44 Millionen Euro an Strafen. BlackRock investierte allein im ersten Quartal 2025 drei Milliarden Dollar in Fossilkonzerne, über Fonds, die als nachhaltig vermarktet wurden. Das eigentliche Problem liegt tiefer als einzelne Unternehmen.

Wie ein Billionenmarkt auf wackeligen Daten steht

ESG steht für Environmental, Social und Governance, auf Deutsch Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Seit Mitte der 2010er Jahre vermarkten die weltgrößten Vermögensverwalter Fonds unter diesem Label. Die Idee: Kapital soll in Unternehmen fließen, die ökologische und soziale Mindeststandards erfüllen und solche meiden, die das nicht tun.

Das Trio BlackRock, Vanguard und State Street, das gemeinsam mehr als 20 Billionen Dollar verwaltet, wurde zum Vorreiter dieser Bewegung. Für deutsche Anleger ist das unmittelbar relevant: Ihre Pensionskassen, Versorgungswerke und Direktversicherungen legen Beiträge häufig über ESG-Fonds dieser und ähnlicher Anbieter an. Was die meisten Anleger nicht wissen: Die Bewertungen, auf denen diese Fonds basieren, sind fundamental unzuverlässig und von strukturellen Interessenskonflikten durchzogen.

Das Kapital von Rentnern und Beitragszahlern fließt in ein System, dessen Grundlage, die ESG-Ratings, weder verlässlich noch konsistent sind. Das hat Folgen für die Altersvorsorge von Millionen Menschen, ohne dass diese davon erfahren.

85 Prozent der Scores änderten sich unbemerkt in sechs Wochen

Das Fundament des gesamten Systems sind ESG-Ratings, die Agenturen wie MSCI, Sustainalytics und Refinitiv an Unternehmen vergeben. Wer Geld in einen ESG-Fonds investiert, verlässt sich darauf, dass diese Bewertungen verlässlich und konsistent sind. Eine Studie der MIT Sloan School of Management hat gezeigt, dass sie das nicht sind.

Die Forscher Florian Berg, Kornelia Fabisik und Zacharias Sautner verglichen ESG-Scores zweier Zeitpunkte, die lediglich sechs Wochen auseinanderlagen: dem 9. Februar und dem 23. März 2021. Ihr Befund: 85 Prozent aller Unternehmensscores hatten sich in diesem Zeitraum verändert, ohne dass Investoren darüber informiert worden wären. Die Änderungen entstanden nicht durch neue Unternehmensberichte oder veränderte Geschäftsmodelle. Sie kamen durch nachträgliche Umprogrammierungen der Bewertungsalgorithmen zustande, rückwirkend und ohne Transparenz gegenüber den Nutzern dieser Daten.

Eine weitere Schwachstelle: ESG-Bewertungen verschiedener Agenturen korrelieren laut Harvard Law Review mit einem Wert von lediglich 0,54 miteinander. Die Kreditratings von Moody's und Standard & Poor's erreichen zum Vergleich 0,92. Ein ESG-Score ist damit erheblich unzuverlässiger als jede herkömmliche Kreditbewertung. Zwei Anleger, die sich auf verschiedene ESG-Agenturen stützen, können für dasselbe Unternehmen zu völlig unterschiedlichen Schlüssen kommen.

Ein zentraler Grund für diese Unzuverlässigkeit liegt in der Einnahmestruktur der Agenturen. Beim größten ESG-Datenanbieter MSCI kommt nach Recherchen des Fachmediums Investment Week mehr als die Hälfte des Umsatzes aus dem Indexierungsgeschäft: dem Verkauf von Indizes, in denen Vermögensverwalter wie BlackRock und Vanguard ihre Fonds abbilden. Unternehmen, die als MSCI-Indexkunden agieren, erhalten nach diesen Recherchen systematisch höhere ESG-Bewertungen. Das ist kein Ausreißer, sondern Ausdruck eines strukturellen Interessenskonfliktproblems: Wer Ratings und Indexgeschäft unter einem Dach betreibt, hat einen Anreiz, die einen so zu gestalten, dass sie den anderen nützen.

