41,5 Grad: Deutschlands Hitzerekord fällt zweimal in 24 Stunden
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41,5 Grad: Deutschlands Hitzerekord fällt zweimal in 24 Stunden

41,5 Grad Celsius: Am 27. Juni misst Drewitz in Sachsen-Anhalt Deutschlands neuen Allzeitrekord. Das bricht den Vortagesrekord zum zweiten Mal in 24 Stunden. Klimaforscher erklären gleichzeitig: Hitzewellen sind 200-mal wahrscheinlicher als noch vor 20 Jahren.

28. Juni 2026, 0:41 Uhr 865 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Um 16:30 Uhr zeigt das Thermometer an der DWD-Messstation Drewitz im Jerichower Land 41,5 Grad Celsius. Deutschland hat seinen Allzeitrekord gebrochen, zum zweiten Mal in 24 Stunden. Gleichzeitig veröffentlichten Klimaforscher eine Studie, die erklärt, warum das kein statistischer Unfall war.

Drei Rekorde in drei Tagen

Der bisherige deutsche Allzeitrekord von 41,2 Grad Celsius hatte fast sieben Jahre gehalten. Aufgestellt worden war er am 25. Juli 2019 gleichzeitig in Tönisvorst (Nordrhein-Westfalen) und Duisburg-Baerl. Am Freitag, den 26. Juni 2026, fiel er zum ersten Mal: Die DWD-Station Saarbrücken-Burbach registrierte 41,3 Grad. Rund 24 Stunden später ist auch dieser Wert Geschichte.

Drewitz liegt im Jerichower Land in Sachsen-Anhalt, einem Landkreis östlich von Magdeburg. Der DWD bezeichnete die Messung als provisorischen neuen Allzeithöchstwert für Deutschland; die offizielle Bestätigung folgt nach der Qualitätssicherung der Messdaten, was bei Rekordwerten einige Tage dauern kann.

Die Hitzewelle, die der Deutsche Wetterdienst dem Hitzehoch Hartmut zuordnet, begann am 22. Juni. In weiten Teilen Deutschlands lagen die Temperaturen nach DWD-Angaben in den vergangenen Tagen 14 bis 18 Grad über dem klimatologischen Mittel für Ende Juni. Das ist kein meteorologischer Ausreißer mehr. Das ist ein anderes Klimasystem.

200-mal wahrscheinlicher: Die Klimaforschung rechnet ab

Am 26. Juni, einen Tag vor dem Drewitzer Rekord, veröffentlichte das Forschungsnetzwerk World Weather Attribution (WWA) eine Rapid-Attribution-Studie zu dieser Hitzewelle. Das Kernergebnis ist eindeutig: Die aktuelle Hitzewelle ist die schwerste jemals in Europa aufgezeichnete und wäre in einem vorindustriellen Klima physikalisch nahezu unmöglich gewesen.

Die zentrale Zahl der Studie: Hitzewellen wie diese sind heute 200-mal wahrscheinlicher als noch vor 20 Jahren. 45 Prozent von 854 analysierten europäischen Städten in 30 Ländern brechen in diesen Tagen ihre historischen Hitzestress-Rekorde. Hätte dieselbe Wetterlage 50 Jahre früher existiert, wären die Temperaturen in Europa um rund 3,5 Grad kühler gewesen. Drewitz hätte also allenfalls 38 Grad gemessen.

WWA arbeitet mit Ensemble-Klimamodellen, die natürliche Variabilität mit beobachteten CO2-Konzentrationen vergleichen. Das Ergebnis widerlegt die oft gehörte Aussage, einzelne Wetterereignisse ließen sich nicht auf den Klimawandel zurückführen: Bei dieser Hitzewelle zeigen die Forscher, dass fossile Emissionen direkt für die Extremintensität verantwortlich sind. Die WWA kommt zu dem Schluss, die Hitzewelle sei eindeutig die Folge des Klimawandels durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe.

Besonders markant: Europa erwärmt sich bei den täglichen Höchsttemperaturen dreimal schneller als der globale Durchschnitt. Nachttemperaturen steigen doppelt so schnell. Was früher alle 50 Jahre zu erwarten gewesen wäre, tritt in einem Zwei-Grad-Szenario im Abstand von wenigen Jahren auf.

