Iran beschießt US-Basen: Waffenruhe in Stücken
Sechs Tage nach dem Schweizer Rahmenabkommen liefern sich Iran und USA die schwerste Eskalation seit der Waffenruhe vom April: Irans Revolutionsgarden beschossen in der Nacht zum Sonntag US-Militärbasen in Kuwait und Bahrain mit ballistischen Raketen und Drohnen, nachdem Washington zuvor zehn iranische Militärziele angegriffen hatte. Außenminister Abbas Araghtschi kündigte derweil in Bagdad an, die Straße von Hormus solle binnen 30 Tagen wieder vollständig unter iranische Kontrolle gestellt werden. Trotz alledem erklärten beide Seiten, die Friedensgespräche würden wie vereinbart am Dienstag fortgesetzt.
Wie die Eskalation begann
Ausgangspunkt war Samstag, als Irans Revolutionsgarden (IRGC) eine Drohne auf den Tanker „Kiku“ unter panamaischer Flagge feuerten, der Rohöl für das staatliche katarische Energieunternehmen QatarEnergy transportierte. Die Vereinigten Staaten antworteten mit Luftschlägen des Central Command gegen zehn iranische Militärziele: Überwachungsinfrastruktur, Kommunikationssysteme, Luftabwehranlagen, Drohnendepots und Minelayerkapazitäten.
Darauf reagierten die Revolutionsgarden in der Nacht zum Sonntag zwischen zwei und drei Uhr Ortszeit. Zwei Ziele wurden beschossen: der US-Luftwaffenstützpunkt Ali Al-Salem im kuwaitischen Staatsgebiet und das Hauptquartier der 5. US-Marineflotte im Hafen von Port Salman in Bahrain. Die IRGC erklärte, sie habe „acht wichtige US-Militäranlagen“ zerstört. Das US-Verteidigungsministerium meldete keine Gefallenen und keine schwerwiegenden Sachschäden.
Bahrain bezeichnete die Angriffe als Verletzung seiner Souveränität und als Untergrabung der „Chancen auf Deeskalation und Stabilität in der Region“. Kuwait nannte die Raketenangriffe eine „flagrante Verletzung seiner Souveränität“. Beide Golfstaaten sind formell keine Kriegsparteien, beherbergen aber seit Jahrzehnten auf der Basis bilateraler Abkommen US-Militärpräsenzen. Dass Irans Raketen nun auch Staaten treffen, die am Konflikt unbeteiligt sind, markiert eine gefährliche Ausdehnung des Konflikts.
Der Schweizer Deal und seine sechs Tage
Was die Eskalation besonders gravierend macht: Am 22. Juni hatten die USA und der Iran am Bürgenstock in der Schweiz ein Rahmenabkommen unterzeichnet und erstmals seit Kriegsbeginn einen konkreten Fahrplan für ein Gesamtabkommen festgelegt. Die Vermittler Pakistan und Katar teilten damals mit, Ziel sei ein verbindliches Abkommen innerhalb von 60 Tagen. Das Memorandum sieht Arbeitsgruppen zu Irans Atomprogramm und zu westlichen Sanktionen vor sowie einen Mechanismus zur Streitbeilegung. Zentrales Element: Beide Seiten vereinbarten, die Straße von Hormus für mindestens 60 Tage gebührenfrei offenzuhalten.
Das Abkommen hatte erste Wirkung gezeigt. Brent-Rohöl war bis Freitagabend auf rund 72 Dollar pro Barrel gesunken, den niedrigsten Stand seit Kriegsbeginn Ende Februar. Der Persische Golf operierte nach Angaben von Branchenbeobachtern wieder bei rund 75 Prozent der Vorkriegskapazität. Saudi-Arabien begann, Tanker am Terminal Ras Tanura zu beladen. An den Märkten hatte sich Optimismus breitgemacht.
