44,3 Grad: Warum Frankreichs Kernkraftwerke abschalten
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44,3 Grad: Warum Frankreichs Kernkraftwerke abschalten

Drei Kernkraftwerke mussten in der französischen Hitzewelle ihre Leistung herunterfahren, weil die Kühlflüsse zu warm wurden. Frankreich verzeichnet 44,3 Grad in Pissos, 40 Ertrinkungstote und 845 geschlossene Schulen.

25. Juni 2026, 22:37 Uhr 776 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Am 23. Juni maß die Wetterstation im südwestfranzösischen Pissos im Département Landes 44,3 Grad Celsius, den höchsten Wert, den Frankreich seit Beginn flächendeckender Messungen verzeichnet hat. Was an diesem Tag weniger Aufmerksamkeit bekam, traf das Land strukturell mindestens ebenso hart: EDF musste drei Kernkraftwerke abschalten oder erheblich herunterfahren, weil die Kühlflüsse zu warm geworden waren. Die Hitzewelle, die Frankreich seit dem 22. Juni erfasst, trifft das Land damit an zwei Punkten gleichzeitig: bei den Menschen und beim Stromnetz.

Warum die Kraftwerke abschalten mussten

Frankreichs Kernkraftwerke beziehen ihr Kühlwasser aus Flüssen. EDF ist gesetzlich verpflichtet, die Temperatur des Kühlwassers, das nach der Nutzung in die Flüsse zurückfließt, unter regulatorischen Grenzwerten zu halten, die aquatische Ökosysteme schützen sollen. Sobald das Flusswasser selbst zu warm wird, steigt die Ausgangstemperatur des Kühlwassers zwangsläufig über diese Grenzen. EDF hatte damit keine andere Wahl.

Das Kraftwerk Golfech im Süden Frankreichs, am Ufer der Garonne gelegen, wurde am 22. Juni als erstes abgeschaltet. Weitere Einheiten in den Kraftwerken Nogent-sur-Seine südöstlich von Paris und Bugey am Rhone bei Lyon wurden heruntergefahren. Nach Angaben des Fachportals Montel News entsprach der Gesamtverlust rund vier Gigawatt, was sechs Prozent der gesamten französischen Kernkraftkapazität entspricht. Frankreich bezieht normalerweise rund 70 Prozent seines Stroms aus Kernenergie und exportiert in normalen Sommern Überschüsse. In einer Hitzewelle kehrt sich dieses Verhältnis partiell um: Steigende Klimaanlagenlast erhöht die Nachfrage, während das Angebot fällt.

Das Muster ist nicht neu, aber es verschärft sich. Zwischen 2000 und 2026 hat Hitze die jährliche Stromerzeugung aus Kernenergie in Frankreich im Schnitt um 0,3 Prozent reduziert. Wenn Hitzewellen häufiger und intensiver werden, dürfte dieser Wert deutlich steigen.

44,3 Grad in Pissos: Was die Zahlen bedeuten

Die Messung in Pissos ist nicht nur ein Stationsspitzenwert, sondern Teil eines statistischen Ausnahmezustands. Météo France meldete am 23. Juni einen nationalen Tagesdurchschnitt von 29,8 Grad Celsius, dem höchsten Wert, der landesweit je an einem einzigen Tag gemessen wurde. Diese Zahl ist aussagekräftiger als ein einzelner Spitzenwert: Sie zeigt, wie heiß das gesamte Land im Mittel war.

Météo France hat die rote Warnstufe auf 72 der 101 Départements ausgedehnt. Das entspricht rund 71 Prozent des Landes unter der schärfsten Stufe des Plan Canicule, des nationalen Hitzeschutzplans. Zwei Tage zuvor standen noch 54 Départements auf Rot. Die Nächte bieten wenig Erholung: In den betroffenen Regionen sanken die Temperaturen kaum unter 23 bis 26 Grad Celsius, was eine körperliche Regeneration erheblich erschwert.

40 Tote durch Ertrinkungsunfälle, 845 Schulen geschlossen

In den vergangenen fünf Tagen ertranken in Frankreich mindestens 40 Menschen, die meisten in Flüssen und Seen an Orten ohne beaufsichtigte Bademöglichkeiten. Wer in überhitzten Städten kein Schwimmbad erreicht, sucht Abkühlung in offenen Gewässern. Hinzu kommen mindestens zwei weitere hitzebezogene Todesfälle, darunter zwei Kleinkinder, die in einem aufgeheizten Auto im provenzalischen Carpentras gefunden wurden.

Die Regierung schloss 845 Grundschulen und weiterführende Schulen; weitere 1.800 Schulen passten ihre Unterrichtszeiten an. Paris verhängte ab Freitag, dem 26. Juni, ein Alkoholverbot im öffentlichen Raum ab 12 Uhr sowie ein Verkaufsverbot ab dem Freitagabend. Polizeichef Patrice Faure begründete die Maßnahme damit, dass Alkohol in der Hitze eine deutlich schädigendere Wirkung auf den Kreislauf habe und Rettungsdienste überlasten würde.

Was der Vergleich mit 2003 zeigt

Météo France vergleicht die aktuelle Welle ausdrücklich mit der Hitzewelle vom August 2003. Diese tötete in Frankreich rund 15.000 Menschen und verursachte europaweit schätzungsweise 80.000 zusätzliche Todesfälle. Aus dieser Katastrophe entstand der Plan Canicule, der seither Frühwarnmeldungen, Krankenhausbereitschaft und die Erreichbarkeit gefährdeter Personen in Hitzephasen regelt. Nach 2003 wurden in Frankreich Klimaanlagen in Pflegeheimen zur Pflicht, Telefonleitungen für gefährdete Personen eingerichtet und kommunale Hitzeschutzkonzepte erarbeitet. Diese Reformen haben seither nachweislich Leben gerettet.

Der entscheidende Unterschied zwischen 2003 und 2026 liegt nicht nur in der Temperatur, sondern in dem, was zusätzlich auf dem Spiel steht. 2003 war die Kernkraftfrage bei Hitzewellen noch kein Thema. Heute hängen rund 70 Prozent des französischen Stroms von Kernenergie ab. Wenn die Flüsse zu warm werden, gerät die Grundlastsicherheit ins Wanken. Klimawissenschaftler weisen zudem übereinstimmend darauf hin, dass jede Hitzewelle heute auf einem strukturell wärmeren Klimasystem aufsetzt als vor zwanzig Jahren, was Spitzenwerte wie die 44,3 Grad in Pissos statistisch wahrscheinlicher macht.

Ein Wochenende als Prüfstein für Strom und Infrastruktur

Der Deutsche Wetterdienst erwartet für Sonntag, den 28. Juni, erste Hitzegewitter, die Welle in Deutschland brechen sollen. Auch in Frankreich ist eine meteorologische Entspannung für das Wochenende angekündigt. Ob EDF die gedrosselten Reaktoren danach zügig wieder hochfahren kann oder ob Wartungsarbeiten zusätzliche Zeit beanspruchen, ist offen.

Für Frankreich ist die aktuelle Welle auch ein energiepolitisches Signal. Die Abhängigkeit von Kernenergie als Grundlast bedeutet, dass ausgerechnet die Technologie, die für Frankreich als verlässliche Stromquelle gilt, bei Extremhitze anfällig wird. Klimawandel und Kernkraftwerke kühlen am selben Fluss: aus dem einer von beiden schöpft.

Quellen (13)

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