NATO-Gipfel in Ankara: Was die USA nicht mehr leisten
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NATO-Gipfel in Ankara: Was die USA nicht mehr leisten

NATO-Generalsekretär Mark Rutte bestätigte, dass die USA künftig weniger Militärfähigkeiten unter NATO-Kommando bereitstellen. Großbritannien übernimmt den größten Teil der Lücken. Frankreich und Deutschland zögern. Am 7. Juli trifft sich das Bündnis in Ankara.

20. Juni 2026, 0:38 Uhr 878 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Wenn die NATO am 7. Juli in Ankara tagt, liegt eine unbequeme Rechnung auf dem Tisch. Deutschland hat den Etat erhöht und alle Ziele mitunterzeichnet. Aber bei der Force-Sourcing-Konferenz Mitte Juni meldete Berlin deutlich weniger konkrete Fähigkeiten unter NATO-Kommando als Großbritannien. Generalsekretär Mark Rutte bestätigte, dass die USA ihren Beitrag angepasst haben. Wer die Lücke füllt, wird Thema in Ankara sein.

Die Force-Sourcing-Konferenz und ihre Ergebnisse

Die Force-Sourcing-Konferenz, auf der NATO-Partner formell ihre Streitkräftebeiträge dem gemeinsamen Verteidigungsplan zuordnen, fand im Juni 2026 in Brüssel statt. Der Ausgang war gemischt: Ein gutes halbes Dutzend NATO-Partner meldeten neue Fähigkeiten an, darunter vor allem Großbritannien. Den Großteil der Verpflichtungen übernahm London. Frankreich und Deutschland hielten sich mit Zusagen zurück.

Rutte formulierte es so, wie man es von einem Generalsekretär erwartet, der beide Seiten des Atlantiks bedienen muss: Die Europäer und Kanada seien bereit, willens und in der Lage, mehr zu leisten. Die USA hätten ihre Zusagen im NATO-Streitkräftemodell daher angepasst. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur konnten einige Lücken sofort geschlossen werden, andere nicht. Das Bild, das sich abzeichnet: Europa ist militärisch noch nicht dort, wo es sein müsste, um die US-Kürzungen ohne Fähigkeitsverluste aufzufangen.

Was Hegseth fordert und was der Senat stoppt

US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte beim Shangri-La-Dialog in Singapur Ende Mai die Logik der US-Position offengelegt: Asiatische Verbündete wie Südkorea sagten das 3,5-Prozent-BIP-Ziel zu, während Europa zögere. Das Modell heißt intern NATO 3.0: Europa soll die Führung für seine eigene Verteidigung übernehmen.

Hegseth kündigte zudem eine sechsmonatige Überprüfung der gesamten US-Truppenpräsenz in Europa an. Rund 80.000 US-Soldaten sind derzeit auf NATO-Territorium stationiert, davon bereits 5.000 abgezogen seit dem Pentagon-Beschluss im Mai. Abgezogen wurden vor allem Einheiten der 2nd Armored Brigade Combat Team, die für Polen vorgesehen waren, sowie ein Weitreichenfeuer-Bataillon für Deutschland.

Parallel dazu stoppte der US-Senat gegen den Willen der Trump-Regierung einen Abbau eines Ozeankontrollsystems, das für die maritime Überwachung der NATO-Flanke relevant ist. Teile des Kongresses bremsen also, was Hegseth vorantreiben will. Die innenpolitischen Grenzen der US-NATO-Politik sind real.

Deutschlands Zögern und die 3,5-Prozent-Frage

Deutschland hat beim Haager NATO-Gipfel im Juni 2025 das neue Ziel mitunterzeichnet: 3,5 Prozent des BIP für Kernverteidigung, weitere 1,5 Prozent für Sicherheitsinfrastruktur, insgesamt fünf Prozent bis 2035. Der Verteidigungsetat für 2026 wurde im Bundeshaushalt um 28 Prozent erhöht. Aber Haushaltszahlen sind nicht dasselbe wie Fähigkeiten unter NATO-Kommando.

Deutschland hat das gemeinsame Kampfflugzeugprogramm FCAS mit Frankreich und Spanien verloren, das im Juni 2026 offiziell scheiterte. Die Bundeswehr hat keine vollständig einsatzfähige Panzerdivision. Reparaturstau, Munitionsmangel und Personalnot bleiben strukturelle Probleme. Das Muster, das sich bei der Force-Sourcing-Konferenz zeigte, passt dazu: viel angekündigt, wenig unter NATO-Kommando gemeldet.

Rutte äußerte sich dazu diplomatisch. Er sagte, er sehe bei Deutschland klaren politischen Willen und steigende Ausgaben. Militärisch einsatzbereit ist das eine. Was unter NATO-Kommando tatsächlich gemeldet wurde, ist das andere.

Ankara am 7. Juli: Erster Gipfel nach dem Paradigmenwechsel

Der Ankara-Gipfel am 7. und 8. Juli 2026 im Bestepe-Komplex ist der 36. NATO-Gipfel und der erste nach dem Haager Beschluss zur neuen Lastenteilung. Er findet statt, während die USA ihren Rückzug formell dokumentieren und Europa ihn strukturell noch nicht aufgefangen hat.

Auf der Agenda stehen nach Angaben des NATO-Generalsekretariats: neue Fähigkeitsziele für die Mitglieder, die Industriestrategie für die Rüstungsproduktion und die Lage in der Ukraine. Die Türkei hat ein Eigeninteresse an einem geordneten Gipfel: Sie braucht westliches Wohlwollen für laufende Rüstungsgeschäfte und geopolitische Spielräume in der Ukraine-Frage.

Für Deutschland bedeutet der Gipfel ein Datum, an dem konkrete neue Fähigkeitszusagen erwartet werden statt Haushaltszahlen. Verteidigungsminister Boris Pistorius hat erklärt, Deutschland werde seine Versprechen halten. Was das konkret heißt, dürfte in Ankara auf dem Tisch liegen. Ruttes öffentliche Aussage, er sehe bei Deutschland Willen und steigende Ausgaben, klingt nicht wie ein Freifahrtschein.

Update 20. Juni, 17:00 Uhr: Die genaue Schadensaufnahme der US-Streichungen liegt nun vor. Aus der NATO-Streitkräfteplanung hat Washington konkret abgemeldet: eine von zwei Trägerkampfgruppen einschließlich eines Großteils der begleitenden Kreuzer- und Zerstörerverbände, einen von zwei Bomberverbänden, sämtliche Langstreckenaufklärungsdrohnen und fast die Hälfte der bewaffneten Drohnen vom Typ MQ-9. Die Flotte der Tankflugzeuge KC-135 wurde von 71 auf 63 Maschinen reduziert. Parallel dazu haben US-Vertreter europäische NATO-Partner offen kritisiert, die zugesagte Fähigkeitslücken nicht oder nur unzureichend geschlossen haben. Knapp drei Wochen vor dem Ankara-Gipfel wächst der Druck auf Deutschland und Frankreich, mit konkreten Zusagen zu antworten statt mit Haushaltszahlen.

Quellen (13)

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