Rehden fast leer: Gaspreise auf Dreijahreshoch
Wirtschaft

Rehden fast leer: Gaspreise auf Dreijahreshoch

Deutschlands größter Gasspeicher Rehden steht bei 8 Prozent Füllstand, einem Bruchteil des gesetzlichen November-Ziels von 45 Prozent. Die TTF-Gaspreise haben mit 74,43 Euro je Megawattstunde ein Dreijahreshoch erreicht, was Einlagerungen wirtschaftlich unrentabel macht. Sechs Wochen vor Ende der Einlagerungssaison bleibt Wirtschaftsministerin Reiche bei ihrer Linie: kein staatliches Eingreifen.

Quellen (8)
  1. t-online: Gaspreise auf Jahreshoch, Reiche gerät unter Druckt-online.de
  2. t-online Hannover: Rehden fast leerhannover.t-online.de
  3. Cleanthinking: Gasspeicher 2026 Analysecleanthinking.de
  4. Deutschlandfunk: Füllstände auf Rekordtiefdeutschlandfunk.de
  5. Heise: Gasspeicherverband warntheise.de
  6. ZEIT Online: Gasspeicher November-Zielzeit.de
  7. onvista: BDEW zum November-Zielonvista.de
  8. Energienotfall.de: Tagesaktueller Füllstandenergienotfall.de
4. September 2026, 4:12 Uhr793 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Im Januar 2026 schaffte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche die Gasspeicherumlage ab. Die Entlastung für Verbraucher und Unternehmen betrug nach Angaben der Bundesregierung mehr als drei Milliarden Euro jährlich. Das war das Argument. Acht Monate später kostet eine Megawattstunde TTF-Gas 74,43 Euro, ein Dreijahreshoch. Wer einlagert, macht Verlust. Rehden, Deutschlands größter Gasspeicher, steht bei 8 Prozent. Das gesetzliche November-Ziel: 45 Prozent. Rund acht Wochen sind noch Zeit.

Der Speicher, von dem alles abhängt

Rehden in Niedersachsen fasst 3,9 Milliarden Kubikmeter Arbeitsgas und stellt damit etwa ein Fünftel der gesamten deutschen Untergrundgasspeicherkapazität dar. Kein anderer Speicher im Land kommt auch nur annähernd an dieses Volumen heran. Wer die deutschen Gasspeicher verstehen will, muss Rehden verstehen.

Was in Rehden passiert, ist strukturell. Im November 2025 lag der Speicher bereits bei 25,4 Prozent statt der gesetzlich vorgeschriebenen 45 Prozent. Der kalte Februar 2026 leerte ihn weiter auf etwa 7 Prozent. Nach Marktdaten vom August steht er aktuell bei rund 8 Prozent. Der Sommer hat Rehden kaum befüllt.

Das Einspeichertempo liegt laut Daten des Gasspeicherverbands INES bei 0,16 Prozentpunkten täglich. Bis zum 1. November verbleiben etwa 58 Tage. Das rechnerische Maximum liegt bei einem Zuwachs von 9 Prozentpunkten, also auf rund 17 Prozent. Das November-Ziel von 45 Prozent für Rehden ist bei aktuellem Tempo physisch unerreichbar.

Warum der Markt nicht einlagert

Der Grund für das niedrige Tempo liegt in der Preisstruktur des Gasmarkts. Einlagern lohnt sich wirtschaftlich nur dann, wenn Gas im Sommer günstiger ist als im Winter. Händler kaufen billig ein, lagern ein, verkaufen teuer. Diese Kalkulation funktioniert gerade nicht.

Der TTF-Gaspreisindex hat in dieser Woche ein Dreijahreshoch erreicht. Die Beschaffungskosten liegen über den erwarteten Winterverkaufspreisen. Wer jetzt einlagert, kalkuliert Verlust ein. Wer Verluste nicht einkalkulieren will, lagert nicht ein.

Das war anders, als die Gasspeicherumlage noch existierte. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche schaffte sie zum 1. Januar 2026 ab. Sie vergütete Speicherbetreibern die Differenz zwischen Sommer- und Winterpreisen und machte Einlagerungen auch bei ungünstigen Marktbedingungen wirtschaftlich. Die Entlastung für Verbraucher und Unternehmen betrug rund 3 Milliarden Euro jährlich. Das war das Argument für die Abschaffung. Das Ergebnis ist jetzt: Der Markt entscheidet, nicht einzulagern. Und Reiche gerät nach Berichten von Marktteilnehmern und Verbraucherschützern unter Druck.

