Farage: Krypto-Millionen und ein verurteilter Geldgeber
Zwei Drittel aller Einnahmen, die Reform UK seit seiner Gründung erzielt hat, kamen von einem einzigen Mann: Christopher Harborne, einem in Thailand lebenden britischen Milliardär, der sein Vermögen mit der Krypto-Stablecoin Tether aufgebaut hat. Als die Regierung Starmer am 5. Juli ankündigte, Krypto-Spenden an Parteien zu verbieten, war klar, wen das treffen würde. Einen Tag später folgte die nächste Enthüllung: Harborne ist nicht Farages einziger problematischer Geldgeber.
Zwei Männer, zwei ungeklärte Transaktionen
George Cottrell ist 32 Jahre alt, britischer Aristokrat und Gründer der politischen Beratungsfirma Geostrategy. Im Jahr 2014 traf er sich mit verdeckten US-Bundesermittlern in Las Vegas und bot an, Drogengelder in Millionenhöhe über Offshore-Konten zu waschen. Ein US-Bundesgericht verurteilte ihn im März 2017 wegen Drahtbetrugs zu acht Monaten Haft. Farage bezeichnete ihn danach als jemanden, den er "wie einen Sohn" sehe und holte ihn als Senior Adviser und Spendensammler für seine politischen Aktivitäten.
Im Jahr vor den britischen Parlamentswahlen 2024 bezahlte Cottrell nach Recherchen der Sunday Times Farages Leibwächter, Fahrer, Mitarbeiter und die Nutzung eines Stadthauses nahe dem Buckingham Palace. Diese geldwerten Vorteile trug Farage nie ins Parlamentsregister ein. Das Regelwerk des Unterhauses, Rule 5 des House of Commons Code of Conduct, verlangt die Deklaration jedes Vorteils, der mit der Parlamentstätigkeit in Verbindung stehen könnte. Farage zog am 4. Juli 2024 ins Parlament ein.
Harborne ist ein anderer Fall. Der in Thailand lebende Brite hält laut Unternehmensunterlagen rund zwölf Prozent an Tether Limited, dem Herausgeber der weltgrößten US-Dollar-Stablecoin USDT. Tether hat eine Marktkapitalisierung von über 130 Milliarden US-Dollar und gilt als zentrale Infrastruktur des globalen Krypto-Markts. Die Sunday Times Rich List 2026 schätzt Harbornes Vermögen auf 18,2 Milliarden Pfund, Platz sechs unter Großbritanniens Reichsten. Seit der Gründung von Reform UK überwies er der Partei über 22 Millionen Pfund, rund zwei Drittel aller Parteieinnahmen in der Parteigeschichte. Hinzu kommt ein persönliches Geschenk von fünf Millionen Pfund an Farage selbst: Damit kaufte Farage am 10. Mai 2024 ein Haus in Surrey für 1,4 Millionen Pfund bar. Auch dieses Geschenk trug Farage zunächst nicht ins Register ein. Seit Mai 2026 ermittelt der Parliamentary Commissioner for Standards.
Reform UK und das Krypto-Geld: Eine strukturelle Abhängigkeit
Harbornes bisherige Spenden waren formal legal: Er ist im britischen Wählerregister eingetragen und überwies in Pfund Sterling. Die angekündigten neuen Regeln würden das grundlegend ändern. Die Regierung Starmer will Auslandsspenden auf 100.000 Pfund jährlich deckeln und eine zwölfmonatige Wartefrist für zurückgekehrte britische Staatsbürger einführen. Krypto-Spenden an Parteien sollen vollständig verboten werden, Verstöße unter Strafe gestellt.
Die Zielgenauigkeit dieser Regeln fällt auf. Reform UK ist die einzige britische Partei, deren Finanzierungsmodell durch diese Kombination strukturell getroffen würde. Labour, die Konservativen und die Liberaldemokraten finanzieren sich aus Mitgliedsbeiträgen, Gewerkschaftsgeldern und inländischen Unternehmensgeldern. Reform UK bezog bislang zwei Drittel seiner Einnahmen aus einer einzigen Quelle, deren Vermögen in einer Stablecoin steckt und die seit mehr als zwanzig Jahren in Bangkok lebt.
Reform UK reagierte bereits auf den wachsenden Druck. Kurz nachdem der Harborne-Skandal im April 2026 bekannt wurde, verschwand ein selbst eingereichter Gesetzentwurf zur Krypto-Regulierung still von der Parteiwebsite. Die Begründung dafür lieferte die Partei nicht öffentlich. Harborne selbst sagte gegenüber dem Telegraph, er habe Farage das Geld "aus großer Bewunderung für die jahrzehntelange Arbeit für den Brexit" gegeben.
Kein britisches Einzelphänomen
Die britische Affäre hat transatlantische Dimensionen. In den USA finanzierten Krypto-Unternehmer 2024 Trumps Wahlkampf über Super PACs; im Unterschied zu Harborne allerdings offen und regulatorisch deklariert. Cottrell selbst bewirbt sich derzeit um einen Gnadenerlass von Präsident Trump für seine US-Verurteilung aus dem Jahr 2017. Der Kreis zwischen britischem Rechtspopulismus und amerikanischem Krypto-Milieu ist enger, als bisher öffentlich bekannt war.
Für das britische Parteienfinanzierungsrecht ist der Fall eine Zäsur. Das bestehende System wurde für Unternehmens- und Gewerkschaftsspenden konzipiert, nicht für ausländische Krypto-Milliardäre. Der Parliamentary Commissioner for Standards ermittelt nicht nur wegen Farages persönlichem Register-Versäumnis, sondern prüft nach Angaben von Channel 4 auch, ob Reform UK systematisch Meldepflichten umging.
Frühere Verfahren des Standards-Kommissars endeten in vergleichbaren Fällen mit öffentlichem Tadel, der Aussetzung parlamentarischer Privilegien oder zeitweiser Suspension. Bei Reform UK geht es um Transaktionen in einem Umfang, der in der Geschichte britischer Parteispendenaffären keine Entsprechung hat.
Farage und sein Team bestreiten die Vorwürfe. Sein Sprecher bezeichnete die Cottrell-Geschichte als "haltlos und konstruiert". Die Frage, warum die Zahlungen nicht einfach deklariert wurden, ließ Reform UK unbeantwortet. Farage erklärte, er habe alle Regeln befolgt und erwäge Klage gegen die Sunday Times. Er sprach von einem "Anschlag des Establishments".
Bis Herbst: Zwei offene Standards-Verfahren
Die Untersuchung zu Harbornes persönlichem Geschenk läuft. Ein Abschluss wird bis Herbst 2026 erwartet. Parallel stehen die neuen Parteispendenregeln noch vor ihrer parlamentarischen Abstimmung; ihre endgültige Verabschiedung ist für Herbst 2026 geplant. Reform UK muss damit gleichzeitig ein laufendes Ermittlungsverfahren und drohende Gesetze gegen seine Hauptfinanzierungsquelle bewältigen.
Farages Partei ist seit den Kommunalwahlen im Mai 2026 die stimmenstärkste Partei in nationalen Umfragen. Für diesen Aufstieg brauchte Reform UK Geld. Die Frage, wer dieses Geld gab und zu welchen Bedingungen, beantwortet gerade das britische Parlament.
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