PFAS im Trinkwasser: Wer zahlt für den Schaden?
Investigativ

PFAS im Trinkwasser: Wer zahlt für den Schaden?

Mehr als 1.500 Orte in Deutschland sind mit PFAS kontaminiert, das Grundwasser unter Rastatt und Ramstein seit Jahrzehnten verseucht. Seit Januar 2026 gibt es EU-Grenzwerte für Trinkwasser. Wer für Sanierungskosten von bis zu 17 Milliarden Euro pro Jahr aufkommt, regelt die Richtlinie nicht.

2. Juni 2026, 7:03 Uhr 1560 Wörter · 8 Min. Lesezeit

Unter dem Ortenaukreis in Baden-Württemberg liegen 490 Millionen Kubikmeter vergiftetes Grundwasser. Eine Menge, die Bevölkerung der Region mehr als drei Jahrzehnte lang hätte versorgen können. Die Quellen der Verseuchung sind dokumentiert: PFAS-haltiger Kompost aus der Papierindustrie, der auf landwirtschaftliche Flächen aufgebracht wurde, sickerte über Jahre ins Grundwasser. Die Stadtwerke Rastatt kämpfen seit 2012 mit den Folgen und investierten bis 2013 bereits 6,5 Millionen Euro in Wasseraufbereitung und Sofortmaßnahmen. Von den Herstellern der Chemikalien, die den Schaden verursacht haben, sind diese Kosten bis heute nicht vollständig erstattet worden.

Dieses Muster wiederholt sich an mehr als 1.500 Orten in Deutschland, dokumentiert durch das europaweite Forever Pollution Project, an dem unter anderem NDR, WDR und die Süddeutsche Zeitung beteiligt waren. Am 12. Januar 2026 traten erstmals EU-weite Grenzwerte für PFAS im Trinkwasser in Kraft. Eine Antwort auf die zentrale Frage enthält die neue Richtlinie nicht: Wer zahlt für den Schaden, den Jahrzehnte industrieller PFAS-Nutzung hinterlassen haben?

In jedem fünften Kind zu hoch: PFAS-Blutwerte in Deutschland

PFAS steht für perfluorierte und polyfluorierte Alkylverbindungen, eine Klasse von mehr als 12.000 Einzelstoffen, die seit den 1940er Jahren industriell hergestellt werden. Ihr entscheidendes Merkmal ist, dass sie sich in der Natur nicht zersetzen. Sonne, Bakterien und chemische Reaktionen können die starken Fluorkohlenstoffbindungen nicht aufbrechen. In Böden, Grundwasser und menschlichem Gewebe reichern die Stoffe sich über Jahrzehnte an.

Die Anwendungsfelder sind breit: als Fett- und Feuchtigkeitsbarriere in Lebensmittelverpackungen, als Imprägniermittel in Outdoortextilien, als Antihaftbeschichtung in Kochgeschirr und als Wirkstoff in Löschschäumen auf Flughäfen und Militärgeländen. Jede dieser Anwendungen trägt dazu bei, dass PFAS in die Umwelt gelangen.

Das Umweltbundesamt stellt fest, dass PFAS in nahezu jeder Blutprobe des Menschen nachweisbar sind. Bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland überschreiten die gemessenen Konzentrationen von PFOA und PFOS in einem erheblichen Teil der Bevölkerung die Bewertungswerte der Humanbiologischen Monitoring-Werte (HBM-I). Wissenschaftliche Studien verknüpfen erhöhte PFAS-Exposition mit Nierenkrebs, Hodenkrebs, Schilddrüsenerkrankungen und einer Schwächung des Immunsystems.

Das Forever Pollution Project dokumentierte 2023 mehr als 1.500 PFAS-kontaminierte Orte allein in Deutschland, darunter über 300 Hotspots mit Konzentrationen, die unmittelbare Gesundheitsrisiken erzeugen. Die überarbeitete EU-Trinkwasserrichtlinie, die seit dem 12. Januar 2026 gilt, schreibt erstmals verbindliche Grenzwerte vor: 0,1 Mikrogramm pro Liter als Summengrenzwert für 20 priorisierte PFAS-Verbindungen sowie 0,5 Mikrogramm pro Liter für die Gesamtsumme aller PFAS im Trinkwasser.

Rastatt und Ramstein: Wer die Rechnung bekommt

Der Fall Rastatt ist der bekannteste deutsche PFAS-Skandal und er zeigt das Problem strukturell. Ab den späten 1980er Jahren brachten Landwirte in der Rheinaue und im Ortenaukreis Kompost auf ihre Felder auf, der aus der Papierindustrie stammte und PFAS enthielt. Das Grundwasser der Region verseuchte sich schleichend. 2012 wurden die Ausmaße erstmals öffentlich bekannt.