Grüne Labels, fossile Milliarden

Der gravierendste Befund zeigt sich, wenn man nicht die Ratings, sondern die tatsächlichen Portfolios betrachtet.

BlackRock vermarktet weltweit tausende Fonds unter Nachhaltigkeitslabel. Allein im ersten Quartal 2025 investierte der Konzern drei Milliarden Dollar in Fossilkonzerne, über Fonds, die offiziell als nachhaltig deklariert sind. Das dokumentierte das auf fossile Energiefinanzierung spezialisierte Rechercheportal DeSmog. Die Umweltrechtsorganisation ClientEarth identifizierte darüber hinaus Beteiligungen von mehr als einer Milliarde Dollar an Öl- und Gasunternehmen mit neuen Förderprojekten innerhalb von BlackRock-ESG-Fonds und reichte 2024 eine förmliche Greenwashing-Beschwerde ein.

Gleichzeitig reduzierte BlackRock sein aktives Eintreten für Klimaschutzmaßnahmen drastisch. 2021 unterstützte der Konzern bei Aktionärsversammlungen noch mehr als 40 Prozent aller ESG-bezogenen Anträge. Im Verlauf der Abstimmungssaison 2025 sank diese Quote auf unter zwei Prozent, wie ESG Dive auf Basis der offiziellen Abstimmungsberichte des Konzerns dokumentierte.

BlackRock, Vanguard und State Street halten als Minderheitseigentümer gemeinsam bedeutende Anteile an tausenden börsennotierten Unternehmen weltweit. Ihr koordiniertes Abstimmungsverhalten kann Unternehmensstrategie beeinflussen. Ob sie diesen Einfluss im Sinne ihrer ESG-Versprechen nutzen, überprüft keine unabhängige Behörde systematisch. Zwischen den Versprechen der Fondsbroschüren und den tatsächlichen Stimmabgaben klafft eine Lücke, die für die meisten Anleger unsichtbar bleibt.

Der DWS-Skandal: Warum Strafen das System nicht verändern

Der bekannteste Fall auf deutschem Boden ist die Deutsche-Bank-Tochter DWS. Das Unternehmen verwaltete nach eigenen Angaben bis zu 20 Milliarden Euro an Anlagevermögen unter ESG-Bezeichnungen. Ermittlungen zeigten, dass ESG in vielen dieser Fonds faktisch nicht umgesetzt war, obwohl DWS nach außen damit warb, Nachhaltigkeit sei Teil seiner Unternehmens-DNA.

Die frühere DWS-Nachhaltigkeitschefin Desiree Fixler wurde zur Schlüsselzeugin. Sie hatte intern auf die Diskrepanz zwischen Marketing und Realität hingewiesen und war daraufhin entlassen worden. Ihre Aussagen führten zu parallelen Ermittlungen in den USA und Deutschland. 2023 verhängte die US-Börsenaufsicht SEC eine Strafe von 19 Millionen Dollar gegen DWS. Im April 2025 folgte die Frankfurter Staatsanwaltschaft mit einem Bußgeld von 25 Millionen Euro, einer der höchsten Greenwashing-Strafen in der Geschichte der Bundesrepublik. DWS zahlte beide Beträge, ohne einen Fehler einzugestehen. Die betroffenen Fonds existieren weiter.

Das Muster zeigt ein Grundproblem: Strafen im zwei- bis dreistelligen Millionenbereich wirken für Vermögensverwalter, die Hunderte Milliarden verwalten, nicht als Verhaltenskorrektur. Sie sind eine Betriebsausgabe, einkalkuliert in die Rentabilität eines Systems, das auf Versprechen mehr Wert legt als auf Verifikation.

