Zweite Hitzewelle 2026: 38 Grad und entwaldete Städte
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Zweite Hitzewelle 2026: 38 Grad und entwaldete Städte

Der Deutsche Wetterdienst warnt in über 100 Landkreisen vor extremer Hitze bis 38 Grad. Gleichzeitig zeigt ein neuer Bericht: In sieben Jahren verloren deutsche Städte 900.000 Bäume, genau als die zweite schwere Hitzewelle des Jahres beginnt.

19. Juni 2026, 12:41 Uhr 968 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Am 18. Juni 2026 registrierte der Deutsche Wetterdienst an der Station Saarbrücken-Burbach 35,6 Grad Celsius: der erste Wert über 35 Grad in diesem Jahr. Bis zum Wochenende sollen Rheintal und Oberrheingraben 38 Grad erreichen, in mehr als 100 Landkreisen gilt die höchste Warnstufe "extrem". Was diese Welle besonders gefährlich macht, ist nicht allein die Temperatur, sondern was deutsche Städte in den Jahren davor verloren haben.

Was der DWD für Freitag warnt

Amtliche Hitzewarnungen gelten heute, am 19. Juni 2026, in Rheinland-Pfalz, im Saarland, in Baden-Württemberg, in Teilen Nordrhein-Westfalens, Hessens und Bayerns. Der DWD stuft die Lage in vielen Regionen als "extrem" ein, nicht nur als "stark". Im Westen und Südwesten, vor allem im Rheingraben zwischen Karlsruhe und Mainz, rechnet der Dienst mit 36 bis 38 Grad Celsius. Tropische Nächte mit über 20 Grad verschärfen die Belastung: Wer tagsüber nicht abkühlen kann, ist nachts nicht erholt.

In Brandenburg und Sachsen-Anhalt ist die Situation anders, aber nicht besser. Dort zeigt der Waldbrandgefahrenindex der Länder heute die höchste Stufe 5. In weiten Teilen beider Bundesländer ist das Brandrisiko damit auf dem Maximum. Der Deutsche Feuerwehrverband hatte bereits am 18. Juni vor "regional stark steigender Vegetationsbrandgefahr" gewarnt. Im Vergleich zu den erwarteten 38 Grad: Der bisherige bundesweite Allzeitrekord liegt bei 41,2 Grad, gemessen am 25. Juli 2019 in Tönisvorst. Der Junirekord liegt bei 39,6 Grad, gemessen am 30. Juni 2019 im sachsen-anhaltinischen Bernburg.

Warum 38 Grad besonders gefährlich sind

Das Robert Koch-Institut und das Bundesgesundheitsministerium benennen übereinstimmend vier Hauptrisikogruppen: Menschen über 65 Jahre, chronisch Kranke, Pflegebedürftige und Kleinkinder. Die Risiken reichen von Hitzekrämpfen über Hitzeerschöpfung bis zum Hitzschlag. Für ältere Menschen ist Tod durch Kreislaufversagen bei anhaltender Wärme eine ernsthafte Gefahr.

Die historischen Zahlen belegen das Ausmaß. Im Sommer 2003 starben in Deutschland rund 7.600 Menschen an hitzebedingten Ursachen, 2018 waren es rund 8.700. In den moderateren Sommern 2023 und 2024 lagen die Zahlen laut RKI-Wochenbericht bei jeweils rund 3.200 und 3.000. Besonders betroffen: Personen ab 75 Jahren, bei denen das Temperaturempfinden und die Anpassungsfähigkeit des Körpers eingeschränkt sind. Der Vergleich zeigt, dass selbst ohne Rekordsommer mehrere tausend Menschen pro Jahr in Deutschland an Hitzefolgen sterben. Das RKI empfiehlt, körperliche Aktivitäten im Freien bis mindestens zum 22. Juni auf die kühlen Morgen- und Abendstunden zu beschränken.

Die zweite Welle des Jahres

Diese Hitzewelle ist nicht die erste des Jahres 2026. Europa erlebte bereits Ende Mai eine frühe Hitzewelle, die Klimawissenschaftler als die früheste in europäischen Aufzeichnungen einstuften. Portugal registrierte damals 40,3 Grad, Großbritannien 35,1 Grad. Dass bereits im Juni eine zweite schwere Hitzewelle über Mitteleuropa rollt, ist selbst für die jüngeren, wärmeren Jahrzehnte ungewöhnlich.

