12.500 Hitzetote: Intensivmediziner hält RKI-Zahl für zu niedrig
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12.500 Hitzetote: Intensivmediziner hält RKI-Zahl für zu niedrig

Der DIVI-Geschäftsführer Uwe Janssens hält die RKI-Schätzung von 12.500 Hitzetoten für deutlich zu niedrig. Der Grund liegt im System: 79 Prozent der deutschen Pflegeeinrichtungen haben keine Klimaanlage. Gleichzeitig bricht das Mittelmeer Temperaturrekorde, die im Herbst schwere Stürme begünstigen.

Quellen (10)
  1. Tagesspiegel: DIVI-Intensivmediziner hält RKI-Schätzung für zu niedrigtagesspiegel.de
  2. Finanznachrichten: DIVI-Geschäftsführer hält RKI-Schätzung für zu niedrigfinanznachrichten.de
  3. Euronews: Wer schützt Alte, Kranke und Pflegebedürftige?de.euronews.com
  4. 360gradgesundheit: Hitzeschutz in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen360gradgesundheit.de
  5. Aktuelle Sozialpolitik: Hitzeschutz in kritischen Einrichtungenaktuelle-sozialpolitik.de
  6. Tagesspiegel: Rekord-Wassertemperatur vor Mallorca 33,02 Gradtagesspiegel.de
  7. Frankfurter Rundschau: Mittelmeer-Rekordtemperaturen und Sturmprognosenfr.de
  8. webnachrichten: Mittelmeer bricht Hitzerekord mit gravierenden Folgenwebnachrichten.de
  9. t-online: Historische Hitze in Italien, Alarmstufe Rott-online.de
  10. Hasepost: Experte hält RKI-Schätzung für zu niedrighasepost.de
15. August 2026, 12:44 Uhr751 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Uwe Janssens, medizinischer Geschäftsführer der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), hält die Zahl von rund 12.500 Hitzetoten, die das Robert Koch-Institut für den Sommer 2026 ausweist, für eine Untergrenze. "Es sind sicherlich mehrere Tausend Todesfälle mehr", sagte er dem Tagesspiegel. Der Grund liegt nicht in einem Rechenfehler des RKI, sondern in der Struktur des deutschen Gesundheitssystems.

Warum Totenscheine Hitze systematisch verstecken

Das RKI berechnet Hitzetote als Übersterblichkeit: die Differenz zwischen tatsächlichen Todesfällen und dem statistisch erwarteten Wert. Diese Methode gilt international als Goldstandard und ist konservativer als eine direkte Zählung. Wer auf einer Intensivstation an Multiorganversagen stirbt, weil die Körpertemperatur tagelang über 40 Grad lag, wird auf dem Totenschein als "Herzversagen" oder "Nierenversagen" vermerkt. Hitze erscheint selten als eigenständige Todesursache.

Janssens fordert deshalb einen verpflichtenden nationalen Hitzeschutzplan, der Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen zur Vorhaltung von Kühlkapazitäten verpflichtet. Bislang ist ein solcher Plan in Deutschland nicht verbindlich. Die Bundesregierung hatte im Koalitionsvertrag Klimaanpassungsmaßnahmen angekündigt, über konkrete Vorgaben für das Gesundheitswesen wird noch debattiert.

79 Prozent der Pflegeeinrichtungen ohne Klimaanlage

Die Zahlen zum Stand der Kühlung in deutschen Gesundheitseinrichtungen sind ernüchternd: Laut einer Erhebung haben nur 21 Prozent der befragten sozialen Einrichtungen Klimaanlagen oder vergleichbare Kühlsysteme. Gleichzeitig berichteten 82 Prozent dieser Einrichtungen, von der Hitzewelle stark oder sehr stark betroffen zu sein. Das Statistische Bundesamt stellt fest, dass bei neuen Sozialgebäuden nur 14,5 Prozent mit Kühlung ausgestattet werden, bei Bürogebäuden hingegen 37,8 Prozent.

