EZB lässt Zinsen konstant: Iran hält September offen
Die Europäische Zentralbank hat am 23. Juli 2026 ihre drei Leitzinssätze unverändert gelassen: Der Einlagezins bleibt bei 2,25 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,4 Prozent, der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,65 Prozent. Das klingt nach Stillstand. Es ist keiner. Im Juni hatte die EZB die Zinsen erstmals seit September 2023 erhöht, als Reaktion auf anhaltend hohe Energiepreisinflation durch den Irankrieg. Jetzt pausiert sie, weil der Ölpreis nach dem Scheitern der Waffenruhe auf über 100 Dollar geklettert ist und niemand weiß, was dieser Konflikt als Nächstes produziert.
Was der Einlagezins von 2,25 Prozent bedeutet
Die EZB setzt den Korridor, in dem sich alle Euro-Zinsen bewegen. Der Einlagezins ist der Zinssatz, den Banken erhalten, wenn sie überschüssiges Geld bei der EZB parken. Liegt dieser Satz hoch, lohnt es sich für Banken weniger, Geld zu verleihen, weil das risikolose Parken attraktiver ist. In der Praxis steigen dann Kreditzinsen für Unternehmen und Hypothekenzinsen für Haushalte. Seit Juni 2024 hatte die EZB den Einlagezins in mehreren Schritten von 4,0 auf 2,0 Prozent gesenkt, weil die Inflation nach der ersten Energiekrise abgeklungen war und die europäische Wirtschaft stagnierte.
Im Juni 2026 drehte die EZB den Kurs um: Die erste Erhöhung seit September 2023 brachte den Einlagezins auf 2,25 Prozent. Grundlage war die Erkenntnis, dass die Energiepreisinflation durch den Irankrieg keine vorübergehende Delle ist, sondern in Sekundäreffekte übergeht: Lohnverhandlungen nehmen Energiekosten mit, Transportunternehmen geben höhere Kraftstoffkosten an Kunden weiter, Industrieunternehmen wälzen Energiekosten auf Produkte ab. Die EZB-Projektionen vom Juni gehen von einer durchschnittlichen Inflationsrate von 3,0 Prozent für das Gesamtjahr 2026 aus und erwarten, dass die Rate erst Mitte 2027 wieder auf 2 Prozent sinkt.
Warum der Irankrieg die EZB nervös macht
Brent-Rohöl notierte nach der Unterzeichnung des Memorandums of Understanding am 17. Juni kurzzeitig bei rund 72 Dollar pro Barrel, dem niedrigsten Stand seit Kriegsbeginn. Sechs Wochen später, am 23. Juli, überstieg Brent erstmals seit Mai wieder die Marke von 100 Dollar pro Barrel. Der Auslöser war eine Kombination aus dem Scheitern des Waffenstillstandsabkommens, neuen US-Luftangriffen auf iranische Infrastruktur und Huthiangriffen auf saudische Öltanker im Roten Meer.
Europäisches Erdgas kostet nach Angaben der Euronews nahezu doppelt so viel wie vor Kriegsbeginn. Die Energieinflation im Euroraum lag im Juni 2026 bei 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nach 10,8 Prozent im Mai. Dieser Rückgang wäre ein beruhigendes Signal, wenn Brent nicht gerade wieder über 100 Dollar kletterte. Für die EZB ist das Kernproblem: Jede Projektion über künftige Energiepreise ist davon abhängig, wie lange der Irankrieg andauert, ob neue Eskalationen den Persischen Golf blockieren und ob die Huthis den Suezkanal-Zugang weiter stören. Das sind keine ökonomischen Variablen, das sind geopolitische Unwägbarkeiten.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte bei der Pressekonferenz: „Wir sind fest entschlossen, die Geldpolitik so auszurichten, dass sich die Inflation mittelfristig beim Zielwert von 2 Prozent stabilisiert." Forward-Guidance, also klare Hinweise auf den nächsten Schritt, lehnte sie ab: Die EZB gebe derzeit keine Vorabfestlegungen. Das ist ein indirektes Eingeständnis: Das Umfeld ist zu unsicher für belastbare Signale.
Was das für Haushalte und Unternehmen bedeutet
Für Haushalte mit variabel verzinsten Krediten oder laufenden Anschlussfinanzierungen bedeutet die Zinspause, dass die Kosten vorerst stabil bleiben. Wer hingegen hoffte, die EZB werde die Zinsen wieder senken und damit Hypotheken günstiger machen, muss warten. Die nächste Senkung ist nach aktuellem Stand unwahrscheinlich, solange Energiepreise hoch bleiben.
Für Unternehmen ist das Bild gemischter. Die Bundesbank mahnte zuletzt an, die Sekundäreffekte der Energiepreisinflation ernst zu nehmen: Wenn Energiekosten dauerhaft hoch bleiben und sich in Löhnen und Produktpreisen festsetzen, entstehe ein inflationärer Eigendynamik-Effekt, der auch ohne weitere externe Schocks anhält. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung (IMK) hingegen warnt vor dem entgegengesetzten Risiko: Zu rasche Zinserhöhungen würden eine ohnehin schwache europäische Konjunktur in die Rezession treiben. Das Argument des IMK: Die Energiepreisinflation ist ein externer Schock, kein Nachfrageüberhang. Zinserhöhungen dämpfen Nachfrage, nicht Energiepreise. Mit einem neuen Zinssatz von 2,25 Prozent hält die EZB den Kompromiss. Ob der ausreicht, entscheidet sich im September.
Im September entscheidet der Ölpreis
Die nächste reguläre EZB-Ratssitzung mit neuen wirtschaftlichen Projektionen findet im September 2026 statt. Ökonomen erwarten laut t-online und Euronews, dass der Rat dann die Zinsen ein zweites Mal anhebt, sofern die Energiepreise auf hohem Niveau bleiben und sich die Sekundäreffekte weiter ausbreiten. Eine zweite Erhöhung um 25 Basispunkte würde den Einlagezins auf 2,5 Prozent bringen.
Entscheidend ist, was im Iran-Konflikt passiert. Stabilisiert sich die Lage, könnten die Ölpreise sinken und die EZB die Pause verlängern. Eskaliert der Konflikt, wie Trump mit dem Hinweis auf einen möglichen Angriff „größer als je zuvor" andeutet, könnten Brent-Preise jenseits von 100 Dollar zum Ausgangspunkt einer neuen Inflationswelle werden. Lagarde hat für genau diesen Fall vorgesorgt: Sie hält sich alle Optionen offen, nennt aber keine Schwellenwerte. Den Finger am Hebel hält derzeit nicht die EZB, sondern der Konflikt am Persischen Golf.
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