Autobahnen platzen auf, Züge werden evakuiert

Was 41,5 Grad im Alltag bedeuten, zeigt sich an der Infrastruktur. Seit dem 20. Juni registriert die Autobahn GmbH des Bundes auf A1, A10, A13, A2 und A6 sogenannte Blow-ups: Stellen, an denen sich Betonplatten durch thermische Ausdehnung plötzlich anheben. Auf älteren Betonstrecken reicht das aus, um Fahrspuren zu sperren. Die Autobahn GmbH hat Präventivtempobeschränkungen auf der A7, A92 und A93 eingeführt.

Die Deutsche Bahn musste mehrfach Züge evakuieren. Auf einem Regionalzug mit 475 Passagieren zwischen Leipzig und Magdeburg fiel die Klimaanlage aus; der Zug wurde außerplanmäßig angehalten und die Reisenden in Busse umgeleitet. In Leipzig stand der Straßenbahnbetrieb wegen überhitzter Oberleitungen still. Für Fernverkehrstickets bot die Bahn kostenlose Stornierungen an.

In Frankreich ist die Bilanz dramatischer. Seit dem 21. Juni wurden mindestens 327 hitzebedingte Todesfälle in Europa registriert, allein in Frankreich sind es nach Behördenangaben mindestens 40 Menschen. Die meisten Opfer sind über 75 Jahre alt. Der Plan Canicule, Frankreichs nationales Hitzewarnsystem, das nach dem katastrophalen Sommer 2003 mit rund 15.000 Toten in Frankreich eingeführt worden war, gilt in 72 der 101 Départements auf der höchsten Warnstufe Rot.

Warum 41 Grad die neue politische Frage ist

Der DWD erwartet für die nächsten Tage eine allmähliche Abschwächung der Welle. Ab dem 1. Juli sollen Gewitter den Hitzedom über Mitteleuropa aufbrechen und die Temperaturen auf 25 bis 30 Grad zurückführen. Das macht diese Woche zu Ende, nicht das strukturelle Problem.

Hitzeschutzgesetze, wie sie Frankreich und Spanien kennen, existieren in Deutschland auf Bundesebene nicht. Kommunen wie Stuttgart und Frankfurt haben eigene Hitzeaktionspläne erarbeitet, aber ohne einheitliche gesetzliche Grundlage bleibt die Schutzinfrastruktur lückenhaft. Die Bundesregierung hat bis dato keinen Gesetzentwurf vorgelegt; der Bundestag geht am 10. Juli in die Sommerpause.

Auf Basis aktueller Emissionstrends prognostiziert die WWA-Studie, dass Hitzewellen wie die jetzige im Verlauf dieses Jahrhunderts von einem seltenen Extremereignis zum regulären Sommermuster werden. Die Frage, welche politischen Konsequenzen daraus gezogen werden, stellt sich spätestens, wenn der Bundestag im Herbst aus der Sommerpause zurückkommt.

Update 2. Juli, 23:03 Uhr: Am Tag nach dem Drewitzer Rekord kletterte das Thermometer an der DWD-Messstation Neißemünde-Coschen im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree auf 41,7 Grad Celsius und überbot damit auch den Drewitzer Wert vom 27. Juni. Der DWD hatte den deutschen Allzeitrekord damit innerhalb von rund 18 Stunden zweimal nach oben korrigieren müssen: erst auf 41,5 Grad in Sachsen-Anhalt, dann auf 41,7 Grad in Brandenburg. Die Messung gilt weiterhin als vorläufig und steht unter dem Vorbehalt der abschließenden Qualitätsprüfung des Deutschen Wetterdienstes. In seiner Monatsbilanz zum Juni 2026 hielt der DWD fest: Mit einem Temperaturmittel von 19,5 Grad war es der zweitwärmste Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, knapp hinter dem bisherigen Rekordjuni 2019 mit 19,8 Grad. Die Hitzewelle klang wie erwartet nach dem 1. Juli ab; Wettermodelle prognostizieren für Mitte Juli bereits die nächste Hitzeperiode mit Werten bis zu 37 Grad.

Quellen (11)

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