Gaza: 1.005 Tote trotz Waffenstillstand
Im Oktober 2025 sollten täglich 600 Lastwagen humanitäre Güter über die Grenze bringen, israelische Kräfte sich schrittweise zurückziehen und die letzten Geiseln heimkehren. Tatsächlich wurden seitdem 1.005 Palästinenser bei israelischen Angriffen getötet, der Grenzübergang ist seit Februar 2026 geschlossen und das israelische Militär kontrolliert mehr als zwei Drittel des Gazastreifens. Den Waffenstillstand gibt es noch als formales Dokument.
Das Versprechen vom Oktober 2025
Das Abkommen vom 10. Oktober 2025, ausgehandelt von den USA, Katar und Ägypten, enthielt klare Zusagen: täglich 600 Lastwagen mit humanitären Gütern, ein schrittweiser Rückzug israelischer Kräfte auf weniger als die Hälfte des Gazastreifens und die Freilassung der verbliebenen Geiseln im Austausch gegen palästinensische Häftlinge. Phase eins sollte sechs Monate dauern und den Weg zu Phase zwei bereiten, die vollständige Beendigung des Konflikts einleiten sollte.
Die Bilanz nach acht Monaten ist ernüchternd. Die Hilfslieferungen lagen von Beginn an weit unter dem Vereinbarten: Im ersten Monat kamen laut UN-Angaben durchschnittlich 145 Lastwagen pro Tag über die Grenze statt der vereinbarten 600. Im Gesamtzeitraum Oktober 2025 bis April 2026 passierten 41.714 Lastwagen die Grenze, von den vereinbarten 110.400 - 37,8 Prozent. Ende Februar 2026 schloss Israel alle Grenzübergänge, als der regionale Konflikt eskalierte. Seitdem ist keine externe Hilfe mehr eingegangen. Das israelische Militär hat seinen Kontrollbereich nach OCHA-Berichten auf mehr als zwei Drittel des Gazastreifens ausgedehnt.
1.005 Tote in acht Monaten Waffenstillstand
Das Gazaner Gesundheitsministerium unterscheidet in seinen täglichen Berichten nicht zwischen Zivilisten und Kombattanten, ein struktureller Streitpunkt zwischen Israel und internationalen Organisationen. Die internationale Gemeinschaft stuft die Daten dennoch als zuverlässig ein: Das Ministerium wird von medizinischem Fachpersonal geführt und führt detaillierte Aufzeichnungen. NPR, die Washington Post und Al Jazeera berichteten am 17. und 18. Juni über den Meilenstein von 1.005 Getöteten seit dem 10. Oktober 2025.
Gesamtbild des Konflikts: Seit dem 7. Oktober 2023 wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums mehr als 73.000 Palästinenser getötet. PBS News bestätigte diesen Stand. Die UN-Hochkommissarin für humanitäre Angelegenheiten hat wiederholt darauf hingewiesen, dass diese Zahl unvollständig ist, weil unter den Trümmern zerstörter Gebäude noch ungezählte Leichen liegen.
UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk erklärte im April 2026, sechs Monate nach der Ankündigung des Waffenstillstands seien Palästinenser überall in Gaza nach wie vor unsicher. Die Konfliktverfolgungsdatenbank ACLED hat zwischen Oktober 2025 und Juni 2026 mehr als 3.200 israelische Verstöße gegen das Abkommen dokumentiert, darunter über tausend Schusswaffenangriffe auf Zivilisten und über tausend Bombenangriffe. Israel bezeichnet jeden Einsatz als Reaktion auf unmittelbare Bedrohungen durch Hamas-Kräfte.
Was die Kairoer Gespräche vom 7. Juni ergaben
Am 7. Juni 2026 traf sich in Kairo eine hochrangige Vermittlerrunde. Ägyptens Geheimdienstchef Hassan Rashad, der katarische Premierminister Mohammed bin Abdulrahman Al Thani und der türkische Geheimdienstchef İbrahim Kalın nahmen teil, dazu Vertreter mehrerer palästinensischer Fraktionen. Israel nahm nicht teil.
Ein Durchbruch wurde nicht erzielt. Die Mediatorenrunde erklärte, sie wolle das bestehende Ceasefire-Gerüst erhalten und eine weitere Eskalation verhindern. Das israelische Militär hat erklärt, die sogenannte Gelbe Linie - die ursprüngliche Trennlinie zwischen den Kontrollzonen - nicht aufzugeben. UN-Sicherheitsratsberichterstatter schrieben im April 2026, eine Rückkehr zu den Originalparametern des Abkommens sei faktisch ausgeschlossen. Die erste israelische Militärbasis in Khan Yunis, die nach Oktober 2025 auf einem früheren Friedhof errichtet wurde, ist eines von 40 Militärposten, die Satellitenbilder im Gazastreifen dokumentieren.
Drei offene Forderungen blockieren Phase 2
Phase 2 wurde im Januar 2026 von US-Unterhändlern offiziell als begonnen deklariert, ohne dass Israel oder Hamas ihr zugestimmt hatten. Drei grundlegende Streitpunkte sind seither ungelöst geblieben.
Die USA und Israel fordern die Entwaffnung der Hamas als Vorbedingung für den israelischen Rückzug. Hamas bezeichnet das als Kapitulationsforderung, die sie nicht akzeptieren kann, solange der Konflikt andauert.
Israel verlangt die Freilassung aller verbliebenen Geiseln vor einem vollständigen Truppenabzug. Hamas knüpft die Freilassung an einen dauerhaften Waffenstillstand und den vollständigen Abzug israelischer Kräfte.
Offen ist außerdem, wer Gaza nach einem möglichen Ende der Hamas-Herrschaft politisch kontrolliert. Die USA wollen die Palästinensische Autonomiebehörde stärken. Hamas bezeichnet das als eine von Israel diktierte Lösung, die sie nicht akzeptieren wird.
Für die mehr als zwei Millionen Bewohner des Gazastreifens, von denen 77 Prozent nach UN-Angaben als akut ernährungsunsicher gelten, bedeutet der Stillstand auf der diplomatischen Ebene: keine Verbesserung der humanitären Lage, keine Klarheit über die territoriale Eigenständigkeit und kein absehbares Ende des Konflikts.
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