HIV-Impfstoff: mRNA-Trimere erzeugen 80 Prozent Antikörper
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HIV-Impfstoff: mRNA-Trimere erzeugen 80 Prozent Antikörper

Zum ersten Mal erzeugte ein mRNA-Impfstoff bei 80 Prozent der Studienteilnehmer neutralisierende Antikörper gegen HIV. Bisherige Ansätze schafften das bei maximal 4 Prozent.

24. Juni 2026, 17:13 Uhr 700 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Das Protein war das Problem. HIV-Hüllproteine legen in löslicher Form die falsche Seite frei und trainieren das Immunsystem auf Angriffspunkte, die nichts bringen. Eine Phase-1-Studie in Science Translational Medicine vom Juli 2025 zeigt, was passiert, wenn das Protein in seiner natürlichen Membranform präsentiert wird: 80 Prozent der Probanden bildeten neutralisierende Antikörper. In der Vergleichsgruppe mit löslichen Proteinen waren es 4 Prozent.

Warum kein Impfstoff HIV blockierte

HIV verändert seine Oberfläche schneller als nahezu jedes andere bekannte Virus. Ein Antikörper, der einen Stamm blockiert, versagt bei einem anderen. Das Ziel der Impfstoffforschung sind deshalb breit neutralisierende Antikörper (broadly neutralizing antibodies, BNAbs): Moleküle, die an konservierte, kaum veränderliche Bereiche des Virus andocken, unabhängig davon, welcher Stamm zirkuliert.

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Das Problem: Der menschliche Körper bildet diese Antikörper von Natur aus nur selten. Etwa 20 Prozent der Menschen, die jahrelang unbehandelt mit HIV leben, entwickeln schwache BNAbs, was zeigt, dass es immunologisch möglich ist. Durch eine Impfung zuverlässig auszulösen gelang bislang nicht.

Der bisher erfolgreichste Versuch war die RV144-Studie in Thailand, abgeschlossen 2009 mit mehr als 16.000 Teilnehmern. Sie erreichte nach 3,5 Jahren eine Wirksamkeit von 31,2 Prozent. Breit neutralisierende Antikörper erzeugte sie nicht; ihr Schutz beruhte auf anderen Immunmechanismen. Kein nachfolgendes Vakzin kam ihr nahe.

Membrangebundene Trimere: Warum die neue Methode funktioniert

Das Oberflächenprotein von HIV, das Envelope-Trimer (Env), besteht aus je drei Einheiten und liegt auf der Virushülle. Es nimmt seine schützende Konformation nur in Kontakt mit einer Membran an. Lösliche Varianten dieses Proteins, auf denen bisherige Impfstoffe basierten, falten sich anders: Sie legen Regionen frei, die das Immunsystem auf Angriffspunkte lenken, die keinen echten Schutz bringen.

Die Lösung: mRNA-Impfstoffe, die körpereigene Zellen anweisen, die Trimere membrangebunden zu produzieren, also in der Form, in der sie auf dem echten Virus vorkommen. K. Rachael Parks und Kollegen beschreiben in Science Translational Medicine (DOI: 10.1126/scitranslmed.ady6831), dass drei Impfungen bei 80 Prozent der Probanden, die membrangebundene Trimere erhielten, sogenannte Tier-2-neutralisierende Antikörper auslösten. Tier 2 bezeichnet Viren mit moderatem Widerstand gegen Neutralisierung. In der Vergleichsgruppe mit löslichen Trimeren entwickelten nur 4 von 108 Probanden (4 Prozent) dieses Ergebnis.

Zeitgleich veröffentlichten Forscher am Scripps Research Institute und der Impfstofforganisation IAVI im Mai 2025 in Science die Ergebnisse zweier weiterer Phase-1-Studien. Die Teams um William Schief, Professor am Scripps Research Institute und Executive Director of Vaccine Design am IAVI Neutralizing Antibody Center, zeigten, dass mRNA-Impfstoffe gezielt die seltenen B-Zellen aktivieren können, aus denen breit neutralisierende Antikörper entstehen. Scripps Research bezeichnete die Ergebnisse in einer Pressemitteilung als „proof of concept“ für den gesamten Ansatz.

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Was 80 Prozent bedeuten und was Phase 1 nicht beweist

Die Parks-Studie ist eine Phase-1-Studie: auf Sicherheit und erste Wirksamkeit ausgelegt, nicht auf breite Wirksamkeit gegen diverse HIV-Stämme. Die 80 Prozent beziehen sich auf autologe Tier-2-Neutralisierung, also die Neutralisierung des Impfstamms. Ob die Antikörper global zirkulierende HIV-Varianten blockieren, müssen Phase-2- und Phase-3-Studien zeigen. Zur Sicherheit: 6,5 Prozent der 108 Probanden entwickelten Urtikaria (Nesselausschlag), häufiger als bei anderen mRNA-Impfstoffen, aber ohne schwere Nebenwirkungen.

Der Kontext macht deutlich, warum das Ergebnis trotzdem bedeutend ist: Laut UNAIDS leben weltweit 40,9 Millionen Menschen mit HIV (Stand 2025). Rund 1,2 Millionen infizieren sich jährlich neu, rund 570.000 Menschen sterben an AIDS-assoziierten Erkrankungen, größtenteils in Regionen ohne ausreichenden Therapiezugang. Antiretrovirale Therapie kann HIV unterdrücken, aber ein Impfstoff würde die Übertragungskette unterbrechen.

Im Vergleich: Andere Viren galten als unlösbar

Hepatitis C galt bis 2014 als kaum heilbar. Interferon-basierte Therapien wirkten bei weniger als der Hälfte der Patienten und hatten erhebliche Nebenwirkungen. Direkt wirkende antivirale Mittel (DAAs) erreichen ab 2014 Heilungsraten von über 95 Prozent. Der Schlüssel war das genaue Verständnis des viralen Replikationsmechanismus, gefolgt von zielgerichteten Molekülen. HIV ist komplexer, aber die Logik gilt: Wer das Angriffsziel präzise kennt, kann zielen.

Die COVID-19-Impfstoffe zeigen, dass mRNA-Vakzine skalieren: Biontech/Pfizer und Moderna entwickelten Impfstoffe mit über 90-prozentiger Wirksamkeit innerhalb eines Jahres. Dieselbe Plattform wird jetzt bei HIV eingesetzt. Der Unterschied ist die Variabilität: SARS-CoV-2 hat ein relativ konserviertes Spike-Protein. HIV-1 zirkuliert in mehreren globalen Subtypen mit extremer Diversität an der Oberfläche.

Frühe 2030er: Was Phase 2 bringen kann

Die Autoren beschreiben als nächsten Schritt eine Phase-2-Studie, die Wirksamkeit und Immunogenität an einer größeren Gruppe bewertet, verbunden mit einer Folgestudie zur Breitenwirksamkeit gegen diverse Stämme. Bei positivem Ergebnis würde eine globale Phase-3-Studie mit Zehntausenden Teilnehmern folgen. Frühestens Anfang der 2030er Jahre wäre eine Zulassung realistisch. Parallel laufen die IAVI/Scripps-Studien, die auf einen ergänzenden Ansatz setzen: das Immunsystem so zu schulen, dass es BNAbs von Grund auf entwickelt. Nach vierzig Jahren ohne klinischen Durchbruch laufen zum ersten Mal mehrere mRNA-basierte Ansätze gleichzeitig mit positiven Ergebnissen in Menschen.

Quellen (8)

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