Attributionsstudien, ausgewertet von Climate Analytics und dem Carbon Brief-Netzwerk, zeigen: Von über 200 analysierten Hitzewellen weltweit wurden 95 Prozent durch den Klimawandel intensiver oder häufiger. Keine einzige wurde schwächer. Die Forschungsplattform Forschung und Lehre weist darauf hin, dass diese Ergebnisse sogar eher unterschätzt werden, weil Datenlücken besonders in ärmeren Ländern bestehen. Für Deutschland bedeutet das: Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie oft solche Sommer kommen.

900.000 Stadtbäume weniger

Während die Temperaturen steigen, schrumpft die natürliche Kühlung. Der Hitzecheck 2026 der Deutschen Umwelthilfe, veröffentlicht im Juni dieses Jahres, analysierte 195 deutsche Städte. Ergebnis: Zwischen 2018 und 2025 verschwanden rund 900.000 Bäume aus deutschen Städten. Nur sieben Städte, darunter Hamburg, Berlin und Oldenburg, erreichen den wissenschaftlich empfohlenen Wert von 30 Prozent Baumkronenbedeckung. Jährlich werden rund 62 Quadratkilometer Fläche neu versiegelt.

Bäume sind in Städten keine Dekoration. Ein ausgewachsener Stadtbaum kühlt seine Umgebung durch Verdunstung und Schatten um mehrere Grad Celsius. In Straßen ohne Baumbestand liegen Oberflächentemperaturen 10 bis 15 Grad über denen bewachsener Flächen. 900.000 fehlende Bäume sind 900.000 fehlende natürliche Klimaanlagen, in einem Sommer, in dem die Bundesregierung die Entwicklung eines nationalen Hitzeschutzgesetzes noch nicht abgeschlossen hat.

Strom wird teurer, Wind fehlt

Die Hitzewelle trifft auch den Energiemarkt mit paradoxen Konsequenzen. Bloomberg meldete am 18. Juni, dass die deutschen Tagesvorauspreise für Strom um 29 Prozent gestiegen sind. Der Grund: Die Hitzewelle geht einher mit schwachem Wind. Solaranlagen produzieren zwar an heißen Tagen viel Strom, reichen aber nicht aus, die fehlende Windleistung zu kompensieren. Gaskraftwerke und Kohlekraftwerke springen ein und treiben die Preise.

Langfristig droht ein weiterer Effekt: Wenn der Anteil klimatisierter Haushalte in Deutschland von heute 19 Prozent auf 35 Prozent steigt, könnte die Spitzenlast an Hitzetagen um bis zu 12 Gigawatt wachsen, was der Kapazität von zehn Kohlekraftwerken entspräche. Hitzewellen und Energieversorgung sind damit kein getrenntes Problem mehr.

Hitzewelle hält mindestens bis 22. Juni

Das Azorenhoch, das die Hitzewelle stabilisiert, soll nach Vorhersagemodellen mindestens bis zum 22. Juni bestehen bleiben. Einzelne Modelle zeigen das Hoch auch im Juli wiederkehrend. Der zu erwartende Wetterwechsel dürfte mit Gewitterregen verbunden sein, was kurzfristig lokale Überflutungsrisiken erzeugen kann. Eine nachhaltige Abkühlung ist laut Wetterprognose frühestens Ende Juni wahrscheinlich.

Was bleibt, sind strukturelle Fragen, die keine Hitzewelle beantwortet: Die Bundesregierung hat keinen konkreten Zeitplan für ein Hitzeschutzgesetz genannt. Der Bundestag geht am 10. Juli in die Sommerpause. Kommunen wie der Landkreis Böblingen haben eigene Hitzeaktionspläne vorgelegt, aber ohne bundesweite Grundlage und Finanzierung bleibt der Flickenteppich. 900.000 fehlende Bäume pflanzt kein Hitzeaktionsplan über Nacht nach.

Update 24. Juni, 15:05 Uhr: Die Hitzewelle hat das ursprünglich prognostizierte Ende am 22. Juni deutlich überschritten. Am Mittwoch, den 24. Juni, erreichen die Temperaturen in Deutschland vielerorts 32 bis 39 Grad; im Norden sind es 27 bis 34 Grad. Der eigentliche Höhepunkt steht nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes erst noch bevor: Am Wochenende, also am 27. und 28. Juni, sollen die Temperaturen im Westen und Südwesten auf 40 bis 41 Grad steigen. Der bisherige Juni-Rekord von 39,6 Grad, gemessen am 30. Juni 2019 in Bernburg (Sachsen-Anhalt), könnte damit erstmals gebrochen werden. Das Ende der Hitzewelle zeichnet sich für Sonntag oder Montag ab: Schwere Gewitter mit Starkregen und Hagel sollen die Hitzeglocke über Mitteleuropa aufbrechen und die Temperaturen zum Wochenbeginn auf 25 bis 30 Grad zurückführen.

Quellen (19)

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