Weltrekord: Polynesien schützt 1,4 Millionen km² Ozean
Nur 3,5 Prozent der Weltmeere stehen bislang unter vollständigem Schutz. Am 8. Juni 2026 hat Präsident Moetai Brotherson diesen Anteil mit einer einzigen Entscheidung erheblich vergrößert: 1,4 Millionen Quadratkilometer Ozean rund um Französisch-Polynesiens Inseln erhalten den höchsten Schutzstatus, Industriefischerei und Tiefseebergbau sind dort fortan verboten. Das entspricht mehr als dem Zweieinhalbfachen der Landfläche Frankreichs und übertrifft jedes zuvor existierende vollständig geschützte Meeresgebiet der Welt.
Ein Schutz in drei Schritten
Französisch-Polynesien verfügt über eine der größten Ausschließlichen Wirtschaftszonen der Welt: rund fünf Millionen Quadratkilometer im Südpazifik umgeben die 118 Inseln des Territoriums. Im Juni 2025 hatte Präsident Brotherson auf der UN-Ozeankonferenz in Nizza angekündigt, die gesamte Wirtschaftszone als Meeresschutzgebiet auszuweisen, mit unterschiedlichen Schutzstufen je nach Nähe zur Küste und bisheriger Nutzung. Ein Jahr später folgte der entscheidende Schritt: 520.000 Quadratkilometer rund um die Austral-Inseln und die Marquesas werden unter den höchsten Schutzstatus gehoben. Zusammen mit den bereits vollständig geschützten Gewässern rund um die Gesellschaftsinseln und die Gambier-Inseln stehen nun 30 Prozent aller polynesischen Gewässer in der strengsten Schutzkategorie.

Die Austral- und Marquesas-Inseln lagen bislang in niedrigeren Schutzkategorien, obwohl sie zu den ökologisch bedeutsamsten Meeresgebieten im gesamten Pazifik zählen. Conservation International nennt sie als wichtige Laichgründe für Großthunfische und kritische Habitate für vom Aussterben bedrohte Haiarten, Buckelwale und Meeresschildkröten.
Was der Schutz bedeutet und was er erlaubt
Der höchste Schutzstatus verbietet sämtliche extraktive Nutzung: Industriefischerei, Grundschleppnetzfischerei, Tiefseebergbau und Ölbohrungen sind in diesen Gewässern nicht mehr zulässig. Erlaubt bleibt einzig die traditionelle Fischerei in ausgewiesenen Küstenzonen, auf Schiffen unter zwölf Metern Länge und ausschließlich mit Einzelangel von der Seite. Frankreich hält zudem seit 2023 ein Moratorium über den Tiefseebergbau in seinen Gewässern, das die Regierung in Paris 2025 bekräftigt hat.
In den neu geschützten Gewässern leben nach Angaben von Conservation International mindestens 20 Haiarten, darunter der Bogenstirn-Hammerhai (Sphyrna lewini) und der Weißspitzen-Hochseehai (Carcharhinus longimanus), beide von der IUCN als vom Aussterben bedroht eingestuft. Hinzu kommen Buckelwale, Kleinschwertwale, Meeresschildkröten sowie endemische Vogel- und Fischarten, die nur in Französisch-Polynesien heimisch sind. Das ICRI Forum nennt über 1.000 bekannte Fischarten in den polynesischen Gewässern.
Im Vergleich mit anderen Meeresschutzgebieten
Das Schutzgebiet rund um den Chagos-Archipel im Indischen Ozean galt lange als Maßstab: 640.000 Quadratkilometer, 2010 vom Vereinigten Königreich ausgerufen. Polynesiens vollständig geschützte Zone ist jetzt mehr als doppelt so groß. Das Ross-Meer-Schutzgebiet in der Antarktis, 2016 von 24 Staaten beschlossen, umfasst zwar 1,55 Millionen Quadratkilometer insgesamt, davon stehen rund 1,12 Millionen unter absolutem Schutz ohne jedwede Fischereizulassung. Das Great Barrier Reef Marine Park in Australien umfasst 344.000 Quadratkilometer, erlaubt aber kommerziellen Tourismus und bestimmte Fischereiformen. Eine Zone mit 1,4 Millionen Quadratkilometern unter vollständigem Schutz ohne Ausnahmen für industrielle Nutzung hat es in dieser Größenordnung bisher nicht gegeben.

Für das UN-Ziel, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Weltmeere zu schützen, ist die Unterscheidung zwischen formalem Schutzgebiet und echtem Schutz entscheidend. Der Marine Protection Atlas listet derzeit 9,8 Prozent aller marinen Lebensräume als offiziell geschützt, aber nur 3,5 Prozent als vollständig oder stark geschützt. Das UN-Hochseeschutzabkommen trat am 17. Januar 2026 in Kraft und schafft erstmals einen rechtlichen Rahmen für Schutzgebiete jenseits nationaler Gewässer. Polynesiens Beitrag ist gemessen an diesen Zahlen erheblich.
Drei offene Fragen zur Umsetzung
Fünf Millionen Quadratkilometer Ozean zu überwachen ist praktisch nur mit Satellitentechnologie und internationalen Kooperationsabkommen möglich. Französisch-Polynesien verfügt über einige Patrouillenboote, die aber nicht ausreichen, um Verstöße in den abgelegensten Teilen des Schutzgebiets konsequent zu ahnden. OceanMind, eine Non-Profit-Organisation, die Fischereiüberwachung über Satellit betreibt, hat die polynesischen Behörden bereits beim Aufbau von Überwachungskapazitäten unterstützt. Eine dauerhaft gesicherte Finanzierung für die Kontrolle des Gebiets steht aber noch aus. Internationale Schutzabkommen ohne ausreichende Durchsetzungskapazitäten laufen Gefahr, auf dem Papier zu bleiben, während illegale Fischerei unbemerkt stattfindet.
Zweite Frage: Klimawandel. Schutzgebiete können Fischerei und Bergbau ausschließen, aber nicht die Ozeanerwärmung. Die Korallenriffe Französisch-Polynesiens haben seit 2016 mehrere schwere Bleichereignisse erlebt. Ein Schutzgebiet erhöht die Resilienz der Ökosysteme, hebt sie aber nicht aus dem globalen Klimakontext heraus.
Dritte Frage: politische Kontinuität. Brotherson regiert seit 2023, seine Partei Tavini Huiraatira strebt mehr Autonomie von Frankreich an. Ob nachfolgende Regierungen die Verpflichtungen in vollem Umfang aufrechterhalten, ist offen. Das Schutzabkommen, polynesisch 'Tainui Atea', hat Rückhalt in der polynesischen Bevölkerung und die Verankerung im nationalen Recht stärkt die Beständigkeit. Dennoch gilt für jeden Meeresschutz: Langfristige Wirkung entsteht nicht durch die Ankündigung, sondern durch konsequente Umsetzung über politische Zyklen hinweg.
Kommentare