Gasspeicher bei 50 Prozent: Winter-Deadline gefährdet
Wirtschaft

Gasspeicher bei 50 Prozent: Winter-Deadline gefährdet

Die deutschen Gasspeicher standen Mitte August bei gut 50 Prozent, dem niedrigsten Stand für diese Jahreszeit seit Aufzeichnungsbeginn 2011. Das gesetzliche Ziel von 80 Prozent bis zum 1. November ist beim aktuellen Einlagerungstempo rechnerisch nicht zu erreichen. Hohe Gaspreise machen die Einlagerung unwirtschaftlich.

Quellen (12)
  1. n-tv: Gasspeicher müssen bald zu 70 Prozent voll seinn-tv.de
  2. VKU: Gasspeicherfüllstandsverordnungvku.de
  3. Cleanthinking: Gasspeicher Füllstand 2026cleanthinking.de
  4. Deutschlandfunk: Füllstände auf Rekordtief — BDEW warntdeutschlandfunk.de
  5. t-online: Ministerium räumt Gas-Probleme eint-online.de
  6. Stuttgarter Zeitung: Reicht 50 Prozent für den Winter?stuttgarter-zeitung.de
  7. c-ober: Gasspeicher Winterrisiko 2026/27c-ober.de
  8. t-online: Szenarien für den Wintert-online.de
  9. Bayerisches Wirtschaftsministerium: Aiwanger fordert Bund zum Handeln aufstmwi.bayern.de
  10. Bundesnetzagentur: Aktuelle Lage Gasversorgungbundesnetzagentur.de
  11. BDEW: Gasspeicherziel bis November erreichbar, aber engonvista.de
  12. ZEIT Online: Gasspeicher Füllstand November Energieverbandzeit.de
25. August 2026, 10:27 Uhr728 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Händler, die jetzt Erdgas einlagern, machen derzeit Verlust. Das ist der Kern des Problems: Wegen der Hormuskrise und gestiegener Lieferspannungen liegt der europäische TTF-Gaspreis rund 40 Prozent über dem Vorkriegsniveau und die sogenannte Sommerprämie ist negativ. Das bedeutet: Wintergas ist billiger als Sommergas, also lohnt das Einlagern jetzt wirtschaftlich nicht. Mit gut 50 Prozent Füllstand standen die deutschen Speicher Mitte August so leer wie noch nie zu dieser Jahreszeit seit Aufzeichnungsbeginn 2011. Im Vorjahr waren es zum gleichen Zeitpunkt 66,85 Prozent.

Was das Gesetz vorschreibt

Die Gasspeicherfüllstandsverordnung (GasSpFüllstV), die im Mai 2025 in Kraft trat, schreibt verbindliche Ziele vor: Kavernenspeicher und vier süddeutsche Porenspeicher müssen bis zum 1. November zu 80 Prozent gefüllt sein. Sechs weitere Porenspeicher haben eine niedrigere Pflicht von 45 Prozent. Als Blended-Zielwert für alle Speicher zusammen gilt damit ein Pegel von rund 70 bis 76 Prozent. Für die EU gilt zusätzlich ein flexibles Ziel von 83 Prozent für den Zeitraum Oktober bis Dezember.

Die Mathematik des Scheiterns

Das Problem lässt sich quantifizieren. Der tägliche Fortschritt bei der Einlagerung liegt laut Initiative Energien Speichern (INES) derzeit bei etwa 0,16 Prozentpunkten pro Tag. …wäre bei rund 68 verbleibenden Tagen eine Verdoppelung auf mindestens 0,34 Prozentpunkte pro Tag nötig. INES stuft das als unrealistisch ein. Realistisch seien maximal 60 Prozent zu Winterbeginn.

Der BDEW (Bundesverband Energie- und Wasserwirtschaft) warnt vor einer sich zuspitzenden Lage. Die Füllstände auf Rekordtief setzen die gesamte Energieversorgungsplanung unter Druck. Händler stehen vor dem Problem, dass der Markt sie derzeit in die entgegengesetzte Richtung zieht: Nicht einzulagern ist wirtschaftlich rationaler als einzulagern.

