Nierenkrankheit: Finerenone schützt auch ohne Diabetes
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Nierenkrankheit: Finerenone schützt auch ohne Diabetes

Ein Medikament, das jahrelang nur bei diabetischer Nierenerkrankung eingesetzt wurde, schützt laut drei gleichzeitig publizierten Großstudien auch Patienten ohne Diabetes. Für mehr als 400 Millionen Menschen weltweit mit chronischer Nierenerkrankung ohne Diabetes bedeutet das eine grundlegend neue Behandlungsperspektive.

29. Juli 2026, 9:04 Uhr 756 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Chronische Nierenerkrankung trifft in Deutschland über neun Millionen Menschen und endet für mehr als 86.000 von ihnen am Dialysegerät. Ein seit Jahren genutztes Medikament schützte bisher nur Patienten mit Typ-2-Diabetes. Drei Studien, gleichzeitig im New England Journal of Medicine, im Lancet und im JAMA veröffentlicht, belegen: Das Medikament Finerenone verlangsamt die Nierenschädigung auch bei den mehr als 400 Millionen Menschen weltweit, die keinen Diabetes haben.

Wenn Nieren still versagen

Wer an chronischer Nierenerkrankung (CKD) leidet, spürt das oft jahrelang nicht. Typische Ursachen sind Bluthochdruck und Diabetes, bei vielen Betroffenen jedoch auch Entzündungen der Nierenkörperchen (Glomerulonephritiden), Autoimmunerkrankungen oder genetische Faktoren. Was alle Ursachen verbindet: Sie führen über denselben biologischen Weg zur Schädigung. Entzündung und Vernarbung des Nierengewebes (Fibrose) schränken die Filterfunktion schrittweise ein, bis die Niere vollständig versagt.

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) registrierte zwischen 2013 und 2022 bei Menschen über 40 Jahren einen Anstieg der CKD-Diagnosen in Deutschland um über 60 Prozent. Fast drei Millionen Versicherte wurden 2022 wegen Nierenerkrankungen behandelt. Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) schätzt die tatsächliche Zahl weit höher, weil viele Fälle unentdeckt bleiben. Rund 86.000 Deutsche sind heute auf regelmäßige Dialyse angewiesen, ein Verfahren, das die Nierenfunktion maschinell ersetzt und das Gesundheitssystem durchschnittlich 60.000 Euro pro Patient und Jahr kostet.

Ein Mechanismus, der zwei Krankheitsfelder verbindet

Finerenone blockiert den Mineralokortikoid-Rezeptor, einen zellulären Andockpunkt, der bei Nieren- und Herzerkrankungen Entzündungsprozesse und die Bildung von Narbengewebe antreibt. Indem das Medikament diesen Mechanismus hemmt, verlangsamt es das Fortschreiten der Nierenschädigung unabhängig davon, welche Grunderkrankung die CKD ausgelöst hat.

Der Bayer-Konzern hatte Finerenone unter dem Markennamen Kerendia ursprünglich für Patienten mit diabetischer Nierenerkrankung entwickelt. Die Europäische Kommission erteilte 2023 eine erweiterte Zulassung für frühe Stadien der CKD bei Typ-2-Diabetes. Mehr als die Hälfte aller CKD-Patienten weltweit hat jedoch keinen Diabetes. Für sie stand bis zur jetzt publizierten Datenlage keine vergleichbare organprotektive Therapie zur Verfügung, die über die symptomatische Senkung des Blutdrucks hinausgeht.

Was FIND-CKD und INFINITY zeigten

Die FIND-CKD-Studie ist die bislang größte Phase-III-Studie zu nicht-diabetischer CKD überhaupt: 1.584 Erwachsene ohne Diabetes erhielten über 32 Monate entweder Finerenone oder Placebo, zusätzlich zur Standardbehandlung. Das am 4. Juni 2026 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Ergebnis: In der Finerenone-Gruppe trat das kombinierte Endmaß aus Nierenversagen und schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen um 23 Prozent seltener ein. Die Nierenfunktion, gemessen als eGFR, verschlechterte sich in der Finerenone-Gruppe deutlich langsamer als in der Placebogruppe.