Berechnungen des Technologiezentrums Wasser (TZW) in Karlsruhe beziffern das kontaminierte Grundwasservolumen heute auf 490 Millionen Kubikmeter in einem Gebiet von 127 Quadratkilometern. Die Stadtwerke Rastatt hatten nach eigenen Angaben bis 2013 bereits 6,5 Millionen Euro für Aufbereitung und Sofortmaßnahmen aufgewendet. Die juristischen Auseinandersetzungen um Schadensersatz dauern an.

Rund 450 Kilometer entfernt, in der Pfalz, dokumentieren vertrauliche US-Militärdokumente ein noch extremeres Ausmaß. Vertrauliche Unterlagen, die der Organisation World Beyond War vorlagen, zeigen Grundwasserwerte nahe dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein von 264 Mikrogramm pro Liter. Das ist das 2.640-fache des neuen EU-Grenzwerts von 0,1 Mikrogramm. Im Glan, dem Fluss unterhalb der Mohrbach-Einmündung rund elf Kilometer von Ramstein entfernt, lagen die Messwerte beim 538-fachen des EU-Sicherheitsschwellenwerts.

Löschschäume mit PFAS-Anteilen, die jahrzehntelang bei Militärübungen eingesetzt wurden, sind die Hauptursache für die Kontamination rund um Militärgelände weltweit. Auch die Bundeswehr kämpft an eigenen Liegenschaften mit vergleichbaren Verseuchungen. Die Sanierungskosten tragen in diesen Fällen öffentliche Haushalte.

Das Prinzip, das hier verletzt wird, ist im deutschen Umweltrecht klar formuliert: Wer Schäden verursacht, muss für ihre Beseitigung aufkommen. In der PFAS-Praxis greift dieses Prinzip nicht. Hersteller der Chemikalien stehen an der Quelle der Produktion, aber die dezentrale Verteilung der Schäden über Jahrzehnte und zahlreiche Zwischenstufen macht direkte Kausalketten juristisch kaum nachweisbar. Komposthersteller, Landwirte, Verarbeiter und Hersteller sind jeweils nur ein Glied in einer langen Kette.

Die Lobbyschlacht, die ein Verbot verhinderte

Dass PFAS nicht bereits EU-weit verboten sind, ist das Ergebnis einer gezielten Lobbykampagne. Im Januar 2023 reichten Dänemark, Deutschland, die Niederlande, Schweden und Norwegen bei der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) einen Vorschlag für ein umfassendes PFAS-Verbot ein. Es wäre das weitreichendste Chemikalienregulierungsvorhaben in der Geschichte der EU gewesen. Bis zum Ende der Konsultationsfrist im September 2023 gingen bei der ECHA über 5.600 Kommentare ein.

Was dann geschah, untersuchte CORRECTIV in der am 25. Februar 2026 veröffentlichten Recherche „Der Pakt mit der Chemiebranche“. Demnach verdoppelte Chemours, einer der weltgrößten PFAS-Hersteller, sein deklariertes EU-Lobbybudget. Unter den führenden PFAS-Produzenten stiegen die deklarierten Ausgaben für Brüsseler Lobbyarbeit im Schnitt um 34 Prozent. Die Industrie präsentierte in Brüssel Szenarien wirtschaftlicher Katastrophen, warnte vor Produktionsverlagerungen und bestritt den wissenschaftlichen Konsens zu Gesundheitsrisiken.

Der Deutsche Naturschutzring (DNR) bezeichnete das als Strategie, Profit vor Gesundheit und Umweltschutz zu stellen. Der Verband kritisiert, dass die Industrie über Lobbyarbeit mitbestimmte, welche Anwendungen als kritisch und damit als verbotsausgenommen klassifiziert wurden. Die taz und der Informationsdienst ChemTrust dokumentierten zudem, wie der Verband der Chemischen Industrie (VCI) von NGOs wegen seiner PFAS-Lobbyarbeit öffentlich kritisiert wurde.

Das Ergebnis der Kampagne: Das ursprünglich geplante umfassende PFAS-Verbot verwässerte sich in den Brüsseler Verhandlungen zu einem Vorschlag mit zahlreichen Ausnahmen. Die ECHA veröffentlichte einen überarbeiteten Verbotsvorschlag, der erheblich weniger weitreichend ist als der ursprüngliche von 2023. Wann er beschlossen wird, ist weiterhin offen.

Am 24. Januar 2025 übergab der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) 56.000 Unterschriften an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, verbunden mit der Forderung nach einem sofortigen EU-weiten PFAS-Verbot. Lauterbach nahm die Petition an. Konkrete gesetzgeberische Konsequenzen auf Bundesebene blieben aus.

