Kindersterblichkeit auf historischem Tiefstand
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Kindersterblichkeit auf historischem Tiefstand

Jedes 27. Kind starb 2024 vor dem fünften Geburtstag: seit 1990 hat sich die globale Kindersterblichkeitsrate um 60 Prozent verringert. Was hinter dem größten humanitären Fortschritt der letzten 35 Jahre steckt und wo die Lücken bleiben.

1. Juli 2026, 17:06 Uhr 768 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wenn ein Kind im Jahr 1990 geboren wurde, starb weltweit eines von elf vor dem fünften Geburtstag. Heute stirbt eines von 27. Die globale Sterblichkeitsrate für Kinder unter fünf Jahren sank von 93,5 Todesfällen pro 1.000 Lebendgeburten im Jahr 1990 auf 37,4 im Jahr 2024: ein Rückgang von 60 Prozent. Der UNICEF-Bericht "Levels and Trends in Child Mortality 2025", im März 2026 gemeinsam mit der WHO veröffentlicht, dokumentiert damit einen der größten humanitären Fortschritte der Nachkriegsgeschichte.

Was die 60 Prozent bedeuten

In absoluten Zahlen starben 1990 rund 12,7 Millionen Kinder unter fünf Jahren weltweit. 2024 waren es 4,9 Millionen. Das sind 7,8 Millionen weniger Tode im Jahr als vor 35 Jahren: eine Zahl, die etwa 36-mal der Einwohnerzahl Bremens entspricht.

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Der Rückgang erfasst alle Weltregionen. In Subsahara-Afrika sank die Sterblichkeitsrate seit 1990 um fast 70 Prozent, in Südasien um 75 Prozent. Das sind jene beiden Regionen, in denen 2024 noch 85 Prozent aller unter fünfjährigen Kinder weltweit starben: Sie haben also von den globalen Fortschritten besonders profitiert und verzeichnen trotzdem das höchste absolute Niveau.

Allerdings nimmt die Geschwindigkeit des Fortschritts ab. Zwischen 2000 und 2015 sank die Rate jährlich um 3,9 Prozent. Zwischen 2015 und 2024 betrug die jährliche Reduktion nur noch 1,5 Prozent. Als Ursachen nennt der UNICEF-Bericht humanitäre Krisen, Klimaextreme und schrumpfende internationale Gesundheitsbudgets.

Wie das gelang: Impfungen, Geburtshilfe, Ernährung

Die vier Hauptursachen für Kindstod unter fünf Jahren sind laut WHO Frühgeburtskomplikationen, Lungenentzündung, Durchfall und Malaria: Alle vier sind vermeidbar oder behandelbar.

Der stärkste Hebel waren Impfkampagnen. Der Anteil von Infektionskrankheiten an allen unter-5-Todesfällen sank von 58 Prozent im Jahr 2000 auf 43 Prozent 2024. Masern töteten im Jahr 2000 noch rund 550.000 Kinder jährlich; 2022 waren es 136.000, eine Reduktion von 75 Prozent durch flächendeckende Impfprogramme. Die Einführung des Rotavirus-Impfstoffs in nationalen Impfplänen ab 2009 halbierte in mehreren Ländern die schweren Durchfallerkrankungen bei Kleinkindern. Pneumokokken-Impfstoffe senkten die Sterblichkeit durch bakterielle Lungenentzündung in vergleichbarer Größenordnung.

Zweiter Hebel: Verbesserung der Müttergesundheit. 2,3 Millionen der 4,9 Millionen unter-5-Tode im Jahr 2024 entfielen auf Neugeborene in den ersten vier Lebenswochen. Geübte Geburtshelfer, Neugeborenenversorgung und pränatale Versorgung retten in dieser Gruppe Leben direkt: Keine Technologie, keine Impfung, nur ausgebildetes medizinisches Personal.

Wo die Lücken bleiben

Malaria ist weiterhin der größte Einzelkiller unter fünfjähriger Kinder und verursacht 17 Prozent aller unter-5-Tode weltweit. Fast alle diese Todesfälle ereignen sich in Subsahara-Afrika, wo Kindermalaria besonders tödlich verläuft und Gesundheitssysteme am schwächsten sind.

Die Subsahara-Region trägt 58 Prozent aller unter-5-Tode, obwohl sie rund 15 Prozent der Weltbevölkerung stellt. Das liegt nicht an fehlenden medizinischen Möglichkeiten, sondern an strukturellen Problemen: chronische Unterfinanzierung, bewaffnete Konflikte und Klimaextreme, die Gesundheitssysteme immer wieder zurückwerfen.

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Was Pocken und Polio zeigen: Koordination schlägt Individualstrategie

Kindersterblichkeit sank am stärksten dort, wo verschiedene Maßnahmen gleichzeitig griffen. Das zeigt auch der Blick auf einzelne Krankheiten.

Pocken sind die einzige menschliche Infektionskrankheit, die je vollständig ausgerottet wurde. 1967 registrierte die WHO noch zehn bis 15 Millionen Pockenfälle weltweit. Am 8. Mai 1980 erklärte die Weltgesundheitsversammlung sie für ausgerottet, nach 13 Jahren globaler Impfkampagne. Das Virus hatte im 20. Jahrhundert schätzungsweise 300 Millionen Menschen getötet.

Polio zeigt, wie weit Koordination führen kann. 1988 verzeichnete die WHO noch rund 350.000 neue Poliofälle jährlich in 125 Ländern. 2024 gab es unter 200 Fälle, in nur noch zwei endemischen Ländern. Der Rückgang um mehr als 99 Prozent gelang durch das globale Polioausrottungsprogramm GPEI, finanziert von WHO, UNICEF und Rotary International und war wesentlich auf Kinderimpfungen gestützt.

Das gemeinsame Muster: Keiner dieser Erfolge entstand spontan. Alle erforderten Jahrzehnte internationaler Koordination, verlässliche Finanzierung und den politischen Willen, Impfstoffe in die ärmsten Regionen zu bringen.

Wenn der Fortschritt weiterläuft: Kurs auf das SDG-Ziel

Das Nachhaltige Entwicklungsziel 3.2 der Vereinten Nationen lautet: die unter-5-Sterblichkeitsrate bis 2030 auf 25 pro 1.000 Lebendgeburten senken. Aktuell liegt sie bei 37,4. Wenn die jährliche Reduktion von 1,5 Prozent unverändert weiterläuft, wird die Rate 2030 bei rund 34 pro 1.000 liegen. Laut UNICEF werden damit rund 60 Länder das SDG-Ziel verfehlen, die meisten in Subsahara-Afrika.

Was den Unterschied machen könnte: Der Malariaimpfstoff RTS,S läuft seit 2024 in 17 afrikanischen Ländern als Teil regulärer Kinderschutzprogramme, der WHO zufolge der erste jemals zugelassene Impfstoff gegen eine Parasitenkrankheit. Ein zweiter Kandidat, R21, zeigte in frühen klinischen Studien eine Wirksamkeit von über 75 Prozent. Wenn Malariaimpfungen die Kindersterblichkeit in Subsahara-Afrika so weit senken wie andere Impfstoffe anderswo, wäre das SDG-Ziel 2030 für deutlich mehr Länder erreichbar als aktuelle Projektionen zeigen.

Was das verhindert, ist nicht mangelndes medizinisches Wissen: Es sind sinkende internationale Budgets für die Impfallianz GAVI und den Globalen Gesundheitsfonds, in einem Moment, in dem die letzten Prozentpunkte am schwierigsten und teuersten zu gewinnen sind.

Quellen (8)

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