Finnwale kehren in Massen in die Antarktis zurück
Im Frühjahr 2026 beobachteten Forscher an Bord eines Sea-Shepherd-Schiffes nahe den Südorkney-Inseln etwas, das der erste antarktische Walfänger zu Beginn des 20. Jahrhunderts für selbstverständlich gehalten hätte: Gruppen von mehr als 150 Finnwalen, die gemeinsam durch antarktische Gewässer fraßen. Finnwale waren nach Jahrzehnten industriellen Walfangs auf unter ein Prozent ihres ursprünglichen Bestandes dezimiert worden.
Vom größten Abschlachten der Meeresgeschichte
Zwischen 1904, als der kommerzielle Walfang in der Antarktis begann und 1976, als die Fangquote für Finnwale auf null gesetzt wurde, töteten Walfänger laut UCLA-Forschern mehr als 700.000 Finnwale in den Südmeeren. Damit wurde die Art auf einen Bruchteil ihres einstigen Bestandes reduziert. Bis in die frühen 1980er Jahre war die Gesamtzahl auf schätzungsweise 3.250 bis 6.500 Individuen gefallen, das Ergebnis von mehr als 70 Jahren intensiver industrieller Jagd auf Tiere, die bis zu 27 Meter lang werden können.
Das Internationale Übereinkommen zur Regulierung des Walfangs hatte bereits 1946 Schutzmechanismen vorgesehen, die in der Praxis aber kaum griffen. Erst als die Internationale Walfangkommission 1986 ein Moratorium für den kommerziellen Walfang beschloss, kam der industrielle Druck auf die Populationen zum Erliegen. In der Antarktis hatte sich der Finnwal da längst aus seinen historischen Nahrungsgründen zurückgezogen.
Die Rückkehr in Zahlen
Systematische Surveys in antarktischen Gewässern zeigen seit etwa 2000 eine deutliche Trendwende. Aktuelle Daten aus dem ICES Journal of Marine Science, das Bestandserhebungen nahe den Südorkney-Inseln von 2011 bis 2025 auswertet, dokumentieren einen Anstieg von rund 3.400 auf über 18.000 Finnwale in der Antarktis. Das entspricht einer Verfünffachung in 14 Jahren.
Die IUCN schätzt den globalen Bestand erwachsener Finnwale derzeit auf rund 100.000 Individuen und stuft die Tendenz als steigend ein. Die Art, die zwischen 1996 und 2018 auf der Roten Liste als stark gefährdet galt, wurde zwischenzeitlich auf die Kategorie 'Vulnerable' hochgestuft. Damit ist die Erholung international wissenschaftlich anerkannt, aber noch nicht abgeschlossen.
Besonders sichtbar wird die Rückkehr durch die sogenannten Supergruppen: Versammlungen von mehr als 100 Individuen an einem gemeinsamen Ort. Die ersten solchen Beobachtungen an der Antarktischen Halbinsel wurden nach 2010 dokumentiert. Ein Paper in Scientific Reports von 2022 beschrieb Sichtungen von mindestens acht Gruppen mit je 150 Finnwalen. Frühere Generationen von Forschern hatten diese Aggregationen nur aus historischen Berichten der Walfänger selbst gekannt.
Warum Wale das Klima kühlen
Die Rückkehr des Finnwals in die Antarktis ist mehr als ein Artenschutzerfolg. Sie hat eine direkte Bedeutung für das globale Klimasystem. Der Mechanismus läuft über das, was Meeresbiologen als 'Walpumpe' beschreiben: Wale tauchen in tiefe Wasserschichten, um Krill zu fressen und geben dort aufgenommene Nährstoffe als Kotplume nahe der Wasseroberfläche wieder ab. Dieser Kot enthält Eisen in zehnmillionenfacher Konzentration im Vergleich zum umgebenden Meerwasser.
Eisen ist im Südpolarmeer ein limitierender Faktor für das Wachstum von Phytoplankton. Mehr Eisen an der Oberfläche bedeutet mehr Phytoplankton und mehr Phytoplankton bedeutet mehr Photosynthese. Phytoplankton bindet dabei jährlich schätzungsweise 37 Milliarden Tonnen CO2, ähnlich viel wie vier Amazonaswälder zusammen. Eine Studie in der Fachzeitschrift Trends in Ecology and Evolution aus dem Jahr 2022 beschrieb diesen Effekt als eines der bedeutsamsten natürlichen Systeme zur Kohlenstoffbindung auf dem Planeten.
Die Antarktis ist zudem der wichtigste Ozean für die Aufnahme von anthropogenem CO2. Die Rückkehr von Großwalen in dieses System könnte, so die Autoren des Papers, ökosystemare Funktionen wiederherstellen, die seit dem Walfang des 20. Jahrhunderts gestört waren.
Im Vergleich zu anderen Großwal-Comebacks
Der Finnwal-Bestand in der Antarktis erholt sich, aber nicht alle Großwale nehmen diesen Weg gleich schnell. Buckelwale gelten als die erfolgreichste Erholung unter den Großwalen: Ihr globaler Bestand war nach intensivem Walfang auf rund 10.000 bis 15.000 Individuen gefallen. Heute werden über 80.000 Buckelwale weltweit gezählt, die Art gilt seit 2008 global nicht mehr als bedroht. In denselben antarktischen Gewässern, in denen Finnwale jetzt zurückkehren, sind Buckelwale längst wieder häufig.
Sehr viel langsamer erholen sich die Blauwale, die größten Tiere der Erdgeschichte. Ihre antarktische Unterart wurde von geschätzten 200.000 Individuen auf unter 300 Tiere dezimiert. Trotz mehr als 50 Jahren Schutz wird der antarktische Bestand heute auf 2.000 bis 5.000 Blauwale geschätzt, was laut NOAA Fisheries weiterhin weniger als einem Prozent der Ausgangspopulation entspricht. Die Erholung des Finnwals ist damit nicht selbstverständlich: Sie zeigt, dass gezielte Schutzmaßnahmen wirken, wenn sie frühzeitig und konsequent angewendet werden.
Ob die Erholung standhält, entscheidet die Krillfischerei
Der Hauptbaustein der Erholung, das Ende des industriellen Walfangs, ist seit Jahrzehnten etabliert. Aber eine neue Bedrohung hat sich in denselben Gewässern aufgebaut: Industrie-Krill-Trawler operieren nahe den Südorkney-Inseln und der Antarktischen Halbinsel, also in den Gebieten, die Wissenschaftler als wichtigste Walnahrungsgründe bezeichnen.
Sea Shepherd, die 2026 eine erste wissenschaftliche Expedition in diese Gebiete durchführte, dokumentierte industrielle Krillfischerei direkt in den Nahrungsgründen der sich erholenden Walpopulationen. Die Fangsaison 2025 erreichte erstmals die saisonale Fangquote vorzeitig, was zu einer frühen Schließung führte. Im selben Jahr wurde ein Wal in einem Krillnetz getötet. Laut Natural World Fund bedroht die wachsende Krillfischerei die Walrehabilitierung direkt.
Die Association of Responsible Krill Harvesting Companies (ARK) widerspricht und verweist auf Studien, wonach der aktuelle Fang weit unter den Mengen liegt, die das Ökosystem belasten würden. Wissenschaftlich sind die tatsächlichen Wechselwirkungen noch nicht abschließend geklärt. Was feststeht: Die Überlebensmöglichkeit von 150 Finnwalen in einem Gewässerabschnitt hängt davon ab, ob genug Krill vorhanden ist. Das macht die Krillfischerei zur entscheidenden offenen Frage für die Zukunft der Erholung.
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