
9.276 freiwillige Ausreisen: Was die Zahlen bedeuten
Quellen (9)
- Ad-hoc-news: Deutlich mehr freiwillige Ausreisen abgelehnter Asylsuchenderad-hoc-news.de
- newzs.de: Deutlich mehr Migranten verlassen Deutschland freiwillignewzs.de
- BAMF: Freiwillige Rückkehr — 60 Prozent mehr als im Vorjahrbamf.de
- BAMF: REAG/GARP-Programmbamf.de
- netzpolitik.org: Bezahlkarten für Geflüchtete — hoffentlich geht diesmal alles gutnetzpolitik.org
- netzpolitik.org: Bezahlkarten für Geflüchtete — das Gegenteil von Inklusionnetzpolitik.org
- Pro Asyl: So läuft das nicht — die lange Liste der Probleme mit der Bezahlkarteproasyl.de
- taz: Zwei Jahre Bezahlkarte für Geflüchtete — die Rechnung geht nicht auftaz.de
- Mediendienst Integration: Wie viele Abschiebungen und freiwillige Ausreisen gibt es?mediendienst-integration.de
In der Pressemitteilung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge klingt es wie ein Politikerfolg: 9.276 Menschen verließen Deutschland im ersten Halbjahr 2026 im Rahmen des staatlich geförderten Rückkehrprogramms REAG/GARP, 26 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2025. Die Zahlen stimmen. Die Frage ist, was hinter ihnen steckt.
Was das Rückkehrprogramm ist und wie es funktioniert
REAG/GARP ist ein Förderprogramm, das Bund und Länder seit Jahrzehnten gemeinsam finanzieren. Wer Deutschland freiwillig verlässt, bekommt Geld für Reisekosten und eine Startbeihilfe im Herkunftsland. Das BAMF übernahm die Programmverwaltung zum 1. Januar 2024 von der Internationalen Organisation für Migration. Die Leistungen sind nicht gering: Laut BAMF werden je nach Zielland zwischen 200 und über 1.000 Euro Starthilfe ausgezahlt.
Der Anstieg im Halbjahr 2026 setzt einen längeren Trend fort. Im gesamten Jahr 2025 unterstützte das BAMF 16.578 Menschen bei der Rückkehr, verglichen mit 10.358 im Jahr 2024. Der Hochlauf hat strukturelle Gründe: Seit Ende 2024 werden Abschiebungen in mehr Herkunftsländer wieder durchgeführt, die Bezahlkarte wurde in 15 der 16 Bundesländer eingeführt und das Aufenthaltsrecht wurde mehrfach verschärft.
Freiwillig: Wie viel Wahl dabei bleibt
Pro Asyl und die Initiative „Nein zur Bezahlkarte" verweisen darauf, dass der Begriff freiwillig in diesem Kontext mit Vorsicht zu lesen ist. Wer einen abgelehnten Asylantrag hat, ausreisepflichtig ist und keinen Duldungsstatus erhält, steht vor einer erzwungenen Wahl: staatlich geförderter Abgang oder behördliche Abschiebung. Das REAG/GARP-Programm zählt beide als freiwillig aus, solange keine Zwangsmaßnahme eingeleitet wurde.
Ende Juni 2026 waren laut Ausländerzentralregister 258.845 Menschen in Deutschland ausreisepflichtig. Davon waren 199.271 geduldet, knapp 3.200 mit Ausbildungsduldung und gut 1.600 mit Beschäftigungsduldung. Das bedeutet: Über 59.000 Menschen sind ausreisepflichtig ohne irgendeinen Duldungsstatus. Diese Gruppe ist besonders druckanfällig für sogenannte freiwillige Ausreisen.
Die Bezahlkarte als Druckinstrument
Die Bezahlkarte wurde im Laufe des Jahres 2025 flächendeckend eingeführt. Sie ersetzt in 15 von 16 Bundesländern Barauszahlungen der Asylbewerberleistungen durch eine Prepaid-Karte mit beschränkten Funktionen: kein Geldabheben über geringe Beträge, keine Auslandsüberweisungen, häufig keine Akzeptanz bei Wochenmärkten, Secondhand-Läden und lokalen Händlern.
Netzpolitik.org berichtete zuletzt über anhaltende technische Fehler: Karten schlagen fehl, ohne dass Betroffene vorab wissen, ob sie funktionieren werden. Sozialverbände sprechen von Stigmatisierung. Die taz beschrieb nach zwei Jahren Bezahlkarte, dass die versprochene Verwaltungsvereinfachung ausgeblieben sei: Kommunen klagen über hohe Betriebskosten der Karten-Infrastruktur.
Ob die Bezahlkarte einen direkten Effekt auf die Ausreisezahlen hat, ist empirisch nicht belegt. Klar ist: Die Lebensbedingungen für Menschen ohne Bleibeperspektive haben sich verschlechtert. Pro Asyl nennt die Bezahlkarte in ihrer laufenden Dokumentation eine der zentralen strukturellen Verschlechterungen seit 2025.
Was die Zahlen nicht sagen
Der Anstieg der freiwilligen Ausreisen maskiert eine zweite Zahl: Die tatsächlich durchgeführten Abschiebungen sind nach wie vor niedrig. Für das erste Halbjahr 2026 liegen noch keine vollständigen Zahlen vor. 2025 lagen die Abschiebungszahlen trotz politischer Ankündigungen deutlich unter den Zielen des Bundesinnenministeriums, weil viele Herkunftsländer nicht kooperieren oder Gerichte intervenieren.
Der Mediendienst Integration hat darauf hingewiesen, dass das Verhältnis von Ausreisepflichtigen zu tatsächlich Ausgereisten (freiwillig oder zwangsweise) seit Jahren strukturell unausgeglichen ist. Auf jeden Rückkehrer kommen rechnerisch mehr als zwei Dutzend Menschen, die weiterhin in Deutschland leben, obwohl sie ausreisepflichtig sind.
Der Sozialverband VdK und der Paritätische Wohlfahrtsverband haben wiederholt gefordert, dass die Rückkehrberatung ausgebaut wird, statt den Druck über Leistungskürzungen zu erhöhen. Gut ausgebaute Rückkehrberatung erhöhe nachweislich die Bereitschaft zur freiwilligen Ausreise, ohne die Situation für Menschen ohne Bleibeperspektive weiter zu verschlechtern.
Das nächste BAMF-Halbjahresgespräch im Herbst
Die vollständigen Rückkehr- und Abschiebezahlen für das erste Halbjahr 2026 werden im Herbst als Teil des BAMF-Migrationsberichts veröffentlicht. Bis dahin ist die politische Deutungshoheit klar verteilt: Die Bundesregierung sieht in den 9.276 Rückkehrern einen Beleg für den Erfolg der Migrationswende. Sozialverbände wie Pro Asyl und der Paritätische sehen in derselben Zahl das Ergebnis eines Systems, das Druck erzeugt ohne Perspektiven anzubieten.
Beide Lesarten stimmen teilweise. Die Rückkehrzahlen steigen. Die Bedingungen für Menschen ohne Bleibeperspektive werden schlechter. Ob das politisch gewollt ist oder nur ein Nebeneffekt der Migrationswende, ist die eigentliche politische Frage hinter der Zahl 9.276.
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