Was die Bundesregierung tut

…und öffentlich an Händler appelliert, trotz ungünstiger Preissituation einzulagern. Konkrete staatliche Maßnahmen blieben bisher aus. Die geplante strategische Gasreserve als Notfallpuffer wurde bereits zweimal verschoben: Der Aufbau beginnt erst 2027, nach dem Winter, für den sie gebraucht würde. Kosteneffizienz war das offizielle Argument. Die Projektkosten liegen bei rund 1,5 Milliarden Euro.

Das Ministerium hat intern eingeräumt, dass 60 bis 70 Prozent Speicherstand bei einem normalen Winter ausreichen könnten. Offiziell hält es an der 80-Prozent-Marke fest. Das ist politisch nachvollziehbar, ändert aber nichts daran, dass diese Marke beim aktuellen Tempo nicht erreicht wird.

Was ein harter Winter bedeuten würde

Bei einem normalen bis milden Temperaturverlauf würden 60 bis 70 Prozent Speicherstand für Deutschland ausreichen. Problematisch wird es bei einem Extremwinter: Modellrechnungen zeigen für ein Szenario wie 2009/10 monatliche Versorgungsdefizite von bis zu 9 TWh im Februar und März 2027. Zum Vergleich: Deutschland verbraucht im Februar typischerweise rund 60 TWh Gas. Ein solches Defizit wäre für Haushaltskunden spürbar, würde aber noch kein vollständiges Versorgungsversagen bedeuten.

Die Bundesnetzagentur bewertet das Risiko einer Versorgungsunterbrechung derzeit als gering. Sie betont aber, dass diese Einschätzung unter der Annahme eines durchschnittlichen Winters gilt. Für Verbraucher gilt vorerst Entwarnung, sofern kein ungewöhnlich kalter Winter kommt.

Bis der Markt dreht oder die Politik handelt

Es gibt einen Ausweg: Wenn die TTF-Preise bis September deutlich fallen oder die Sommerprämie wieder positiv wird, könnte die Einlagerungsrate steigen. Die Gaspreise hängen aber maßgeblich von der Entwicklung an der Straße von Hormus ab. Entspannung ist derzeit nicht absehbar.

Beobachter schließen nicht aus, dass die Bundesregierung im September eingreift, etwa durch befristete Einlagerungsanreize oder eine Verpflichtung staatlicher Energieunternehmen. Bis dahin läuft die Uhr: Bis zum 1. November bleiben noch gut zehn Wochen und beim aktuellen täglichen Fortschritt reicht die Zeit nicht aus.

Update 26. August, 13:05 Uhr: Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hat am 19. August Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche schriftlich aufgefordert, konkrete Gegenmaßnahmen vorzubereiten. „Wir dürfen beim Gas nicht sehenden Auges in eine Versorgungslücke laufen“, schrieb Aiwanger in einer Mitteilung des bayerischen Wirtschaftsministeriums. Bundesweit fehlten laut seiner Rechnung rund 50 Terawattstunden, um das Ziel von 70 Prozent bis November zu erreichen. An der Lage hat sich unterdessen kaum etwas verändert: Der Füllstand lag Stand 24. August bei rund 51 Prozent, ein Anstieg von weniger als einem Prozentpunkt seit Mitte August. Der TTF-Gaspreis notiert weiterhin bei rund 66 Euro pro Megawattstunde und macht wirtschaftliche Einlagerung unattraktiv.

Update 31. August, 07:11 Uhr: BDEW-Vorsitzende Kerstin Andreae hat sich öffentlich gegen Panik-Berichte gewandt: Das gesetzliche Ziel von 70 Prozent bis Anfang November sei noch erreichbar, „aber es wird eng“, sagte sie. Die interne Rechnung ist ernüchternd: Täglich müssten rund 670 Gigawattstunden eingespeichert werden, fast dreimal mehr als die derzeit tatsächlichen rund 425 Gigawattstunden pro Tag. Als Hauptursache nennt Andreae den Iran-Krieg, der die Gaspreise auf einem Niveau hält, das Einlagerungen wirtschaftlich unattraktiv macht. Ende August liegt der Gesamtfüllstand unverändert bei gut 51 Prozent.

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