Zwei Verbände, zwei Signale

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) warnt ausdrücklich vor Panikstimmung. Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung, betont, das Gesamtziel von 70 Prozent für alle deutschen Gasspeicher sei zum 1. November noch erreichbar, wenn auch immer enger. Der BDEW lehnt staatliche Gaseinkäufe als potenzielle Preistreiber ab und setzt auf wirtschaftliche Anreize.

Der Gasspeicherverband INES sieht die Situation anders. Geschäftsführer Sebastian Heinermann bezeichnete den Gesamtstand von rund 51 Prozent als „mit Abstand den tiefsten Füllstand zu dieser Zeit, der seit Aufzeichnung der Speicherfüllstände in Deutschland aufgetreten ist“, also seit 2011. INES fordert wirtschaftliche Marktanreize oder staatliche Eingriffe.

Das benötigte Einspeichertempo für das 70-Prozent-Gesamtziel läge bei 0,34 Prozentpunkten täglich. Das aktuelle Tempo beträgt weniger als die Hälfte dieses Werts.

Was das für Haushalte bedeutet

Für Haushalte, die mit Gas heizen, ergeben sich zwei Konsequenzen.

Die erste betrifft den Preis. Versorger, die Erdgas für Haushaltskunden beschaffen, zahlen derzeit Großhandelspreise nahe dem Dreijahreshoch. Wer einen variablen Gastarif hat, muss im Herbst mit Aufschlägen rechnen. Verbraucherschutzorganisationen empfehlen, Tarifverträge zu prüfen und gegebenenfalls auf Festpreiskonditionen zu wechseln, solange das noch möglich ist.

Die zweite betrifft die Versorgungssicherheit bei extremen Temperaturen. Bei einem normalen Winter ist die Versorgung nach Einschätzung der Bundesnetzagentur stabil, auch bei unterdurchschnittlichem Füllstand. Bei einem kalten Winter, wie er statistisch alle zehn bis fünfzehn Jahre vorkommt, drohen laut INES monatliche Unterdeckungen von bis zu 9 Terawattstunden. Das würde keine flächendeckenden Haushaltsabschaltungen bedeuten, aber gezielte Drosselungen bei energieintensiven Industriebetrieben, also Stahlwerken, Chemieanlagen und Papierfabriken. Das sind die Betriebe, die als Erste vom Netz genommen werden.

1. November: Der Stichtag ohne Konsequenzen

Die Einlagerungssaison endet faktisch mit dem Oktober. Ab November steigt die Gasnachfrage mit fallenden Temperaturen und wirtschaftliches Einlagern wird noch unrentabler. Für Rehden und die deutschen Gasspeicher insgesamt bleiben sechs bis acht Wochen, um das Schlimmste abzuwenden.

Die geplante strategische Gasreserve der Bundesregierung kommt für diesen Winter zu spät. Der Aufbau ist frühestens für den Sommer 2027 vorgesehen. Die für Ende Juli angesetzte Verbändeanhörung zur Reservegestaltung fand nicht statt.

Am 1. November 2026 wird der Füllstand gesetzlich gemessen. Was dann unter den Vorgaben liegt, ist eine rechtliche Verfehlung. Aber das Energiewirtschaftsgesetz sieht keine direkten Sanktionen gegen private Händler vor, die ihre gebuchten Kapazitäten nicht nutzen. Die Gesetzlage ist eindeutig. Die Konsequenzen sind es nicht.

Korrektur 17. September, 19:39 Uhr: Vier Angaben berichtigt. Kerstin Andreaes Amtstitel beim BDEW lautet Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung. Bis zum Stichtag am 1. November bleiben rund acht Wochen, nicht sechs - der Artikel nannte an anderer Stelle selbst 58 Tage. Die Entlastung durch den Wegfall der Speicherumlage beziffert die Bundesregierung auf mehr als drei Milliarden Euro. Und die Arbeitsgas-Kapazität des Speichers Rehden beträgt 3,9 Milliarden Kubikmeter.

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