Die zeitgleich im Lancet publizierte INFINITY-Analyse fasste Daten aus allen großen Finerenone-Studien mit insgesamt 14.574 Patienten zusammen. Auch bei dieser breiteren Auswertung reduzierte Finerenone das Risiko für Nierenversagen oder klinisch relevanten Funktionsverlust um 24 Prozent gegenüber Placebo. Beide Studien wurden auf dem ERA-Kongress 2026 in Glasgow vorgestellt, dem größten nephrologischen Jahrestreffen Europas.

Studienleiter Professor Hiddo Lambers Heerspink vom University Medical Center Groningen sprach von einer signifikanten Erhaltung der Nierenfunktion über mehrere CKD-Ursachen hinweg. Nephrologe Brendon Neuen vom George Institute for Global Health in Sydney bezeichnete das Ergebnis als Durchbruch: Der therapeutische Fortschritt bei glomerulären Erkrankungen sei bislang sehr langsam gewesen.

Beide Studien wurden von Bayer finanziert und durch unabhängige Begutachtungsausschüsse der Fachzeitschriften geprüft. Das Hauptrisiko der Therapie ist eine Erhöhung des Kaliumspiegels im Blut (Hyperkaliämie), die in FIND-CKD bei 1,5 Prozent der Finerenone-Gruppe zur Behandlungsunterbrechung führte, gegenüber 0,1 Prozent im Placeboarm. Regelmäßige Blutkontrollen sind zwingend erforderlich.

Im Vergleich zu anderen Durchbrüchen gegen Nierenschwund

Finerenone folgt einem Muster, das sich in der Nephrologie in den letzten Jahren mehrfach bewährt hat: Ein Wirkstoff, der für eine engere Patientengruppe entwickelt wurde, erweist sich als deutlich breiter einsetzbar.

Ein direkter Parallelfall sind die SGLT2-Hemmer Dapagliflozin und Empagliflozin. Beide wurden als Diabetes-Medikamente entwickelt. Als die DAPA-CKD-Studie 2020 im New England Journal of Medicine zeigte, dass Dapagliflozin die CKD-Progression bei Patienten ohne Diabetes signifikant verlangsamt, wurde die Zulassung ausgeweitet. Empagliflozin folgte mit der EMPA-KIDNEY-Studie 2023. Beide Wirkstoffe gehören inzwischen zum nephrologischen Behandlungsstandard und werden von gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland erstattet.

Im Juli 2026 ließ die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA mit Trutakna außerdem das erste Medikament zu, das gezielt die B-Zell-Ursache der IgA-Nephropathie blockiert, einer der häufigsten Ursachen für Nierenversagen bei jungen Erwachsenen. Trutakna wirkt jedoch ausschließlich bei dieser Erkrankungsform. Finerenone wirkt hingegen über den gemeinsamen Fibrose-Entzündungsweg bei allen CKD-Formen, was seine potenziell deutlich größere Reichweite erklärt.

Wann Finerenone deutschen Nierenpatienten zugutekommt

Eine EU-Zulassung für nicht-diabetische CKD liegt noch nicht vor. Bayer hat nach ERA 2026 angekündigt, die FIND-CKD- und INFINITY-Daten bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) einzureichen. Der reguläre Zulassungsprozess dauert nach Einreichung in der Regel zwölf bis 18 Monate. Ist die Zulassung erteilt, folgt in Deutschland die Nutzenbewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), die weitere sechs bis zwölf Monate in Anspruch nimmt und die GKV-Erstattung regelt.

Realistisch könnten nicht-diabetische CKD-Patienten in Deutschland Finerenone als Kassenleistung frühestens 2028 erhalten. Den entsprechenden Weg von den Studiendaten zur deutschen Kassenerstattung hatten Dapagliflozin und Empagliflozin jeweils etwa zwei bis drei Jahre zurückgelegt. Die DGfN forderte 2026 in einem Impulspapier zudem ein nationales Nierenregister, um Behandlungsqualität und den Zugang zu neuen Therapien systematisch erfassen zu können. Deutschland ist eines der wenigen westeuropäischen Länder ohne ein solches Instrument.

Quellen (10)

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