Erstmals 10 Billionen: Grüne Wirtschaft drittgrößte Branche
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Erstmals 10 Billionen: Grüne Wirtschaft drittgrößte Branche

Seit 2008 schlagen grüne Unternehmen den globalen Aktienmarkt um sechs Prozentpunkte jährlich. Im Juni 2026 überschreitet die Grüne Wirtschaft erstmals zehn Billionen Dollar Marktkapitalisierung.

28. Juni 2026, 17:04 Uhr 723 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Die Londoner Börsengruppe LSEG hat im Juni 2026 erstmals eine Marktkapitalisierung von über 10 Billionen Dollar für die Grüne Wirtschaft dokumentiert: Unternehmen, die mehr als ein Fünftel ihres Umsatzes mit Umweltlösungen erzielen, sind zusammengerechnet 9,9 Prozent aller weltweit notierten Aktien wert. Würden diese Firmen eine eigenständige Industrie bilden, wäre sie nach Technologie und Industriegütern die drittgrößte der Welt. Was als Nischensegment begann, ist in 18 Jahren zu einem Billionenmarkt geworden.

Was die Grüne Wirtschaft ist und was nicht

Für seinen Bericht "Investing in the Green Economy 2026: Resilience and Reacceleration" analysierte LSEG 21.000 Unternehmen weltweit und ermittelte den Anteil ihres Umsatzes, der aus Umweltlösungen stammt. Als Grüne Wirtschaft gelten Firmen, bei denen dieser Anteil über 20 Prozent liegt. Einbezogen werden Unternehmen aus erneuerbaren Energien, Energieeffizienz, sauberem Wasser, nachhaltiger Landwirtschaft und grüner Infrastruktur. Die Kategorie schließt also nicht nur reine Solarkonzerne oder Windanlagenbauer ein, sondern auch Ingenieurbüros, Wasseraufbereiter und Bahnbetreiber, sofern deren Geschäftsmodell überwiegend auf Umweltlösungen basiert.

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Was die 10-Billionen-Dollar-Zahl nicht erfasst: Unternehmen unter der 20-Prozent-Schwelle und Aktivitäten, die nur am Rand mit Umweltschutz verbunden sind. Die Marktkapitalisierung der globalen grünen Anleihen kommt noch hinzu: Der ausstehende Bestand an grünen Bonds erreichte im ersten Quartal 2026 laut LSEG 3,3 Billionen Dollar.

Warum 2025 ein Wendejahr war

Die grünen Umsätze wuchsen 2025 um 5,3 Prozent auf 5,5 Billionen Dollar, das stärkste Wachstum seit 2022. Zwei Treiber nennt LSEG: Erstens stieg der Druck auf Unternehmen, ihre Energieversorgung zu sichern, nachdem der russische Angriff auf die Ukraine 2022 die Abhängigkeit von fossilen Importen als strukturelles Risiko offengelegt hatte. Zweitens trieb die beschleunigte Elektrifizierung von Industrie und Mobilität die Nachfrage nach Netzinfrastruktur, Batterietechnologie und erneuerbarer Erzeugung.

Geografisch zeigt sich dabei ein bemerkenswertes Auseinanderklaffen: Die USA dominieren mit 57 Prozent, also rund sechs Billionen Dollar, die Marktkapitalisierung der Grünen Wirtschaft. Asien hingegen führt bei den tatsächlichen Umsätzen: 47 Prozent aller globalen grünen Einnahmen werden von asiatischen Unternehmen erwirtschaftet, angeführt von China mit 41 Prozent der regionalen grünen Umsätze, gefolgt von Japan mit 28 Prozent, Hongkong mit 10 Prozent und Südkorea mit 6 Prozent. Die Produktions- und Infrastrukturkapazitäten hinter der Grünen Wirtschaft sind in Asien größer als ihr Börsenwert vermuten lässt.

Im Vergleich: Wie groß das wirklich ist

Im Februar 2022 zählte der FTSE Environmental Opportunities Index, der Unternehmen mit signifikantem Grünanteil bündelt, noch 612 Mitglieder. Im April 2026 waren es 1.208, fast eine Verdopplung in vier Jahren. Das zeigt nicht nur Wachstum bei einzelnen Firmen, sondern eine strukturelle Verbreiterung der Grünen Wirtschaft in die Breite des Marktes.

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Für Anleger hat sich die Ausrichtung auf grüne Unternehmen langfristig bewährt: Seit 2008 erzielt die Grüne Wirtschaft laut LSEG eine jährliche Rendite von 18 Prozent, der globale Aktienmarkt im gleichen Zeitraum 12 Prozent. Im vergangenen Jahr von Mai 2025 bis April 2026 übertraf der FTSE Environmental Opportunities All Share Index den FTSE Global All Cap um 12,4 Prozent. Auf dem Anleihenmarkt wurden 2025 grüne Bonds im Wert von 605 Milliarden Dollar neu ausgegeben, ein Plus von 5,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Besonders aktiver Sektor bei grünen Übernahmen ist die Energieversorgung: 71 Prozent aller Deals im Versorgungsbereich betrafen grüne Unternehmen. Der durchschnittliche grüne Übernahmedeal ist mit 257 Millionen Dollar 71 Prozent größer als ein typischer nicht-grüner Deal (150 Millionen Dollar). Insgesamt wurden in den vergangenen zehn Jahren 4,1 Billionen Dollar in grünen Übernahmen bewegt, 13,4 Prozent des gesamten globalen Fusionsvolumens.

Bei 13 Prozent Wachstum: Was 2030 möglich ist

Von 2023 bis 2026 wuchs die Grüne Wirtschaft laut LSEG um durchschnittlich 13 Prozent jährlich. Hält dieses Tempo an, läge die Marktkapitalisierung bis 2030 bei rund 16 bis 17 Billionen Dollar. LSEG sieht die strukturellen Treiber als robust an: Energiesicherheit, Elektrifizierung und Industriewettbewerb treiben die Nachfrage unabhängig von Regierungsprogrammen.

Kritisch zu beachten: Der US-amerikanische Rückzug von Klimazielen unter der Trump-Administration hat die Unsicherheit für grüne Investitionen erhöht. Gleichzeitig zeigt die Datenlage laut LSEG, dass die Überrendite grüner Unternehmen vor allem auf strukturelle Nachfrage zurückzuführen ist, nicht auf politische Förderung allein. Der Versorgungssektor, das Rückgrat der Grünen Wirtschaft aus Strom- und Wassernetzen, ist kapitalintensiv, langlebig und weniger von kurzfristigen Politikwechseln abhängig als etwa Förderungsprogramme für Elektrofahrzeuge. Was Anleger, Konzerne und Regierungen nun entscheidet: ob die 13 Prozent Wachstum der vergangenen drei Jahre strukturell sind oder teilweise von günstigen Zinserwartungen getragen wurden. LSEG setzt auf Ersteres. Die nächste wichtige Messung kommt mit dem LSEG-Bericht für 2027, der zeigen wird, ob das Wachstum auch unter veränderten Zinserwartungen und geopolitischen Bedingungen stabil bleibt.

Quellen (8)

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