Arbeitgeber legen Tarifgespräche im Handel auf Eis
Wirtschaft

Arbeitgeber legen Tarifgespräche im Handel auf Eis

Die Arbeitgeber im deutschen Einzelhandel haben nach dem Scheitern der Verhandlungen in Baden-Württemberg alle Gesprächstermine bis Mitte August abgesagt. Hintergrund ist ein Streit darüber, ob der ver.di-Bundesvorstand eine regionale Einigung torpediert hat.

20. Juli 2026, 21:08 Uhr 757 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Drei Monate Warnstreiks, mehr als 25 Verhandlungsrunden in 16 Tarifgebieten, kein Abschluss. Im Tarifstreit des deutschen Einzelhandels und Großhandels hat sich in der zweiten Juliwoche eine neue Front aufgetan, die Situation weiter verhärtet: Nachdem Verhandlungen in Baden-Württemberg am 8. Juli gescheitert sind, haben Arbeitgeberverbände in Bayern, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Berlin-Brandenburg alle geplanten Gesprächstermine bis Mitte August abgesagt. ver.di kündigte umgehend weitere Warnstreiks an.

Drei Monate Stillstand für 5,2 Millionen Beschäftigte

Rund 5,2 Millionen Beschäftigte in etwa 450.000 Betrieben warten seit Mai auf einen neuen Tarifvertrag. Kassiererinnen, Lagerarbeiter und Verkäuferinnen verdienen nach WSI-Daten im Schnitt rund 2.300 Euro brutto monatlich. Die Inflation hat seit 2021 nach WSI-Berechnungen 8 bis 12 Prozent der realen Kaufkraft dieser Gruppe aufgezehrt.

ver.di-Vorsitzender Frank Werneke fordert eine tabellenwirksame Lohnerhöhung von 7 Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Tabellenwirksam bedeutet, dass die Erhöhung für alle Gehaltsgruppen greift und nicht nur auf die unteren Einkommen beschränkt bleibt. Der Handelsverband Deutschland (HDE) bietet eine sechsmonatige Nullrunde, dann 2 Prozent mehr ab November 2026 und weitere 1,5 Prozent ab August 2027 mit einer Gesamtlaufzeit von 24 Monaten. Das ergibt nominell 3,5 Prozent über zwei Jahre, also rund 1,75 Prozent jährlich. Diese Rate liegt unter der aktuellen Inflationsrate von 2,3 Prozent und würde für Beschäftigte im unteren Einkommensbereich eine weitere Reallohneinbuße bedeuten.

HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth argumentiert, der stationäre Einzelhandel verliere täglich Marktanteile an den Online-Handel. Nach HDE-Zahlen liegt der Anteil des E-Commerce am Gesamteinzelhandel inzwischen bei knapp 14 Prozent. Weitere starke Lohnsteigerungen könnten nach Genths Einschätzung Filialschließungen beschleunigen und Stellen kosten.

Das umstrittene Scheitern in Baden-Württemberg

Am 8. Juli 2026 trafen sich die Verhandlungsdelegationen in Sindelfingen zur dritten Verhandlungsrunde für Baden-Württemberg. Nach rund zwölf Stunden Gesprächen wurde kein Ergebnis erzielt. Über das Warum gehen die Darstellungen weit auseinander.

Die Arbeitgeberseite behauptet, die Handelsverbände hätten in Sindelfingen ein verbessertes Angebot vorgelegt und eine regionale Einigung sei zum Greifen nah gewesen. Dann habe der ver.di-Bundesvorstand eingegriffen und die lokalen Verhandlungsführer zurückgezogen. Eine Sprecherin der ver.di-Bundesebene wies das zurück: Es habe keinen entsprechenden Beschluss des Bundesvorstands gegeben.

Dieser Konflikt ist strukturell nicht überraschend. Tarifverhandlungen im deutschen Einzelhandel werden in 16 regionalen Tarifgebieten getrennt geführt, aber unter bundesweit koordinierter ver.di-Strategie. Arbeitgeberverbände argwöhnen regelmäßig, ver.di lasse regionale Abschlüsse scheitern, um eine Gesamtlösung zu erzwingen, die für die Gewerkschaft günstiger ausfällt. ver.di sieht das als legitime Koordination zwischen Bundesebene und regionalen Einheiten.

Absagen in vier Bundesländern als neue Eskalationsstufe

Die Eskalation folgte rasch auf das Sindelfinger Scheitern. Der Handelsverband Bayern (HBE) sagte die für den 20. Juli in München geplante dritte Verhandlungsrunde ab. Parallel dazu wurden Termine in Rheinland-Pfalz, dem Saarland und der gemeinsamen Tarifregion Berlin-Brandenburg gestrichen. Die Arbeitgeberverbände begründeten die Absagen als Protest gegen den angeblichen Eingriff des ver.di-Bundesvorstands in Sindelfingen.

ver.di-Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer, zuständig für den Handel, sprach von einem Skandal und kündigte an, der Arbeitskampf werde intensiviert. Stefan Genth hielt dagegen: Die Gewerkschaft müsse ernsthaft verhandeln wollen, statt Maximalforderungen in Stein zu hauen. Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi stellte sich hinter ver.di und warnte, Arbeitgeber gefährdeten die Kaufkraft der Beschäftigten, wenn sie Verhandlungen suspendierten, statt Kompromisse zu suchen.

Seit Mitte Juli 2026 existiert für mindestens vier der sechzehn Tarifregionen kein geplanter Gesprächstermin mehr. Arbeitgeberverbände begründen das mit dem angeblichen Eingriff des ver.di-Bundesvorstands. ver.di bezeichnet die Absagen als Boykott ohne sachliche Grundlage.

18. Juli: Warnstreik als Antwort auf die Absagen

ver.di antwortete auf die flächendeckenden Absagen mit einem bundesweiten Streiktag am 18. Juli 2026. Beschäftigte aus Lebensmittelketten, Baumärkten und dem Versandhandel streikten in allen großen Städten. Silke Zimmer erklärte vor Streikenden, die Absagen der Arbeitgeber seien kein Rückzug aus Erschöpfung, sondern eine Kampfansage. ver.di macht deutlich, dass Verhandlungen nur möglich seien, wenn beide Seiten am Tisch säßen.

Wer kehrt zuerst an den Verhandlungstisch zurück?

Ursprünglich war für den 25. und 26. August 2026 ein gemeinsamer Verhandlungstag für alle Tarifregionen geplant. Ob dieser nach den Absagen der letzten Wochen noch stattfindet, ist unklar. ver.di verknüpft die Wiederaufnahme mit der Bedingung, dass die Arbeitgeber die abgesagten Termine zurücknehmen. Die Arbeitgeberverbände fordern als Vorbedingung eine Distanzierung ver.dis von dem angeblichen Eingriff des Bundesvorstands in Baden-Württemberg.

Falls bis Ende August keine Einigung erzielt wird, hat ver.di-Vorsitzender Frank Werneke angekündigt, Warnstreiks ab September in mehrtägige Ausstandsaktionen zu verlängern. September und Oktober sind für den Einzelhandel besonders kritisch: In diesen Wochen beginnt der Aufbau der Weihnachtsware, längere Streiks würden Lieferketten und Regalauffüllung treffen. Für Verbraucher hieße das spürbare Engpässe in Supermärkten, Baumärkten und im Versandhandel. Für die 5,2 Millionen Beschäftigten, die seit Mai auf ihre erste Lohnerhöhung warten, wäre das der Beginn einer neuen Phase in einem Arbeitskampf, der längst nicht mehr nur über Löhne geführt wird.

Quellen (10)

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