Wildkatze kehrt nach 1000 Jahren nach Schleswig-Holstein zurück
Die Elbe galt als natürliche Barriere. Nördlich davon fehlte die Europäische Wildkatze in Deutschland seit dem Mittelalter, zumindest jede genetisch belastbare Spur. Das hat sich im Januar 2026 geändert, durch einen Knotengitterzaun im Kreis Herzogtum Lauenburg und einen Jäger, der die Haare eines befreiten Tieres einsammelte, ohne zu wissen, was er in den Händen hielt. Das Senckenberg Zentrum für Wildtiergenetik in Gelnhausen, das seit 2008 über 15.000 Wildkatzenproben ausgewertet hat, lieferte das eindeutige Ergebnis: Europäische Wildkatze, hundert Prozent. Die Art, die Jahrhunderte aus dem Norden verschwunden war, ist zurück.
Seit Jahrhunderten verschwunden
Die Europäische Wildkatze gehört zur einheimischen deutschen Fauna wie Biber und Luchs. In Schleswig-Holstein war sie Jahrhunderte lang nicht mehr präsent. Massive Waldrodungen im Mittelalter und direkte Bejagung hatten die Art dort ausgerottet. Die Wildkatze galt als Geflügelräuber und wurde systematisch verfolgt, bis das Reichsjagdgesetz 1934 einen gesetzlichen Schutz einführte.

Schon im März 2025 hatte das Schleswig-Holsteinische Landesamt für Umwelt eine Wildkamera-Aufnahme gemacht: ein Tier mit typischem Wildkatzenmuster und buschigem Schwanz im selben Landkreis. Ohne den Zaunfund wäre das ein Hinweis ohne Beweis geblieben. Der Jäger Haberkamm hatte die Haare nach dem Befreien des Tieres nahezu beiläufig eingesammelt. Dass dieses Tier genau dort auftauchte, ist kein Zufall.
Die Elbe galt bislang als natürliche Barriere. Der nördlichste Ausläufer des bekannten deutschen Verbreitungsgebiets lag in der Lüneburger Heide, nahe der Lopau bei Munster und im Raum Bispingen. Der Fund in Herzogtum Lauenburg belegt: Die Wildkatze hat den Strom überwunden.
Wie die Rückkehr gelang
Der Fund ist das Ergebnis von über zwei Jahrzehnten gezielter Naturschutzarbeit. Der BUND führt seit Oktober 2022 das Projekt "Wildkatzenwälder von morgen" in zehn Bundesländern durch. Es legt Waldkorridore an, renaturiert Lebensräume und kartiert mit der Lockstock-Methode die Ausbreitung der Art. Die aktuelle durch das Bundesprogramm Biologische Vielfalt geförderte Projektphase läuft bis Oktober 2028.
In Bayern hatte die Rückkehr aktive Hilfe gebraucht. Der BUND Naturschutz begann 1984 unter Leitung von Hubert Weinzierl damit, Wildkatzen aus Gehegen in die Freiheit zu entlassen. Bis 2009 wurden über 600 Tiere ausgewildert, davon mehr als 400 allein im Spessart. Erst danach reproduzierte sich die Population selbstständig. Für den Norden brauchte es keine Auswilderung: Die Wildkatze wanderte von selbst.
Bundesweit schätzen Experten den Bestand heute auf 6.000 bis 8.000 Tiere, überwiegend in Süd- und Mitteldeutschland. Um 2000 lagen die Schätzungen noch bei 1.700 bis 5.000 Tieren. Die Expansion nach Norden zeigt, dass die Population inzwischen groß genug ist, um neue Lebensräume selbst zu besiedeln.

Im Vergleich: Comeback-Geschichten aus Deutschland und Europa
Die Wildkatze steht nicht allein. Mehrere heimische Arten, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert als ausgerottet oder stark bedroht galten, sind zurückgekehrt. Der Wolf kehrte im Jahr 2000 mit einem ersten Rudel in der Lausitz zurück, ohne jede Wiederansiedlung. Heute gibt es nach Angaben der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf über 200 Rudel in Deutschland. Der Biber, 1867 in Deutschland nahezu ausgerottet, zählt heute wieder über 40.000 Tiere nach BUND-Schätzungen.
Auf europäischer Ebene gilt die Europäische Wildkatze nach IUCN als "Least Concern", was jedoch den starken regionalen Kontrast verdeckt. Die westlich-mitteleuropäische Metapopulation umfasst schätzungsweise 25.600 Individuen, davon 6.000 bis 8.000 in Deutschland. Rumänien beherbergt allein 8.000 bis 9.000 Tiere.
Wie nah am Scheitern der Weg sein kann, zeigt das schottische Gegenbeispiel: Die schottische Wildkatze gilt mit schätzungsweise 40 freilebenden Tieren als funktional ausgestorben. Seit 2023 werden im Cairngorms-Nationalpark aufgezogene Tiere ausgewildert. Der Zoo Duisburg beteiligte sich 2026 mit 16 Tieren. In Deutschland war die Situation nie so kritisch; der Unterschied erklärt sich mit Waldpolitik und Jagdrecht der jeweiligen Jahrhunderte.
Von wenigen Hundert auf Achttausend: Was der Norden jetzt zeigt
Im Sommer 2026 starteten Freiwillige des BUND, der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein und des Zweckverbands Schaalsee-Landschaft das erste Lockstock-Monitoring in Schleswig-Holstein. Rund 60 Zentimeter lange Holzstöcke werden mit Baldrianextrakt besprüht, der das Pheromon des Weibchens in der Paarungszeit nachahmt. Männliche Wildkatzen können den Duft bis zu einem Kilometer weit riechen und reiben sich an den Stöcken. Die dabei hinterlassenen Haare werden genetisch analysiert, um Populationsstruktur und Hybridisierungsrate zu kartieren.
Monitoring-Standorte liegen zwischen Ratzeburg, Dechow und Kittlitz, entlang des Grünen Bandes am ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifen. In Mecklenburg-Vorpommern, wo die Wildkatze rund 200 Jahre lang fehlte, ist die Lage noch deutlicher: Im Mai 2026 wurde ein Männchen genetisch an sechs Standorten nahe Strasburg im Kreis Vorpommern-Greifswald dokumentiert, als bislang nordöstlichstes bekanntes Vorkommen im gesamten europäischen Verbreitungsgebiet.
Vom geschätzten Tiefstand weniger Hundert Tiere nach dem Zweiten Weltkrieg auf heute 6.000 bis 8.000, ohne künstliche Eingriffe im Norden. Ob die Art im Norden dauerhaft Fuß fasst, soll das Lockstock-Monitoring bis 2027 zeigen; das BUND-Projekt läuft bis Oktober 2028. Bis dahin könnte sich zeigen, ob die Wildkatze im nördlichsten Bundesland nicht nur Gast ist, sondern sich dauerhaft ansiedelt.
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