H5N1 im Kuheuter: Warum Milch zur Virusfalle wird
Wissenschaftler haben erklärt, warum H5N1 in Kuhmilch so effizient repliziert: Die Drüsenzellen des Eutergewebes tragen hochkonzentrierte α2,3-Sialinsäure-Rezeptoren, genau jene Andockstellen, die Vogelgrippeviren bevorzugt nutzen. Im Atemwegsgewebe von Rindern hingegen finden sich diese Rezeptoren kaum. Die im Juni 2026 in Science Advances sowie ergänzend in Science und Nature Medicine veröffentlichten Studien erklären damit nicht nur den seit 2024 anhaltenden Ausbruch unter US-amerikanischen Milchkühen, sondern zeigen auch, dass menschliches Mammargewebe ähnliche Rezeptoren trägt. Für die Pandemieforschung öffnet das einen neuen Prognosepfad.
Was die Euterdrüse von der Lunge unterscheidet
Influenzaviren brauchen Sialinsäure-Rezeptoren, um in Zellen einzudringen. Saisonale menschliche Grippeviren nutzen bevorzugt α2,6-Rezeptoren, die in den oberen Atemwegen häufig vorkommen. Vogelgrippeviren wie H5N1 bevorzugen α2,3-Rezeptoren, die in den Atemwegen der meisten Säugetiere selten sind. Das erklärt, warum H5N1 bis vor einigen Jahren schwer von Mensch zu Mensch übertragbar war: Der Mensch hatte schlicht kaum die richtigen Bindestellen in den Atemwegen.
Die neuen Studien zeigen, dass das Eutergewebe eine Ausnahme ist. In den Drüsenzellen der Kuh, aber auch in denen von Schweinen, Schafen, Ziegen und Menschen, finden sich α2,3-Rezeptoren in ungewöhnlich hoher Konzentration. H5N1 repliziert dort, wie die Forschenden schreiben, in sehr großen Mengen. Das erklärt, warum Kühe in US-amerikanischen Milchwirtschaftsbetrieben seit Anfang 2024 erkranken: nicht weil das Virus in die Lunge eindringt, sondern weil es im Euter ideale Replikationsbedingungen findet.
Vom Euter zum Menschen: Die Übertragungskette
Die Konzentration der Rezeptoren im Eutergewebe schafft einen multidirektionalen Übertragungshub. Neben den Kühen wurden in betroffenen US-Betrieben Katzen, Waschbären und Vögel mit H5N1 infiziert. Für den Menschen sind zwei Hauptexpositionswege relevant: der direkte Kontakt mit infizierter Milch oder mit dem Euter einer erkrankten Kuh sowie der Konsum von Rohmilch. Pasteurisierte Milch ist nicht betroffen, da der Erhitzungsprozess das Virus inaktiviert.
Seit dem US-Ausbruch 2024 haben sich mehrere Dutzend Menschen nachweislich mit H5N1 infiziert, fast alle durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren in Milchwirtschaftsbetrieben. Unter den gemeldeten Fällen wurde bislang ein Todesfall registriert: Im Januar 2025 starb in Louisiana ein über 65-jähriger Patient mit Vorerkrankungen, der Kontakt zu Geflügel und Wildvögeln hatte. Die Weltgesundheitsorganisation betont jedoch, dass die Dunkelziffer bei milden Verläufen unbekannt ist, weil asymptomatische Fälle selten getestet werden. Das erschwert eine zuverlässige Einschätzung des tatsächlichen Ausbruchsgeschehens.
Ein neues Werkzeug zur Pandemie-Vorhersage
Der wichtigste wissenschaftliche Beitrag der Studien ist nicht die Erklärung des laufenden Ausbruchs, sondern ein methodischer Durchbruch: Durch systematisches Kartieren der Sialinsäure-Rezeptoren in verschiedenen Geweben und Tierarten lässt sich vorhersagen, in welchen Wirten ein Vogelgrippestamm replizieren könnte, bevor ein Ausbruch stattfindet. Bisher wurde das erst nach einer Übertragung untersucht.
Forscher haben das Rezeptor-Mapping bereits auf menschliche Gewebeproben ausgeweitet. Das Ergebnis: Menschliche Mammardrüsen tragen α2,3-Rezeptoren in ähnlicher Dichte wie Kuheuter. Das erklärt nicht nur vergangene Infektionen bei Landwirtinnen und Landwirten, die direkten Kontakt mit Euter-Sekreten hatten, sondern definiert auch, welche Berufsgruppen bei einem künftigen H5N1-Stamm mit erhöhter Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch zuerst gefährdet wären. Beim H5N1-Ausbruch in kommerziellen Geflügelbetrieben, der 2024 auf Milchrinder übergriff, galt lange das Atemwegssystem als Hauptüberträger. Der neue Befund korrigiert dieses Bild grundlegend.
Impfstoff in Phase 3, FDA-Entscheidung ab 2027
Das Global Virus Network berichtete auf Basis der Phase-1/2-Daten, dass die Wirksamkeit nach zwei Dosen über 97 Prozent liege. Eine FDA-Zulassung wird für 2027 oder 2028 erwartet. Bis dahin existieren vorgelagerte Vorbereitungschargen, die im Pandemiefall schnell auf Massenproduktion hochgefahren werden könnten.
Der neue Erkenntnisstand über das Eutergewebe fließt laut Forschenden in die Impfstrategie ein: Wenn bestimmte Berufsgruppen ein erhöhtes Risiko über den Mammargewebe-Pfad tragen, sollten Priorisierungsempfehlungen für eine Impfkampagne entsprechend angepasst werden. Für die Pandemieprävention bedeuten die Studien außerdem, dass nicht nur Geflügelfarmen, sondern auch Milchwirtschaftsbetriebe systematisch in Überwachungsprogramme einbezogen werden müssen.
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