Sechs Tage später liegt das Abkommen unter schwerem Beschuss. Wer die Waffenruhe zuerst brach, ist Gegenstand gegenseitiger Schuldzuweisungen: Teheran verweist auf den US-Angriff auf seine Militäranlagen als Reaktion auf frühere US-Provokationen. Washington hält den IRGC-Angriff auf den Kiku-Tanker für den Auslöser. Dass die Eskalationskette so schnell in beide Richtungen lief, zeigt, wie fragil das Abkommen von Anfang an war.
Kämpfen und verhandeln mit denselben Händen
Dass beide Seiten trotz der gegenseitigen Angriffe an den Verhandlungen festhalten, ist kein Zufall, sondern Kalkül. Pakistan teilte mit, die Gespräche würden am Dienstag fortgesetzt. Die Trump-Regierung erklärte, es sei „nichts abgesagt worden“. Der Iran drohte zwischenzeitlich mit einem „vollständigen Abbruch“ der Verhandlungen, vollzog diesen Schritt aber nicht.
Für Washington wäre ein Iran-Deal außenpolitisch ein seltener Erfolg. Zudem würde das Absacken der Ölpreise, Brent bei 72 Dollar statt zeitweise über 130 Dollar zu Kriegsbeginn, wirtschaftspolitisch Entlastung bringen. Für Teheran stehen der Zugang zu eingefrorenen Vermögenswerten und Sanktionserleichterungen auf dem Spiel. Das Rahmenabkommen sieht im Erfolgsfall Wirtschaftsmittel im Umfang von 300 Milliarden Dollar vor.
Die gegenseitigen Angriffe folgen einer anderen Logik als die Diplomatie: Weder Iran noch USA können eine Verletzung ihrer Kerninteressen intern kommentarlos hinnehmen. Die IRGC schützt den iranischen Anspruch auf den Persischen Golf nicht mit Worten allein. Washington kann einen Tankerangriff auf eine verbündete Energielieferkette nicht unbeantwortet lassen. Beide Seiten agieren gleichzeitig innerhalb und außerhalb des Abkommens.
Araghtschi in Bagdad: Irans 30-Tage-Frist für Hormus
In Bagdad trat Außenminister Abbas Araghtschi am Sonntag vor die Presse und verkündete, die Straße von Hormus werde „innerhalb der kommenden 30 Tage vollständig unter die Verwaltung des Irans gestellt“. Durch die Meerenge fließt rund ein Fünftel des global gehandelten Rohöls. Die Erklärung steht im direkten Widerspruch zum Schweizer Memorandum, das Hormus für 60 Tage offenhält.
Araghtschi lobte gleichzeitig die Vermittlung durch Pakistan und Katar und sprach von „wesentlicher Vermittlung“ bei der Aufhebung von Ölsanktionen. Die Erklärung dürfte weniger als ernstgemeinte Ankündigung zu verstehen sein, sondern als Druckmittel: Teheran signalisiert, dass die Alternative zu einem umfassenden Abkommen eine Rückkehr zur iranischen Alleinherrschaft über den Seeweg ist.
Am Dienstag treffen sich technische Delegationen beider Seiten in der Schweiz. Ob die Angriffe der vergangenen 48 Stunden die Verhandlungsatmosphäre grundlegend vergiften werden, ist offen. Die bisherige Erfahrung legt nahe: Beide Seiten haben zu viel zu verlieren, um die Gespräche scheitern zu lassen.
Aktualisierungen
Update 29. Juni, 15:07 Uhr: Die für Dienstag geplanten technischen Gespräche finden in Doha statt, nicht in der Schweiz wie zunächst angekündigt. Axios und Radio Free Europe berichteten, ein US-Sicherheitsbeamter habe die Verlagerung nach Katar bestätigt. Thematisch rückt die Frage der Kontrolle über die Straße von Hormus in den Mittelpunkt: Das Bürgenstock-Memorandum hatte ursprünglich die Atomverhandlungen als zentrales Thema vorgesehen. Beide Seiten erklärten sich bereit, vorerst keine weiteren Angriffe zu führen.
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