28 Grad im Main: Alarm um Bayerns Flüsse und Fische
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28 Grad im Main: Alarm um Bayerns Flüsse und Fische

Bei 28 Grad Wassertemperatur sterben Zander. Exakt diesen Grenzwert hat der Main im fränkischen Erlabrunn überschritten, während in Niedersachsen bereits Hechte und Barsche tot an den Ufern liegen. Bayern hat den Alarmplan für seine Flüsse aktiviert.

2. Juli 2026, 18:39 Uhr 707 Wörter · 4 Min. Lesezeit

An den Ufern von Steinhuder Meer und Bederkesaer See liegen seit Ende Juni tote Hechte, Barsche und Zander. Was dort bereits eingetreten ist, soll in Bayern verhindert werden: Die Regierung von Unterfranken hat den Alarmplan für den Main ausgerufen, während die Donaubehörden zwischen Regensburg und Passau die Überwachung intensiviert haben. Am Donnerstag maß der Messpunkt Erlabrunn 28,6 Grad Celsius. Sechs Tage zuvor hatte das Thermometer dort noch 20 Grad gezeigt.

Wie Hitze einen Fluss in eine Sauerstofffalle verwandelt

Mit steigender Temperatur verliert Wasser die Fähigkeit, Sauerstoff zu lösen. Bei 20 Grad enthält ein Liter Flusswasser noch rund 9 Milligramm Sauerstoff, bei 28 Grad sind es nur noch etwa 7,8 Milligramm. Für Fische, die ausschließlich über Kiemen atmen, bedeutet das eine doppelte Belastung: Je wärmer das Wasser, desto höher ihr Stoffwechsel und damit ihr Sauerstoffbedarf, während gleichzeitig das Angebot sinkt.

Eva-Barbara Meidl, Gewässerökologin beim Wasserwirtschaftsamt der Regierung von Unterfranken in Würzburg, beobachtet an den kritischsten Abschnitten zwischen Kitzingen, Würzburg und Erlabrunn bereits gestresste Tiere. Fische stehen in schattigen Bereichen, kleine Krebstierchen von sechs bis sieben Millimetern zeigen apathisches Verhalten. Das gilt als zuverlässiger Frühindikator für ein Ökosystem unter Hitzestress.

Der Alarmplan Main ist seit Beginn dieser Woche in Kraft. Er verpflichtet Industrieunternehmen, kein erwärmtes Kühlwasser mehr in den Fluss einzuleiten. Städte und Gemeinden haben Kanalspülungen eingestellt, Ausbaggerungen der Flusssohle sind untersagt. Für die Donau gilt dieselbe Regelung. Der Fluss fließt auf 380 Kilometern durch Bayern und bietet Lebensraum für 60 Fischarten und 135 Brutvogelarten. Erschwerend wirken sich die 30 Staustufen am bayerischen Main aus: An jedem Wehr wird das Wasser aufgestaut und verlangsamt, was die Durchmischung mit kühlerem Grundwasser verhindert und die Erwärmung verstärkt.

Die Temperaturschwellen, ab denen Fische sterben

Der Anglerverband Niedersachsen hat am 29. Juni die letalen Grenzen für heimische Flussfische zusammengefasst. Die Werte zeigen, wie weit die bayerischen Flüsse bereits in den kritischen Bereich vorgedrungen sind:

  • Bachforelle: stirbt ab 18 Grad
  • Äsche: stirbt ab 20 Grad
  • Hecht: stirbt ab 23 Grad
  • Flussbarsch: stirbt ab 25 Grad
  • Zander: stirbt ab 28 Grad
  • Wels: stirbt ab 30 Grad

Der Main in Erlabrunn liegt bei 28,6 Grad und überschreitet damit bereits die Schwelle, ab der Zander sterben. Die Donau am Messpunkt Pfelling nahe Deggendorf hält seit Mittwoch durchgehend über 26,5 Grad. Damit liegt sie bereits 1,5 Grad über der letalen Schwelle für Barsch und 1,5 Grad unterhalb der für Zander. Der Deutsche Wetterdienst stellte in seiner Bilanz vom 28. Juni fest, viele große Flüsse hätten Wassertemperaturen "um 30 Grad" erreicht, "die das Leben vieler Fische gefährdet". Zum Vergleich: Im Hitzesommer 2018 galt ein Rheinwert von 28 Grad als historischer Extremwert. Der Main liegt 2026 bereits darüber.

Von Beznau bis Steinhuder Meer: Erste Opfer der Hitzewelle

Die Folgen reichen über Bayern hinaus. Am 26. Juni schaltete der Betreiber das Schweizer Kernkraftwerk Beznau vollständig ab. Mit rund 55 Betriebsjahren gilt Beznau als das älteste Kernkraftwerk Europas. Der Grund war die Aare: Beim Kühlprozess leitet das Kraftwerk Flusswasser erwärmt zurück. Bei einer Flusstemperatur von 25 Grad wäre das für das Flussökosystem nicht mehr vertretbar gewesen. Bereits seit dem Dienstag zuvor lief Beznau nur auf halber Leistung.

In Niedersachsen haben Behörden und Angler am Steinhuder Meer und am Bederkesaer See seit Ende Juni zahlreiche tote Großfische entdeckt: Hechte über einem Meter, Zander und Barsche. Das Niedersächsische Landesamt für Wasserwirtschaft, Küstenschutz und Naturschutz (NLWKN) bestätigte Kadaverfunde am Hagenburger Kanal und an der Badeinsel Steinhude. Der Anglerverband Niedersachsen hat daraufhin den Verkauf von Gastkarten für beide Gewässer ausgesetzt, um Angeln als zusätzlichen Stressfaktor für die verbleibenden Fischbestände zu unterbinden.

Nach der Abkühlung lauert das Sauerstoffloch

Eine Abkühlung löst das Problem nicht sofort. In warmen Wochen vermehren sich Algen in Flüssen und Seen explosionsartig. Wenn der erste starke Regen kommt und die Temperaturen sinken, sterben diese Algenpolster schlagartig ab. Ihre Zersetzung verbraucht enorme Sauerstoffmengen im Wasser und kann ein Fischsterben auslösen, das die Hitzephase selbst noch übertrifft. DAFV-Geschäftsführer Alexander Seggelke hatte auf diesen Mechanismus bereits nach der Hitzewelle 2018 ausdrücklich hingewiesen.

Die europäische Dimension dieser Hitzewelle ist erheblich. In Frankreich hatte Pissos an der Atlantikküste 44,3 Grad erreicht, für 72 Departements gleichzeitig galt die höchste Warnstufe Rot. Public Health France registrierte seit dem 24. Juni rund 1.000 Übersterblichkeitsfälle. Der Deutsche Wetterdienst hatte die Hitzewarnperiode für Deutschland als die längste seit Einführung des DWD-Hitzewarnsystems im Jahr 2005 eingestuft. Bayerns Gewässerbehörden werden die Messstellen an Main und Donau bis zur Unterschreitung der Alarmgrenzwerte stündlich weiter überwachen.

Quellen (10)

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