In der Praxis bedeutet das: Wenn in einem Sommer wie 2026 über Wochen Temperaturen über 35 Grad herrschen, sind Bewohner von Pflegeheimen und Patienten in Krankenhäusern schutzlos ausgeliefert. Aus einzelnen Einrichtungen wurde berichtet, dass spontane Krisenstäbe Patienten in gekühlte Cafeterien verlegen mussten, weil keine anderen Ausweichmöglichkeiten vorhanden waren. Mobile Kühlgeräte wurden als Notlösung aufgestellt. Forschungsergebnisse zeigen, dass die Sterblichkeit an Hitzetagen in Pflegeheimen ohne Klimaanlage um acht Prozent höher liegt als in Häusern mit Kühlung.

Besonders gefährdet sind nach RKI-Daten Menschen über 85 Jahre: Von den bisher geschätzten 12.500 Toten waren rund 6.300 aus dieser Altersgruppe. Sie regulieren die Körpertemperatur langsamer, haben häufiger Vorerkrankungen und nehmen oft Medikamente, die Hitzetoleranz verringern. Und sie leben in Deutschland überdurchschnittlich oft in Einrichtungen ohne ausreichende Kühlung.

33 Grad im Mittelmeer: Herbststürme als nächste Gefahr

Während Deutschland die Hitzetoten des Sommers noch nicht vollständig erfasst, meldet das Mittelmeer neue Rekorde. An einer Messboje vor Mallorca registrierte der spanische Wetterdienst Aemet eine Wassertemperatur von 33,02 Grad Celsius, der höchste je in spanischen Gewässern gemessene Wert. Im westlichen Mittelmeer liegen die Wassertemperaturen insgesamt vier Grad über dem langjährigen Durchschnitt.

Das hat unmittelbare Folgen für Urlauber: An den Küsten kühlt es auch nachts kaum ab, die Luftfeuchtigkeit ist hoch und ein Bad im Meer bietet kaum Erfrischung. Die langfristigere Konsequenz ist gefährlicher: Ein aufgeheiztes Mittelmeer verdunstet enorme Wassermengen und gibt thermische Energie an bodennahe Luftschichten ab. Wenn im Herbst erste Kaltluft aus dem Norden über diese feuchtwarme Luft zieht, steigt sie explosionsartig auf. Das Ergebnis können sogenannte Medicanes sein, Mittelmeerstürme, die einem Hurrikan mit rotierendem Auge und Orkanböen verblüffend ähneln. Die Wahrscheinlichkeit solcher Herbststürme steigt mit jedem weiteren Grad Wassertemperatur.

In Süditalien wurden in diesem Sommer bereits 48 Grad Celsius gemessen. Das italienische Gesundheitsministerium setzte erstmals in diesem Jahr alle 27 Städte seines Hitzewarnsystems gleichzeitig auf die höchste Alarmstufe Rot. Vier Hitzewellen haben Italien seit Mai getroffen, jede aus Afrika kommend, jede die Böden und die Meere weiter erhitzend.

Ein Hitzeschutzplan noch vor dem nächsten Sommer

DIVI-Geschäftsführer Janssens fordert, noch in diesem Herbst eine gesetzliche Grundlage für Hitzeschutz in Gesundheitseinrichtungen zu schaffen, damit vor dem Sommer 2027 konkrete Nachrüstungen beginnen können. Sein Kernargument: Wer die Sterblichkeitszahlen eines Sommers wie 2026 erst Monate danach vollständig kennt, handelt strukturell zu langsam. Die Totenscheine werden im Herbst ausgezählt, die Übersterblichkeitsstatistik im Winter fertiggestellt. Bis ein Gesetz verabschiedet ist, vergehen weitere Monate. Dann kommt der nächste Sommer.

Die Zahlen dieses Sommers legen nahe, dass die Debatte über Klimaanpassung im Gesundheitswesen nicht mehr als abstrakte Zukunftsplanung behandelt werden kann. 12.500 Tote sind bereits die Untergrenze. Wie hoch die tatsächliche Zahl liegt, wird Deutschland erst im Winter wissen.

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