Mexiko startet kostenloses Gesundheitssystem für alle
Wer in Mexiko krank wird und keine Krankenversicherung hat, steht vor einer simplen Wahl: selbst zahlen oder auf Behandlung verzichten. 44,5 Millionen Menschen, rund 34 Prozent der Bevölkerung, haben bisher keinerlei Schutz. Präsidentin Claudia Sheinbaum hat im April 2026 das Dekret für ein universelles Gesundheitssystem unterzeichnet, das diesen Zustand beenden soll.
Was ist das Servicio Universal de Salud?
Mexiko betreibt seit Jahrzehnten drei parallele Gesundheitssysteme, die kaum miteinander kommunizieren. Das IMSS (Instituto Mexicano del Seguro Social) versorgt Beschäftigte im Privatsektor. Das ISSSTE (Instituto de Seguridad y Servicios Sociales de los Trabajadores del Estado) ist für Staatsbedienstete zuständig. Das IMSS-Bienestar kümmert sich um Beschäftigte im informellen Sektor und Unversicherte. Wer als Patient in eine Einrichtung des falschen Systems kommt, wird oft abgewiesen oder muss den vollen Preis zahlen.

Der Servicio Universal de Salud integriert alle drei in ein koordiniertes Netzwerk. Ab dem 1. Januar 2027 sollen Notfallversorgung, Schwangerschaftsbetreuung sowie Behandlungen bei Herzinfarkten und Schlaganfällen in jeder mexikanischen Einrichtung für jeden Patienten kostenlos sein, unabhängig von seiner früheren Versicherung. Bis 2030 ist der vollständige Systemwechsel geplant. Jeder registrierte Bürger erhält die Credencial del Servicio Universal de Salud: eine digitale Gesundheitskarte mit zwei QR-Codes, Blutgruppe und Organspenderstatus.
Warum gab es das bisher nicht?
Die Antwort liegt zu einem erheblichen Teil in der Finanzierung. Mexiko gibt nach WHO-Angaben 2,6 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit aus. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens sechs Prozent, mehr als das Doppelte des mexikanischen Werts. Die drei bestehenden Systeme wuchsen über Jahrzehnte mit eigenen Budgets, eigenen Datenbanken und eigenen politischen Interessengruppen. Ihre Integration ist kein technisches Problem, sondern ein politisches.
Hinzu kommt die geografische Zersplitterung. Im ländlichen Raum Mexikos fehlen Ärzte, Medikamente und Infrastruktur. Wartezeiten von mehreren Monaten für Facharzttermine sind die Regel. Die digitale Gesundheitskarte des neuen Systems setzt Internetzugang voraus, den rund 20 Prozent der Bevölkerung nicht haben. Für diese Gruppen ist das neue System in der Praxis nicht universell.
Was das Dekret für 44 Millionen Unversicherte bedeutet
Die Registrierung startete am 13. April 2026 zunächst für Menschen ab 85 Jahren und läuft schrittweise durch alle Altersgruppen. Für die bislang Unversicherten ist das Potenzial groß: Wer bisher für eine Notaufnahme Hunderte Pesos selbst zahlen musste, kann ab 2027 zumindest für Notfälle und Schwangerschaft kostenfrei versorgt werden. Das betrifft besonders die rund 33 Millionen Beschäftigten im informellen Sektor: Straßenhändler, Wanderarbeiter, Haushaltshelfer.
Die Opposition meldet Zweifel an. Éctor Jaime Ramírez Barba von der oppositionellen PAN nannte die Infrastruktur unvorbereitet und den Zeitplan unrealistisch. Die Wirtschaftsanalystin Viri Ríos formulierte es kürzer: "Man kann universelle Gesundheitsversorgung nicht per Dekret einführen. Man muss sie aufbauen." Mexiko will in sieben Jahren schaffen, wofür andere Länder Jahrzehnte gebraucht haben.

Im Vergleich: Drei Länder haben es vorgemacht
Thailand führte 2002 das 30-Baht-Scheme ein, das jedem Bürger einen Arztbesuch für umgerechnet weniger als einen Euro ermöglicht. Innerhalb weniger Jahre sank der Anteil der Unversicherten von rund 30 Prozent auf unter drei Prozent. Ruanda erreichte durch die gemeinschaftsbasierte Krankenversicherung Mutuelle de Santé bis 2010 eine Abdeckung von über 90 Prozent, obwohl das Pro-Kopf-Einkommen einen Bruchteil des mexikanischen Niveaus beträgt. Costa Rica betreibt über die staatliche Caja Costarricense de Seguro Social seit 1941 ein universelles System, das die WHO als Modell für Entwicklungsländer zitiert.
Was alle drei verbindet: Sie wuchsen über Jahrzehnte mit stabiler politischer Unterstützung und ausreichender Finanzierung. Ein Dekret allein hat noch keines von ihnen geschaffen.
Drei Bedingungen, an denen das Programm hängt
Erstens: die Finanzierung. Ohne eine deutliche Erhöhung des Gesundheitsbudgets weit über die aktuellen 2,6 Prozent des BIP bleibt das System strukturell unterfinanziert. Internationale Erfahrungen zeigen, dass universelle Versorgung mindestens fünf bis sechs Prozent erfordert. Mexiko müsste sein Gesundheitsbudget mehr als verdoppeln.
Zweitens: der ländliche Zugang. Wer keine stabile Internetverbindung hat, kann sein Recht auf Behandlung nicht geltend machen. Ohne Offline-Alternativen schließt das neue System genau jene aus, denen es am meisten nützen würde.
Drittens: die institutionelle Integration. Drei Bürokratien mit eigenen IT-Systemen, Budgets und Hierarchien zusammenzuführen erfordert mehr als ein Dekret. Am 1. Januar 2027 beginnt die erste Belastungsprobe, wenn ein Patient zum ersten Mal in einer Einrichtung des früheren Konkurrenzsystems behandelt werden soll.
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