Schlafkrankheit: Einmalige Dosis, 96 Prozent geheilt
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Schlafkrankheit: Einmalige Dosis, 96 Prozent geheilt

Für Jahrzehnte wurde Schlafkrankheit im Spätstadium mit Arsenverbindungen behandelt, die jeden zwanzigsten Patienten töteten. Das erste orale Einmaltherapeutikum erhielt im Februar 2026 ein EMA-Gutachten: drei Tabletten, ein Tag Behandlung, 96 Prozent Heilungsrate.

18. Mai 2026, 17:22 Uhr 624 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wer an Schlafkrankheit erkrankt, brauchte bislang wochenlange Infusionen mit einem Wirkstoff, der Arsen enthält und einen von zwanzig Patienten während der Behandlung tötet. Das ändert sich: Die Europäische Arzneimittelagentur erteilte im Februar 2026 dem ersten oralen Einmaltherapeutikum gegen die Krankheit ein positives Gutachten. Drei Tabletten, ein Tag Behandlung, 96 Prozent Heilungsrate.

Was ist die Schlafkrankheit?

Humane afrikanische Trypanosomiasis (HAT), bekannt als Schlafkrankheit, ist eine von Tsetsefliegen übertragene Parasitenkrankheit, die in 36 Ländern Subsahara-Afrikas endemisch ist. Ohne Behandlung verläuft sie tödlich: Der Parasit Trypanosoma brucei gambiense dringt ins Zentralnervensystem ein, stört den Schlaf-Wach-Rhythmus und führt schließlich zum Tod. Rund 60 bis 70 Millionen Menschen leben in Risikogebieten; die Demokratische Republik Kongo verzeichnet allein 61 Prozent aller Fälle.

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Die bisherige Standardtherapie im fortgeschrittenen Stadium war Melarsoprol, ein Arsenikderivat aus dem Jahr 1949. Es heilt die Krankheit in etwa 96 Prozent der Fälle, tötet aber bei einem bis fünf Prozent der Patienten durch Enzephalopathie und schwere Krampfanfälle. Eine Behandlung, die selbst tötet: Das war für Jahrzehnte die einzige Option im Spätstadium.

Warum jetzt?

Acoziborole, entwickelt von der Initiative für vernachlässigte Krankheiten DNDi gemeinsam mit Sanofi, erhielt am 24. Februar 2026 eine positive Stellungnahme des EMA-Ausschusses für Humanarzneimittel. Das Gutachten gilt für den Einsatz außerhalb der EU, ein EMA-Verfahren, das die Zulassung von Medikamenten für Länder ohne eigene regulatorische Kapazität ermöglicht.

Grundlage ist eine klinische Studie mit 167 Patientinnen und Patienten in beiden Krankheitsstadien: Alle 41 Erkrankten im frühen und intermediären Stadium wurden nach DNDi-Angaben zu 100 Prozent als geheilt eingestuft. Von 126 Patientinnen und Patienten im fortgeschrittenen Stadium waren nach 18 Monaten 95,2 Prozent geheilt. Die Gesamterfolgsrate liegt bei 96 Prozent.

Was sich konkret ändert

Das Behandlungsschema ist radikal vereinfacht: drei Tabletten, einmalig, an einem einzigen Tag. Keine Infusion, kein wochenlanger Klinikaufenthalt. Wirksam ist das Medikament für Jugendliche ab 12 Jahren und Erwachsene mit mindestens 40 Kilogramm Körpergewicht, in allen Krankheitsstadien.

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Diese Vereinfachung ist entscheidend, weil Schlafkrankheit fast ausschließlich Menschen in abgelegenen ländlichen Regionen mit schwacher Gesundheitsinfrastruktur trifft. Das bisherige Regime aus intravenösen Infusionen über 10 bis 14 Tage war in vielen dieser Regionen schlicht nicht umsetzbar. Patienten starben nicht, weil kein Medikament existierte, sondern weil sie keinen Zugang zur Behandlung hatten. Sanofi hat angekündigt, Acoziborole über seine Stiftung Foundation S kostenlos an die WHO abzugeben, für alle Endemieländer.

Im Vergleich: Polio und Guinea-Wurm zeigen was möglich ist

Zwei andere vernachlässigte Erkrankungen zeigen, was medizinischer Fortschritt in Kombination mit globaler Koordination bewirken kann. Der Guineawurm, der 1986 noch rund 3,5 Millionen Menschen jährlich befiel, wird laut Carter Center bis zur vollständigen Ausrottung geführt: 2023 waren es weltweit noch 13 bestätigte Fälle. Das Besondere: ohne Medikament, allein durch Wasserfilter und systematisches Fallmanagement.

Bei Polio sank die Zahl der Wildvirus-Erkrankungen laut WHO von schätzungsweise 350.000 jährlich im Jahr 1988 auf unter 20 gemeldete Fälle 2024, eine Reduktion um über 99,9 Prozent in 36 Jahren. Beide Erfolge brauchten Jahrzehnte globaler Koordination. Bei der Schlafkrankheit ist die Infrastruktur noch im Aufbau. Acoziborole könnte die nötige Beschleunigung bringen, weil die Behandlung erstmals ohne stationäre Versorgung auskommt.

Auf dem Weg zur Eliminierung bis 2030

Die WHO verfolgt das Ziel, HAT durch Trypanosoma brucei gambiense bis 2030 als öffentliches Gesundheitsproblem zu eliminieren, definiert als weniger als eine neue Infektion pro 10.000 Menschen in Risikogebieten pro Jahr. Die Ausgangslage ist besser als je zuvor: 1998 wurden noch rund 40.000 Fälle jährlich gemeldet, 2020 waren es weltweit 663.

Zwei Faktoren werden entscheiden, ob das Ziel erreichbar ist. Erstens die Reichweite: Wenn Acoziborole kostenlos über mobile Gesundheitsteams verteilt werden kann, fällt die größte Behandlungsbarriere weg. Zweitens die Übertragerkontrolle: Ohne Reduzierung der Tsetsefliegen-Populationen durch Fallen, Insektizide und Screeningprogramme bleibt die Infektionsgefahr bestehen, auch wenn jeder diagnostizierte Fall heilbar ist. Die Schlafkrankheit hat in gut zwei Jahrzehnten über 98 Prozent ihrer Fälle verloren. Das letzte Prozent ist das schwerste.

Quellen (6)

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