Deutsche Pensionskassen sind in diesem System strukturell benachteiligt. Die Allianz Pensionskasse, eine der bekanntesten deutschen Einrichtungen dieser Art, stellte nach 2020 schrittweise ihr Neugeschäft ein. Das Unternehmen nannte das Niedrigzinsumfeld als Hauptgrund. Klar ist unabhängig davon: Das Renditebild, das ESG-Fonds über Jahre begleitete, hat sich nicht bestätigt. Der Fachinformationsdienst Morningstar dokumentierte, dass nachhaltige Fonds in den Jahren 2023 bis 2025 die Rendite konventioneller Vergleichsfonds mehrheitlich nicht erreichten. Die schwächere Rendite kam bei im Schnitt höheren Verwaltungsgebühren zustande.

EU-Verordnung 2024/3005: In Kraft seit 2025, anwendbar ab Juli 2026

Seit Januar 2025 ist die europäische Verordnung 2024/3005 über ESG-Ratingagenturen in Kraft. Sie verpflichtet Agenturen zu mehr Transparenz bei Methodik und Interessenskonflikten und verlangt eine organisatorische Trennung von ESG-Rating und anderen Dienstleistungen wie Indexgeschäft und Beratung. Das adressiert direkt das MSCI-Interessenskonfliktproblem.

Die Verordnung kommt, nachdem der Schaden über Jahre angerichtet wurde. Und sie betrifft die Agenturen, nicht die Vermögensverwalter selbst. Die EU-Offenlegungsverordnung SFDR, die Fonds in Nachhaltigkeitskategorien einteilt, hat in der Praxis nicht verhindert, dass Fonds mit dem höchsten Label "Artikel 9" Öl- und Gasbeteiligungen enthielten. Diese Lücke schließt die neue Regulierung nicht.

Zum Vergleich: In Dänemark und Schweden schreiben Transparenzregeln vor, dass ein ESG-Fondsname eine nachweisbare Mindestquote nachhaltig bewerteter Unternehmen voraussetzt. In Deutschland gibt es eine vergleichbare Vorschrift bislang nicht.

In den USA verläuft die Entwicklung gegenläufig, mit ähnlich ernüchternden Konsequenzen für Anleger. Im Februar 2026 einigte sich Vanguard mit 13 republikanischen Bundesstaaten auf einen Vergleich über 29,5 Millionen Dollar. Die Staaten hatten Vanguard, BlackRock und State Street vorgeworfen, durch koordinierte ESG-Vorgaben die Kohle-Industrie geschwächt und damit Kartellrecht verletzt zu haben. Der Vorwurf hatte weniger mit Verbraucherschutz als mit Energiepolitik zu tun. Der Vergleich zeigt aber: Das bisherige ESG-Modell steht von mehreren Seiten unter Druck, ohne dass dieser Druck zu mehr Transparenz führt.

Die Reaktion der großen Vermögensverwalter: Statt mehr Transparenz gibt es weniger Versprechen. BlackRock verließ im Januar 2025 die Net Zero Asset Managers Initiative, ein internationales Klimaschutzbündnis für Vermögensverwalter. Vanguard war bereits 2022 ausgetreten. Der Begriff ESG wird an vielen Stellen durch unverbindlichere Bezeichnungen ersetzt, ohne dass sich an den tatsächlichen Portfolios etwas ändert. Für Anleger, die ihre Altersvorsorge in ESG-Fonds halten, ist das keine Verbesserung, sondern eine Verschleierung.

Die Europäische Wertpapieraufsicht ESMA übernimmt die Aufsicht über ESG-Ratingagenturen im Zuge der neuen Verordnung. Erste bindende Aufsichtsentscheidungen werden frühestens 2027 erwartet. Bis dahin gelten Übergangsregeln, die den Status quo weitgehend fortschreiben. Wer seine Altersvorsorge jetzt in ESG-Fonds hält, trägt das Risiko eines Systems, dessen Grundproblem bekannt ist und politisch noch nicht gelöst wurde.

Quellen (17)

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