Skandinavien zeigt: Strengere Grenzwerte sind möglich

Wie viel schärfer PFAS-Grenzwerte ausgestaltet werden können, demonstrieren Schweden und Dänemark. Während die EU-Richtlinie seit Januar 2026 einen Summengrenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für 20 ausgewählte PFAS vorschreibt, gilt in Schweden für vier der gefährlichsten Verbindungen, nämlich PFOA, PFOS, PFNA und PFHxS, ein Grenzwert von 4 Nanogramm pro Liter. Das ist ein 25-mal strengerer Maßstab. Dänemark liegt noch schärfer: 2 Nanogramm pro Liter für dieselbe Gruppe.

Die skandinavischen Grenzwerte sind keine theoretischen Ziele. Dänemark und Schweden setzen sie mit entsprechenden Investitionen in die Wasseraufbereitung um. Wasserwerke, die Werte nicht einhalten können, müssen Brunnenstandorte wechseln oder in Filtertechnologien investieren.

Der Vergleich zeigt: Die EU-Grenzwerte vom Januar 2026 sind ein Fortschritt gegenüber dem bisherigen regulatorischen Nichts. Technisch sind Gesellschaften aber in der Lage, PFAS-Belastungen erheblich weiter zu reduzieren. Der Abstand zwischen Skandinavien und der EU-Norm beträgt den Faktor 25. Dieser Abstand hat weniger mit technischer Machbarkeit zu tun als mit politischem Willen und dem Einfluss der Industrie auf den Regulierungsprozess.

Zwischen 800 Millionen und 17 Milliarden Euro ohne Haftungsrahmen

Das Forever Pollution Project berechnete für Deutschland konservative Sanierungskosten von 800 Millionen Euro pro Jahr für bestehende Kontaminationen. Der Deutsche Naturschutzring beziffert die Gesamtkosten unter Einbeziehung zukünftiger PFAS-Einträge auf bis zu 17 Milliarden Euro jährlich.

Diese Spanne ist real: Sie hängt davon ab, ob PFAS-Einträge künftig gestoppt werden. Ohne ein umfassendes Herstellungsverbot und Anwendungsverbot kommen kontinuierlich neue Einträge hinzu, neue Flächen werden kontaminiert und neue Sanierungsprojekte notwendig. Die Kosten wachsen.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat gemeinsam mit BUND und DNR wiederholt darauf hingewiesen, dass Hersteller die Kosten tragen müssen, nicht Kommunen und Verbraucher. Die neue EU-Trinkwasserrichtlinie enthält jedoch keinen Haftungsrahmen. Wasserversorger sind verpflichtet, die neuen Grenzwerte einzuhalten. Die Investitionskosten für Aufbereitungsanlagen tragen sie selbst und reichen diese über Wassergebühren an die Verbraucher weiter.

Ein EU-weiter PFAS-Haftungsfonds, wie ihn DNR und BDEW fordern, existiert nicht. Individuelle Klagen gegen Hersteller sind möglich. Australien klagte 2025 gegen 3M wegen PFAS-Schäden. Die US-amerikanischen DuPont-Verfahren aus den frühen 2000er Jahren endeten mit einem Vergleich über 107 Millionen Dollar. Für deutsche Kommunen bedeuten solche Klagen aber Jahre kostspieliger Rechtsstreitigkeiten, die angesichts dezentraler Schadensketten schwer zu gewinnen sind. Rastatt wartet seit 2012 auf vollständige Erstattung.

Der Herbst 2026 bringt erste Verbote, aber keine Haftungsregel

Ab dem 11. Oktober 2026 gilt in der EU ein Verbot von PFAS in Lebensmittelverpackungen aus Papier und Karton, eine Einzelregelung, die seit September 2024 feststeht. Für Textilien, Kosmetika und industrielle Prozesse laufen Übergangsfristen. Das umfassende PFAS-Verbot, das die fünf Länder 2023 beantragt hatten, ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Die ECHA wird ihren überarbeiteten Vorschlag weiter beraten.

Was fehlt, ist eine Haftungsregelung, die parallel zu den Grenzwerten träte: ein rechtlicher Rahmen, der bestimmt, wer die Kosten für Sanierungen trägt, die aus vergangenen PFAS-Einträgen entstanden sind. Ohne diesen Rahmen bleibt das Verursacherprinzip Theorie. Kommunen und Wasserversorger finanzieren die Aufbereitung. Hersteller, die über Jahrzehnte von der Nutzung der Chemikalien profitiert haben, tragen kaum etwas bei.

Der BDEW hat das als strukturell unlösbar bezeichnet, solange Grenzwerte und Haftung nicht zusammengedacht werden. Rastatt hat das in der Praxis erfahren. Das Grundwasser unter dem Ortenaukreis ist weiterhin verseucht. 490 Millionen Kubikmeter.

Quellen (19)

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